MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.11.2019, Jamal Tuschick

In der Zeit studentischer Auseinandersetzungen wurde der Begriff "faschistoid" als Waffe gegen den Staat eingesetzt. In Wahrheit war "faschistoid" eine halluzinatorische Projektion - eine Beschwörungsformel.

Pünktlich rauscht der Intercity durch die Bundesrepublik ... Eckart Britsch über den inflationären Gebrauch des Faschismusbegriffs

Faschistischer Völkerbund

1968 - In der Zeit studentischer Auseinandersetzungen wurde der Begriff "faschistoid" als Waffe gegen den Staat eingesetzt. In Wahrheit war "faschistoid" eine halluzinatorische Projektion - eine Beschwörungsformel nach der Devise: jetzt ist der Faschismus da. Allerdings hatte sich an keiner Stelle und zu keiner Zeit im Staat der beschworene "latente Faschismus" manifestiert. "Faschistoid" war aber die "Bewegung" (ein Nazibegriff): Professoren unterbrechen, Leute niederschreien, autoritäre männliche Banden gründen wie die KPW, die KPD/ML, die ADSEN, den SHB, den Verein Marxistische Linke. In der Schmuddelecke vegetierte der RCDS. Aus dieser Revolutionsromantik oder besser Arbeiteremblematik, einem gegen die Realität abgeschotteten Kokon, schlüpfte der Eichenprozessionsspinner RAF hervor. Die Begründungen und Schriften der RAF waren von Anfang an wahnhaft; zumal die im RAF-Kontext vorbildlichen Tupamaro Guerilla in ihrem Gründungsland Uruguays in den Gewerkschaftsbewegungen verankert war, während die deutschen Stadtpartisanen ein Wolkenkuckucksheim bewohnten.

"Faschistoid" ist heute unmodern, aus der Alltagssprache verschwunden. Mit der oberflächlichen, anti-aufklärerischen Faschismus-Masturbation ist dies nicht so, obwohl der Faschismus-Begriff in Deutschland ein Entsühnungsunternehmen ist. Wer Faschismus sagt, meint banal: von Rumänien über Kroatien nach Italien, Frankreich und Spanien bis nach Deutschland gab es Faschismus. Dass unterschlägt als wichtigsten Punkt, dass allein der NS nach rassistischen, geschlechterspezifischen und politischen Selektionskriterien Kinder, Frauen, Männer mit Organisation und Technik umgebracht hat und einen Weltkrieg in Gang hielt, der mehr als sechzig Millionen Opfer den Tod brachte.

Wie konnte es dahin kommen?

In Deutschland waren alle Revolutionen Konterrevolutionen. Keine französische Revolution, keine Magna Charta und keine Constitution dienten einem erkämpften, freiheitlich-liberalen Nationalstaat als Triebfeder. Statt dessen Gründung von oben, von Bismarck diktiert im Spiegelsaal von Versailles. Die rechtsradikale Bewegung bis zum NS speiste sich aus vielen Quellen, wobei die Romantik bereits in der politischen Theologie von Carl Schmitt - Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet - als nationales Studentenfutter denunziert wurde. Nicht die Romantik etwa war die Utopie eines Nationalstaates, sondern ein völlig entleerter Begriff der Souveränität, der mit der willkürlichem "Entscheidung" funktionieren sollte und in den man dieses oder jenes hineindeuten konnte. In Kapitel IV, "Zur Staatsphilosophie der Gegenrevolution (De Maistre, Bonald, Donoso Cortes) in der "Politischen Theologie" von 1919 wird Carl Schmitts Romantik geschlachtet:

"Den deutschen Romantikern ist eine originelle Vorstellung eigentümlich: das ewige Gespräch."

Der Parlamentarismus wird dann kurze Zeit später als Quatschbude lächerlich gemacht. Die neue Setzung folgt der Behauptung, "Demokratie und Diktatur schließen sich nicht aus". Dagegen wird die katholische Staatsphilosophie als die große Alternative bemüht, die sich geradezu aufdrängt, um im Chaos Ordnung zu stiften. Sie formuliert ein radikales "Entweder-Oder", das keine Vermittlung mehr zulässt. Der Rechtsradikalismus lebt von der Zerstörung bürgerlicher Vermittlungen. Der NS ist Katastrophen-Angst und Katastrophenlust - letztlich Katastrophenfaszination. Daher auch die Nibelungenfaszination, die viel bedeutender ist als die Romantik. Von Anfang an ist in der nationalsozialistischen Vorlage das Ende eingetragen mit dem Höhepunkt des Blutbades in König Etzels Krönungssaal. Daher ist die geforderte Nibelungentreue der Nazis von vorneherein die Treue zum Totenreich. Blutfahne war die offizielle Bezeichnung für die Hakenkreuzfahne. Im Heiligen Römischen Reich das Zeichen der ursprünglich nur dem Führer zustehenden Blutgerichtsbarkeit. Die Einübung in den Tod oder in der Formulierung Martin Heideggers - das Vorlaufen in den Tod - ist die Grundlage für die totale völkische Mobilmachung, die alle Bereiche der Gesellschaft erreicht. Der NS war gegen den Liberalismus als eine stabile, ewige Form des Reiches gesetzt. Neben der Produktion von Glaubensformeln ging es immer auch um die

