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06.11.2019, Jamal Tuschick

Im Kreuzberger Südblock diskutierten die „Neuen deutschen Medienmacherinnen“ Ferda Ataman, Konstantina Vassiliou-Enz, Samira El-Ouassil und Olivera Stajić über Haltung im Journalismus.

Die imaginäre Mitte

Ferda Ataman vehement

Eingebetteter Medieninhalt

„Sobald man aus der imaginären Mitte ausschert, ist man Aktivistin.“

Das erklärte Olivera Stajić in einer Diskussion über Haltung im Journalismus. Bereits die Teilnahme an Demonstrationen zöge kritische Betrachtungen nach sich. Man setze sich als Journalistin dem Vorwurf der Neutralitätsverweigerung besonders oft im Verhältnis zu Akteuren aus, die offensiv parteiisch agieren. Stajić schilderte im Rahmen der 2019er Bundeskonferenz „Deutscher Medienmacher*innen“ österreichische Zustände, zunächst mit der Idee, es gäbe da einen negativen Abstand zur Bundesrepublik.

„Österreich ist so spannend gruselig.“ Olivera Stajić

Bekanntlich betrachten sich Österreicher traditionell als Opfer des Faschismus. Das deckt sich aber zumindest mit einem verbreiteten deutschen Standpunkt, wie im Weiteren von Ferda Ataman, Konstantina Vassiliou-Enz und Samira El-Ouassil festgestellt wurde.

Die Journalistinnen sprachen über das

Dogma der Objektivität

in einer parteienbildenden, generell eingeengt diskutierenden Gesellschaft. Daraus folgt eine paradoxe Auffassung:

Es sei so falsch wie notwendig mit Antidemokraten zu reden. An dieser Stelle kollidierte die Einmütigkeit, um sich rasch wieder zu formieren im Geist von:

„Man muss nicht jede abwegige Meinung abbilden.“

Das ist so wahr wie die Einsicht: „Jede Auswahl ist angreifbar.“

Ich ziehe ein paar lose Gesprächsenden zusammen. Im Kern ging es zumal Ataman um die Frage, warum wir in den Nullerjahren ein Erstarken der NPD medial gut herunterspielen konnten, während nun der mediale Widerschein die AfD fast wie eine jüngere Schwester der CDU wirken lässt. Ataman beklagte die verlogene Performance der Populist*innen und wünschte sich den „ehrlichen Glatzen-Nazi“ zurück, ohne zu berücksichtigen, dass dieser Typus in der Politik noch nie eine Rolle gespielt hat.

Als sie „getarnten Prä-Faschisten Unehrlichkeit“ vorwarf, dachte ich kurz an Kohls und Barschels Ehrenwörter. Auf jeden Fall hätte man früher aufhören können, der AfD auf den publizistischen Alltagsstrecken Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Der richtige Zeitpunkt, um die Stecker zu ziehen, sei verpasst worden. Nun hängt die AfD an ihrem eigenen Stromnetz.

Die Journalistinnen diskutierten die camouflierenden Kodes der neuen Rechten und ihre unredlichen Interventionen. Dazu kurz die Soziologin Cornelia Koppetsch in meinen Worten:

Die zentrale Konfliktlinie der Gegenwart

Nicht der materielle Verlust sowie entsprechende Verlustszenarien definieren jene, die sich vom Rechtspopulismus richtig angesprochen fühlen, sondern die Gewissheit, einige Gewissheiten nicht mehr zu besitzen. Die Soziologin Koppetsch spricht von traditionell versprochenen „sozialen Anwartschaften“, die ihren Garantie- und Absicherungscharakter verloren haben. Für viele ist zwar noch alles da, was sie privilegiert, aber die schützende Umgebung ist weg. Das reicht, um die Sieger vergangener Verteilungskämpfe rebellisch zu machen.

Koppetsch beschreibt den Rechtspopulismus als „emotionalen Reflex auf einen Epochenbruch“. Das Dispositiv der zentralen Konfliktlinie steckt in dem Postulat, man müsse sich „das Land zurückholen“. Das Reconquista-Phantasma wendet sich gegen transnational agierende, national ungebundene Häretiker, die Deutschland angeblich nach einem neuen Verteilungsschlüssel zur Disposition gestellt haben. Koppetsch stützt sich auf Pierre Bourdieu, der dem Aufstand der Bewahrer gegen die Erneuerer die Bedeutung einer Epochensignatur gibt.

Koppetsch nennt „den Aufstieg der Rechtsparteien“ eine „Konterrevolution“, die sich als Bewegung gegen die globale Moderne zur gleichen Zeit ausbreitet, in der sich „transnationale Communities“ herausbilden und ein „Flickenteppich globaler Zugehörigkeiten“ entsteht. Das Mobilisierungspotential der AfD ergibt sich aus

Ideologischer Unschärfe

Ideologische Unschärfe ist die Voraussetzung dafür, „unterschiedliche Milieus zusammenzubringen“. „Die kulturellen Inklusionschancen werden in ethnisch heterogenen Gesellschaften fragiler.“ Das heißt, man kann mit einem identitären Wurmfortsatz Bauernfängerei betreiben. Das als Rückholaktion deklarierte Ziel, einem untergegangenen Modell in einer (zweifellos nicht nur ethnisch, sondern auch intellektuell) geschlossenen Gesellschaft wieder Geltung zu verschaffen, hat einen fiktiven Charakter. Vielmehr rekurriert man auf Angst. Sie allein ist greifbar, der große Rest existiert als Schimäre

„Ignorieren ist nicht die richtige Strategie.“ Samira El-Ouassil

El-Ouassil schob die Debatte in die andere Richtung. Mehr Potential als jedes Ob habe die Frage Wie spricht man mit und über den Gegner.

„Das Ob stelle „Dinge zur Disposition“ und impliziere „bis in die Semantik einen zivilisatorischen Bruch“.

Das heißt doch, man soll den B. Höckes auf der Agora Platz einräumen, wenn auch nicht ohne jedes Mal Faschist dazuzusagen. Auch wenn der an sich so „schlechte Höcke … ein echter Geschichtslehrer“ (Ataman) von der Berichterstattung angehoben und dynamisiert wird.

*

Ataman äußerte sich schließlich noch zu ihrer Spiegel Online Kolumnentätigkeit. Viele Reaktionen der Kommentarhaar- und Schädelspalter schlügen ihr aufs Gemüt. Trotzdem hält sie die institutionelle Einrede für notwendig. Sie riet zu Folgendem: In jede Talkshow solle man Expert*innen mit arabischen Namen berufen und in Redaktionen nur noch Leute of Color einstellen.

„Je dunkler, desto besser.“

Meine Besprechung von gestern

Planetarischer Plural

Sehnsucht nach der guten alten Glatze

Warten auf Godot

Konstantina Vassiliou-Enz: „Bei uns trugen Neonazis noch Glatze, da saßen sie in Österreich schon in der Regierung.“

Olivera Stajić: „Bei uns hat das Schieflaufen viel früher angefangen.“

„Wie viel Haltungsneutralität liegt in einem Porträt von Frauke Petry?“

Probleme bereitet(e) Ataman „ein doppelter Standard“.

„Es gab mal eine rote Schwelle, die jetzt nicht mehr da ist.“

Stajić hielt dagegen: „In Österreich hat es nie einen antifaschistischen Konsens gegeben.“

Die Virulenz im Stil

Wohl aber die abgefeimt-spekulative Manier, in der die neuen Rechten ihre wahren Absichten verhehlen. Das löst nicht nur bei Ataman eine Sehnsucht nach der bekennenden Glatze aus, die ihr sinisteres Programm aus lauter Affekt und Bildungsferne nicht poliert postuliert. Die österreichischen Identitären adaptierten zuerst das französische Feinstaub-Original für den deutschsprachigen Raum. Da offenbart(e) sich nicht nur ein Verbergen. Die Virulenz liegt im Stil.

Die neuen deutschen Medienmacherinnen sehnten sich auf der Bühne perspektivisch nach einfach bekämpfbarer solider Schlichtheit. Ataman versuchte sogar etwas mit Patriotismus. Sie sei „stolz“, dass der antifaschistische Limes in Deutschland so lange dem Ansturm widerstanden habe. Man widersprach vehement und nannte den „Minimalkonsens“ einen Mythos. 

Ataman gab sich nicht gleich geschlagen. Sie erinnerte daran, wie umfänglich die NPD ausgegrenzt wurde, solange sie noch einer effektiveren Struktur als Steigbügelhalterin diente. 

„Die hat man nicht in Talkshows eingeladen.“

Verluste der alten Trennschärfen auf der ganzen Linie

„Migration hat sich zur dominanten Chiffre für die Frage Europas nach seiner demokratischen Verfasstheit entwickelt. Die Migrationsfrage ist … zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden.“ 

In der postmigrantischen Gesellschaft lässt sich „die alte Trennschärfe“ zwischen Eigen und Fremd (zwischen „Etablierten und Außenseitern“ Norbert Elias) nicht mehr herstellen. Das führt einerseits zu einer neuen Normalität im Zuge der Erweiterung hybrid-diverser Konstellationen und andererseits zu einem „Anstieg rassifizierender Denkmuster“. (Naika Foroutan).

Diskriminierungsfolklore

„Ich bin in Deutschland geboren. Mir reicht das, um von hier zu sein“, erklärt Ferda Ataman in einem Aufruf zur Abkehr von jedwedem völkischen Unfug.

Anderen reicht das nicht. Manche hätten am liebsten das Segregationsinstrument eines zeitgenössischen arischen Ahnennachweises, um die Unterscheidung zwischen „echten“ Deutschen und „Passdeutschen“ amtlich erscheinen zu lassen.   

Festgestellt wird allgemein: „Wir waren (gesellschaftspolitisch) schon mal weiter.“

Die Migrationsdebatte im Geist der Seehofer-Restauration zeigt, was wir haben: nämlich ein Wahrnehmungsproblem. Die Mehrheitsgesellschaft wähnt sich in der Kommandozentrale des Tankers Deutschland und glaubt entscheiden zu können, wer an Bord kommt und was weiter geschieht.

Dabei sind Migranten längst Teil des planetarischen Plural. Die Vorstellung von einer weißen Aufnahmegesellschaft mit effektiven Zugangsregelungen, ist eine deutsche Lebenslüge.

Wie viele Deutsche, die ausländisch gelesen werden, wollen die neuen deutschen Medienmacherinnen zurückgebliebene Autochthone nicht ständig aufklären müssen. Merkmale ethnischer Differenz provozieren viel zu oft noch eine Überlegenheitsgewissheit.

Meine Besprechung von vorgestern

Aktivist*innen der Wahrheit

Keine Solidarität unter Kolleg*innen

In Österreich vollziehe sich die gesellschaftliche Selbstvergewisserung gegen die alt- und neurechte Hydra rituell und schematisch zwischen den Polen „Verharmlosung und Erschrecken“. Das erklärte Olivera Stajić vom „Standard“ in der Südblock-Runde der Medienmacherinnen. Der Faschismus wohnt in aller Gemütlichkeit im Haus der zulässigen Meinungen und da gewiss nicht im Souterrain. Er gehört zur Meinungsvielfalt und kann sich deshalb jederzeit so gekränkt zeigen, dass er kritische Journalist*innen ausschließt, wo immer er sich geriert.

Dem Ausschluss antifaschistischer Berichterstatter*innen folge keine Solidarität unter Kolleg*innen.

Das klang niederschmetternd.

Stajić erinnerte daran, dass in Österreich Faschisten zu keiner Zeit geächtet waren. Im Gegenwartskostüm des Rechtspopulismus schützt die Meinungsfreiheit von „demografischer Panik“ (Ivan Krastev, Stephen Holmes) erfasste Ethnopluralisten und Remigrationsbefürworter so sehr, dass man „nach einem scharfen (antifaschistischen) Kommentar“ mit publizistischer Reichweite, vom Pressesprecher einer sich düpiert gebenden, regierungserfahrenen Partei ins Gebet genommen würde. Man müsse super gut vorbereitet sein und stets damit rechnen, hart angegangen zu werden.

Antidemokratische Energien

Samira El-Ouassil sprach von „antidemokratischen Energien“ im öffentlichen Raum. Der Frame Journalismus versus Aktivismus sei ein Popanz; erdacht von Journalisten, die ihre Anti-Merkel-Agenda offensiv-aktivistisch verfolgen, wenn auch im Brustton staatstragender Überzeugungen.

El-Ouassil riet zur Begriffsklärung. Im Feuilleton ist Haltung nach allgemeiner Auffassung weiter nichts als Meinung; während Haltung in der Politik dann als Aktivismus in Verruf zu bringen versucht wird, wenn sich die Haltung gegen eine Ausbreitung des Faschismus wendet. Alte weiße Männer führten aus Angst vor Verlusten an der Deutungshoheitsfront Aktivismus als Feindbild im Schild.

El-Ouassil bezeichnete „Journalisten als Aktivisten der Wahrheit“. Sie genderte nicht, anders als ich im Titel.

Am Rand: „2008/2009 verließen mehr Mittel- und Osteuropäer ihre Heimat Richtung Westeuropa, als (später dann syrische) Kriegsflüchtlinge dorthin kamen.“ Ivan Krastev, Stephen Holmes

Ferda Ataman präsentiert sich so wie sie wahrgenommen wird.

„Ich bin Aktivistin. Bei mir ist alles transparent.“

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