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05.11.2019, Jamal Tuschick

In Delia Owens‘ Debütroman „Der Gesang der Flusskrebse“ waldet es zwar sehr, aber doch ganz anders als bei Henry David Thoreau

Muschelgeld

Eingebetteter Medieninhalt

Die atlantische Küstenlinie von North Carolina spannt einen Bogen vor den Outer Banks. Wo die Inselkette das Weichbild prägt, herrschte in den fünfhundert neuzeitlichen Jahren der Segelschifffahrt Argonautenalarm. Zahlreicher Havarien wegen heißt das Gebiet noch immer „Friedhof des Atlantiks“. In ihrem Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ macht Delia Owens ungut Gestrandete des 16. Jahrhunderts zu Gründervätern einer Stammesgesellschaft, die sich konsequent der Zivilisation verweigerte. Im Sumpf gediehen außerdem alle möglichen Subkulturen. Maroons formierten sich zu Trutzgemeinschaften. Briganten erholten sich zwischen Echsen und Eichen, Platanen, Palmen, Zypressen, Glyzinien, Myrte, Riedgras und Biberburgen von ihren Seegängen. Strauchdiebe suchten Zuflucht an arkadischen Lagunenufern. Alle vernahmen den Flügelschlag der Fischreiher.

Delia Owens, „Der Gesang der Flusskrebse“, aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, hanserblau, 460 Seiten, 22,-

In einem sich der Kolonisation verweigernden Marschland frönen krasse Außenseiter*innen der Gesetzlosigkeit nach steinzeitlich-elementaren Regeln noch in der Romangegenwart. Die Handlung setzt Anfang der 1950er Jahre ein. In der skizzierten Ursprünglichkeit wächst Kya beinah ohne Fürsorge auf. Sie fahndet nach Borkenkäfern in Rindenkanälen. Sie unterhält sich mit Waschbären, Krebsen, Schnecken und Muscheln. Besonders akkurat spricht Kya zu Vögeln, während der Ozean nur für sie singt. Schon mit sieben kann die Tochter eines versehrten Säufers Fährten lesen und falsche Spuren legen. Obwohl sie so verlassen lebt, wie kaum ein anderes Kind, spielt sie doch wie jedes Kind. Ihre Schule ist die Natur.

Kya war sechs, als sie ihre Familie verlor. Zuerst demissionierte die Mutter. Ihr folgten die Geschwister. Zurück blieb der Vater, ein Marschmensch wie aus dem Bilderbuch. – Und schließlich verschwand auch er.

Der Vater stinkt nach „Fisch und Fusel“. Er verkörpert den lieblosen Patron, bis er sich eines Tages (und auch nur vorübergehend) bekehrt zeigt. Der vergammelte Archaiker ist kein letzter Morast-Mohikaner einer anachronistischen Gesellschaftsform. Die Familie kam erst in der Generation seiner Eltern auf den Hund. Das heißt, er hat einen Zivilisationshintergrund, der seiner wild aufwachsenden Tochter abgeht.

Kya hat sich selbst von der Schulpflicht befreit. Man kann nicht behaupten, dass sich irgendwer auch nur im Rahmen dienstlicher Obliegenheiten um das Wohl des Kindes kümmert.

Kyas Vorstellungen von einem anderen Leben gewinnen Anschaulichkeit allein im Alltag von Barkley Cove, einer fiktiven Gemeinde mit sieben Kirchen und einer manisch-bigotten Bürgerschaft. Es herrscht Segregation und noch viel mehr Diskriminierung. Der Sprengel hält größtmöglichen Abstand zu seinen Sumpfschraten.

Die Leute von Barkley Cove ächten aber nicht nur die abwegige Nachbarschaft. Sie fürchten sie auch und lesen sie als Unheilbringer*innen. Stichwort Othering.

Kya leidet unter der Spurlosigkeit des Verschwindens ihrer Mutter. Erst flambiert der verlassene Mann die ehelichen Rückstände. Dann verbrennt er das einzige Lebenszeichen der vom Familienelendszug Abgesprungenen. Kya hätte den Brief eh nicht lesen können. Sie sammelt seine Asche ein und verwahrt sie devotional.

Kya verdient ihr erstes eigenes Geld mit Muscheln und nennt es Muschelgeld, ohne zu ahnen, dass es Muschelwährungen gibt

Gewöhnt an lange Absenzen, realisiert Kya spät, dass endlich auch der Vater in keiner Weise mehr zur Verfügung steht. Sie meistert auch diese Verschlechterung in einer verlockenden Weise. Der Leser lässt sich immer weiter in den biografischen Sund ziehen; Kyas Widerständigkeit entwickelt eine starke Sogwirkung. Faszinierend ist auch ihr Zeitbegriff. Etwas, dass vor drei Jahren jemand zu ihr gesagt hat, hallt in einem inneren Resonanzraum weiter/wider; so weit weg lebt Kya von jeder Reizüberflutung.

Auf einer zweiten Erzählebene ist Kya kein Kind mehr. Im 69er Sommer der Liebe gerät sie unter Mordverdacht. Dazu bald mehr.

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