Suche nach Helden 

Einen Maßstab lieferte Obersturmbannführer Otto Skorzenky. Benito Mussolinis Befreiung war ein imposantes Gesellenstücke. Eine strategische Leistung (nach faschistischem Selbstverständnis) waren die Werwölfe - eine dezentrale, autonom agierende Guerilla, die hinter feindlichen Linien mit Attentaten, Überfällen und Sabotageakten für Chaos sorgte. (Nie davon gehört; Anmerkung der Redaktion.) Dass dies nicht mehr kriegsentscheidend sein konnte, verstand Obersturmbandführer Skorzenky rechtzeitig. So nutzte er Know-how, Manpower und Connection für die Entwicklung der Rattenlinien, die dem Spitzenpersonal das Entkommen nach Südamerika, Arabien und Spanien sicherten. Das auf und ab seiner persönlichen Entwicklung soll hier nicht vollständig nachgezeichnet werden. Als glühender Antisemit wurde er nach dem Krieg persönlicher Berater des Antisemiten Gamal Abdel Nasser, der die Juden aus Ägypten vertrieb. Er war Ausbilder von Jassir Arafat und organisierte die PLO als Terrororganisation nach dem Modell der Werwölfe mit unabhängigen Zellen. Die Liste seines Wirkens ist schwer übersehbar.

In einer Zeit der Verrohung der politischen Kultur und dem Aufstieg autoritärer Demagogen ist es gefährlich, sich im Seichten eines naiven Faschismusbegriffs zu tummeln, der nicht einmal die Unterschiede zwischen den Regimes und ihren Methoden kennt. Etwa den Unterschied zwischen Nationalsozialismus und italienischem Faschismus. Es ist bis heute unübersehbar, dass das faschistische Italien in vielerlei Hinsicht, so in Architektur, Städtebau beziehungsweise Infrastruktur, Modernisierungsprozesse nicht nur geduldet, sondern angeschoben hat. Die Verminderung der Rückständigkeit Italiens erklärt eine breite Zustimmung, die Mussolini in den anni del consenso, den Jahren des Einverständnisses genoss. Mussolini war ein Moderner.

Der Franzose Drieu la Rochelle war Kollaborateur. Sein Faschismus war individuell geprägt, er vertrat die Vichy-Linie. Drieu la Rochelle war zwar Antisemit, verwahrt sich aber gegen den Rassismus im Geist der deutschen Verehrung „germanischen Blutes". Er träumte von einer starken europäischen Union - einer Art Völkerbund der Faschisten auf dem alten Kontinent. Als Anti-Bourgeois beginn er nach Kriegsende in drei Anläufen Selbstmord, nicht ohne zuvor dem Kommunismus den Sieg gewünscht zu haben. Als melancholischer Dandy geistert er darling'esk durch das verstohlene Deutschland der Neuen Rechten.

Francesco Franco war eine aggressive Kanaille. Er hielt sich bis 1975 an der Macht in der Konsequenz eines nur in Spanien so praktizierten Nationalkatholizismus: einem staatstragenden Bündnis von Armee und Klerus: dem Movimiento Nacional.

Eine andere Gemengelage charakisierte das faschistische Rumänien. Zu denken ist hier zuerst an den glühenden Hitlerverehrer Emile Cioran. Wie Mircea Eliade war er Mitglied der "Eiserne Garde" - einer Bewegung, die durch Irrationalismus, Mystik, Messianismus, Anarchismus und Faschismus glänzend irrlichtete.

Der faschistische Flickenteppich bleibt buntbraun. Die deutsche Tröstung kam vom Bundeskanzler der Wiedervereinigung Helmut Kohl : "Heimat" ist ein in keine andere Sprache übersetzbares deutsches Wort". Da zur Zeit die allein mächtig-verlässliche Person ist unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hat mit der Infantilisierung der politischen Elite zu kämpfen. Ihr Credo gilt nach jeder Bestandsschau:

"Kindergarten" ist ein in keine andere Sprache übersetzbares deutsches Wort.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen