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04.11.2019, Jamal Tuschick

Der Kaiser riet zum Empowerment. Bartholomäus Grill untersucht in seinem kolonialkritischen Reisefeuilleton „Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe“ die seit hundert Jahren kleingeredete deutsche Kolonialgeschichte, als eine Geschichte des militant-mörderischen Rassismus; getragen von der Idee, Genozide seien in Afrika lässlich.

Kaiserliches Empowerment

Auf nach Afrika

Eingebetteter Medieninhalt

Auf dem Weg nach Klouto

Schließlich lassen sie Kpalimé hinter sich. In einem Kokon „drückender Schwüle“ fährt der Journalist Bartholomäus Grill und seine Begleiter*innen in die Togo-Berge. Über ihnen thront als Wegmarke die höchste Erhebung eines Landes, das einmal die kleinste deutsche Kolonie war. Der Mont Agou diente als Ausflugsziel den Herrendeutschen, die ihre überseeischen Besitzungen gern Schutzgebiete nannten und den Eindruck entstehen ließen, sie unterhielten in Afrika Wohlfahrtsagenturen.

Bartholomäus Grill, „Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte“, Siedler, 299 Seiten, 24,-  

Überall begegnet uns (in Euphemismen verborgene) Gewalt in der Sprache. Offenbar wirkt nichts effektiver als die platte Umkehr. Man sagt Schutz und meint Zerstörung.

Kaiserliches Empowerment

Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm in der verspäteten Nation ein Typus Gestalt an, der im ferneren Europa schon lange dem Ideal des Tatmenschen entsprach. In Deutschland entstand der koloniale Charakter im Einklang mit der Reichseinigung. Der Kaiser riet zu Empowerment. Hundertfünfzig Jahre später fahndet Grill nach der deutschen Handschrift im europäischen Kolonialerbe. Er entdeckt „kariöse Gebäude“ und identifiziert sie als Fremdkörper in der Landschaft. Er unternimmt eine genaue Betrachtung der Machart. Er stellt das Baujahr fest.

Ein Haus deutscher Bauart

„Ziegeln, Kalk und Zement“ kamen aus dem Wilhelminischen Reich und wurden übers Meer geschafft. Mit dem Material verfuhr man so, wie eine Berliner Verordnung es empfahl. Man baute für die Ewigkeit in Afrika.

Das stellt Grill fest. Alles durfte für vorläufig und verbesserungswürdig gehalten werden, die Arbeitsmoral der Kolonisierten genauso wie die Attitüden der Potentaten und die Manieren der Konkurrenten – nur nicht der Architektur gewordene Anspruch auf den soeben ergatterten, schwer umstrittenen „Platz an der Sonne“ (Bismarck). Briten, Franzosen und Portugiesen bauten Vorsprünge in alle Richtungen aus. Sie waren seit Jahrhunderten im Eroberungs- und Ausbeutungsgeschäft. Sie hatten das Knowhow. Aber ein Wind of Change verhalf den Deutschen an einem äußersten Zipfel des Landkreises von Kpalimé zu Fortune, wie der alte Kohl gern sagte. Wer den Mantel der Geschichte an den Schößen erhaschen will, braucht einen Gott, den er um Fortune bitten kann.  Später widerspricht keine, wenn vom Glück der Tüchtigen die Rede ist. Die Geschichtsschreiber*innen wissen eh nichts und erleben alles als kulturelle Kristallisation.

Grill erkennt den strategischen Vorzug jenes Platzes, der das festgebaute Haus trägt. Der „einzige Pass durchs Togo-Gebirge“ (im Kolonialsprech „die Moltke-Spalte“, wir denken lieber an Helmuth James von Moltke) nimmt hier seinen Anfang so wie er da endet. Man brauchte nicht viel, um einer verschanzten Mannschaft die Gelegenheit zu geben, den Posten zu halten, bis Verstärkung von der Atlantikküste, nach einem Marsch von fünf Tagen, eintraf wie gerufen. So geschah es 1895. Es folgte eine Strafexpedition der „Schutztruppe“. Grill erwähnt sechstausend Krieger, die sich den Usurpatoren entgegenstemmten. Dem Aufstand bewahrt das kollektive Gedächtnis bis heute ein Andenken, so Grill.

Grill weiß, dass der Posten 1890 hochgezogen und nach einem Kosewort für die Geliebte des Kolonialkommissars Jesko von Puttkamer Mária Esterházy de Galántha (wir denken an Peter Esterházy) Misahöhe genannt wurde. Heute heißt der Flecken Missahohé. 

Erste Besprechung

Nicht mehr existent

 

Die deutsche Verspätung begann früh. Groß Friedrichsburg bestand als kurbrandenburgische Kolonie im heutigen Ghana zwischen 1683 bis 1717. Gegründet hatte sie der Hohenzoller Friedrich Wilhelm. Die royalen Entrepreneure jener Epoche waren „Merkantilisten“ und keinesfalls die ersten Global Player. Bereits die Kolumbusexpedition von 1492 war ein mit Risikokapital finanziertes Welthandelsprojekt. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm erlebte sich als Nachzügler. Das berichtet Bartholomäus Grill in „Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte“. In dieser Bestandsaufnahme schlägt er eine gerechtere Lesart unserer kolonialen Vergangenheit vor.

Eingebetteter Medieninhalt

Vorbemerkung

Wichtige Erfahrungen meiner geistigen Existenz ergaben sich aus der Erziehung zum Kolonialisten. Sie setzte im Vorschulalter ein. Im Gefolge von Kindergärtnerinnen besuchte ich eine Kriegerwitwe in Bettenhausen (einem 1906 Kassel einverleibten Dorf), der Vater hatte sich Verdienste in überseeischen Gebieten des Deutschen Reichs erworben. Die Witwe hatte aus ihrer Wohnung ein Museum gemacht. Die Exponate erinnerten an die deutsche Kolonialherrschaft in Afrika. Auch Bettenhäuser Straßennamen erinnerten daran: Windhuk-, Lüderitz-, Togostraße. Ich ging in den Togo-Kindergarten und wäre beinah auch in die Togo-Schule gegangen. Doch dann zogen meine Eltern vom Bettenhäuser Lindenberg nach Waldau (einem 1936 eingemeindeten Dorf). Da waren die Straßen einer dem Dorf peripher zugemuteten Plattenbausiedlung nach den verlorenen Ostgebieten benannt und hießen Liegnitzer-, Görlitzer-, und Breslauer Straße.

Das ganze revanchistisch-revisionistische Programm war kalkulierte Indoktrination in einer SPD-Hochburg. Nach den Begriffen der Nationalisten, die es damals in allen Parteien gab, war ich in eine Interimszeit hineingeboren worden. Ich wuchs in einem besetzten Land auf. Es ging nicht für alle darum, in einer historisch nie verifizierten Werwolf-Tradition im Skill-Beat die Kontinuität der waffentüchtigen Wehrhaftigkeit nicht zu unterbrechen. Die Oder-Neiße-Grenze galt nicht wenigen als vorläufig.

In vollendeter Generationsgenossenschaft verinnerlichte ich rassistische Begriffe: Kaffer, Kraal, Hottentotte. Ich konnte den Aufruhr, den diese Erziehung zum weißen Herrenmenschen in einem Child of Color auslöste, nicht begreifen. Angeregt von (koloniale Gewalt verherrlichenden) Schund ritt ich mit Weißen gegen Schwarze, so wie die Askaris unter Führung weißer Offiziere in den Verbänden der kolonialen Schutztruppen den afrikanischen Widerstand bekämpft hatten. In märchenhaften Schilderungen erschienen sie als brav(e). Darin steckt folgsam und tapfer. Das ist eine typische, um nicht zu sagen triviale Mischung für solche, deren Leben eine einzige Bewährung ist, weil sie das Misstrauen in beiden Lagern auf sich vereinen.  

Metamorphosen des kolonialen Selbstverständnisses im 20. Jahrhundert verdienen eine besondere Betrachtung. Hitler erklärte Russland „zu unserem Indien“ und die Wolga „zum deutschen Kongo“. Großer Pluspunkt – keine britische Marine konnte sich dem Deutschen Reich auf dem Weg nach Russland entgegenstellen.

„Wir müssen nicht übers Meer.“

Nach Afrika musste man übers Meer. Das trieb die Reeder an. Die Woermann-Linie hatte ein Monopol auf deutsche Truppentransporte. So rentierten sich die Freiheitsbestrebungen und Verzweiflungsakte auf einem anderen Kontinent. Bis hin zu den Zuhälterkalkulationen auf der Reeperbahn war die Verschiffung von Soldaten ein Geschäft.

Die kolonialen Verbrechen vollzogen sich ungeniert vor der Weltöffentlichkeit. Der globale Süden passte nicht unter die Decke des westlichen Humanismus. Als in einem linken Kontext publizierender Journalist schrieb ich Jahrzehnte gedankenlos von Eingeborenen und Indianern. Ich hatte die koloniale Perspektive verinnerlicht, so wie auch die Redakteur*innen und die Leser*innen. Der Emanzipationsdiskurs im Geist von Achtundsechzig war weiß. Die Grenzen zum Nicht-Weißen verliefen direkt vor den Milieus der Gastarbeiter*innen. Die Milieus galten als rückständig. Waren das nicht auch die Kolonisierten in Afrika gewesen?

Erst mit Fünfzig verstand ich, wie rassistisch meine Prägung von Grund auf war und wie viel unverstandene Abwehr das in meinem Fall mit sich gebracht hatte. Heute gefällt mir Žarko Paićs Definition am besten:

„Der Rassismus hat sich vom einstigen Schwarz-Weiß-Konzept des Rassenhasses zu einem global anwendbaren kulturellen Paradigma entwickelt. Man hasst niemanden mehr aufgrund seiner Hautfarbe, sondern wegen seiner sich unterscheidenden kulturellen Zugehörigkeit. Die neofaschistische Rhetorik ist dem liberalen (reflexiven) Rassismus nicht fremd.“

Rassismus tarnt sich in der Gesellschaftsmitte als Angst und „mit Kritik am Multikulturalismus als neue Form der Ghettoisierung des Anderen“.

Rassismus entzieht sich stets dem Muster, dass ihn bis eben kennzeichnete. Seine Virulenz mutiert in Anpassungsprozessen an das Sagbare. Meiner Generation konnte die deutsche Kolonialgeschichte noch unumwunden rassistisch erzählt werden. Dies geschah in der Hochzeit der K-Gruppen und des RAF- Terrorismus. Es gab eine in die Gesellschaftsmitte vorgestoßene klammheimliche Freude nicht nur nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977. Was es nicht gab, war ein antirassistischer Radar.   

Der Journalist Bartholomäus Grill bemüht sich um eine gerechtere Lesart unserer kolonialen Vergangenheit. Er schlägt einen persönlichen Ton an und präsentiert (auf einem Oberaudorfer Hof) herausgekramte Speicherfunde aus dem Nachlass eines kolonialverrückten Ahnen, bevor er in Afrika zur Sache kommt.     

Bartholomäus Grill, „Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte“, Siedler, 299 Seiten, 24,-  

Aus der Ankündigung

Die deutschen Kolonien - dieses Kapitel unserer Geschichte ist beunruhigend aktuell, wie Bartholomäus Grill zeigt. Und das nicht nur im Bewusstsein der Afrikaner selbst (etwa der Nachfahren der Herero, die heute Entschädigung für Gräueltaten der Deutschen fordern). Sondern auch in unseren eigenen Köpfen. Der SPIEGEL-Reporter, einer der besten deutschen Afrikakenner, hat in den letzten drei Jahrzehnten an allen Schauplätzen des ehemaligen Kolonialreichs recherchiert, er hat mit den letzten Augenzeugen gesprochen, den Nachkommen von Tätern wie Opfern. Grill verfolgt akribisch die Spuren der deutschen Fremdherrschaft in Afrika, China und der Südsee und beschreibt unser rassistisches Erbe: Das Herrenmenschentum prägt nach wie vor unser Denken, die Klischees von den „bedrohlichen Afrikanern“ oder „hilflosen Entwicklungsländern“ wirken fort, gerade in Zeiten verstärkter Flucht und Migration. Eine packende historische Reportage – und zugleich ein Debattenbuch von höchster Aktualität.

Grill stellt einen kuriosen Gewährsmann namens Joseph Mensah vor, der bis auf den Tod entschlossen ist, den Deutschen in Groß Friedrichsburg das beste Attest auszustellen.

„Wie ein Burgherr steht (Mensah in seiner Eigenschaft als Kustode) hinter einer Schießscharte der Feste Großfriedrichsburg“ und versichert dem deutschen Zeitungsmann, dass dessen Landsleute im Gegensatz zu ihren britischen, französischen, niederländischen und portugiesischen Konkurrenten am Menschenhandel nicht beteiligt waren.

Groß Friedrichsburg bestand als kurbrandenburgische Kolonie im heutigen Ghana zwischen 1683 bis 1717. Gegründet hatte sie der Hohenzoller Friedrich Wilhelm. Grill nennt die royalen Entrepreneure jener Epoche „Merkantilisten“. Sie waren keineswegs die ersten Global Player. Bereits die Kolumbusexpedition von 1492 war ein mit Risikokapital finanziertes Welthandelsprojekt. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm erlebte sich als Nachzügler; die deutsche Verspätung begann früh. Nach den Vorbildern der Vereenigde Oostindische Compagnie und der English East India Company rief er die Brandenburgisch-Afrikanische-Amerikanische Compagnie in Leben, die sehr wohl im Sklavenhandel mitmischte.

Grill erwähnt den Kilimandscharo vorübergehend als höchste Erhebung im expandierenden Deutschen Reich. Im Kolonialsprech hieß der in Tansania aufragende Berg Kaiser-Wilhelm-Spitze.  

Europäische Regierungen des 19. Jahrhunderts versprachen sich von „der globalen Expansion die Lösung der sozialen und der demografischen Frage. Die explosionsartig wachsende Bevölkerung“ generierte ein „stetig anschwellendes Heer der Arbeitslosen“, deren Massenauswanderung als „eine Art Sicherheitsventil“ betrachtet wurde. Man exportierte den schwarzen Rand (den unbrauchbaren Rest) der industriellen Revolution in die Kolonien. Da entfaltete sich dann das Schlechteste.

Afrika war ein Schauplatz europäischer Krisen.

„Der Erwerb von Land ist in Ostafrika sehr leicht … Für ein paar Flinten besorgt man sich ein Papier mit einigen Negerkreuzen.“ Bismarck

Gastgeber Bismarck prägte auf der Berliner Konferenz 1884 das Wort vom „Platz an der Sonne“, den sich Deutschland im kolonialen Wettbewerb mit den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich sichern müsse. Der deutsche Platz an der Sonne war klein und wurde nicht lange gehalten. Das rechnet man heute zu den entlastenden Momenten deutscher Geschichte. Die Einschätzung ignoriert einen Völkermord und vernachlässigt die Tatsache, dass Deutsche seit dem 15. Jahrhundert an globalen Ausbeutungsfeldzügen beteiligt waren. Der Kolonialismus war ein „europäisches Projekt“ (Joseph Conrad), dass die Fugger und Welser genauso vorantrieben wie die Medici. Die Trennungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmungen waren durchlässig. Kaufleute traten als Statthalter auf und nahmen Regierungsaufgaben wahr. Ein Grundstock der ersten deutschen Kolonie in Afrika war das Lüderitzland (heute Namibia), benannt nach dem Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz.  

Nach dem Schema F der Ausbeutung etablierte Carl Peters 1885 die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, um in ihrem Namen „Landerschleichung“ im großen Stil vorzunehmen. 1891 erwarb Wilhelm II. von Peters und seinem Konsortium ein Gebiet, dass doppelt so groß war wie das „Mutterland“. Für das Protektorat wurden fatale Personalentscheidungen getroffen. Man setzte sadistische Menschenschinder an die Spitze der Befehlskette. Der Pfarrerssohn Peters, der sich als „Schöpfer Deutsch-Ostafrikas“ verherrlichen ließ, errichtete ein tyrannisches Regime. Die Afrikaner waren für ihn „Viecher“, die mit der Peitsche erzogen werden mussten. Den Beweis ihrer Minderwertigkeit erbrachte für ihn bereits das Alte Testament. Doch selbst Peters, dessen blutheischende Grausamkeit schließlich zu einer schmählichen Absetzung führte, terrorisierte die Bevölkerung im zweiten Glied der absoluten Finsternis. „Der Vernichtungskrieger“ Lothar von Trotha hauste indes in Deutsch-Südwestafrika wie kein zweiter Deutscher.

Dass Trotha die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen. Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung oder vollständige Knechtung der einen Partei abzuschließen. Die Absicht des Generals von Trotha kann daher gebilligt werden. Er hat nur nicht die Macht, sie durchzuführen.

Alfred Graf von Schlieffen

Die Nachkommen des von Trotha oberbefehligten Genozids an Hereros und Namas klagen gegen die Bundesrepublik. Sie fordern auch Entschädigungen für Enteignungen zugunsten deutscher Siedler in der Zeit von 1885 bis 1915. Nach der Niederschlagung des Herero Aufstandes erklärte Trotha das Volk für nicht mehr existent. Folglich konnten Hereros kein Land besitzen. Das wirkt sich bis heute aus.

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