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06.11.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend stellte Ai Weiwei im Palais der Berliner Kulturbrauerei sein in der kursbuch.edition erschienenes „Manifest ohne Grenzen“ vor. Das Werk entstand auf der Basis von Tonaufnahmen. Der Künstler besprach Bänder auf seinen Berliner Spaziergängen. Herausgeber Peter Felixberger erzählte in einer Vorrede von der Straßenlärmuntermalung, die Ai Weiweis Worte mit Berlin verbindet.

The Berlin Tapes

Ai Weiwei als Symbolfigur ... 

Herausgeber Peter Felixberger

Karl-Heinz Paqué - Vorstandsvorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung 

Ai Weiwei mal wieder in Berlin

„Wenn ein Künstler kein Aktivist ist, ist er ein schlechter Künstler. Kunst muss Werte bestimmen und Bedeutung herstellen.“ Ai Weiwei

Zuerst sprach Peter Felixberger. Er überlieferte eine Einschätzung Ai Weiweis. Der Künstler empfände sein „Manifest“ als „sehr deutsch“.

„Das Buch war eine weite Reise“, verkündete Felixberger.

Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung, bezeichnete Ai Weiwei als „Symbolfigur für die Werte seiner Stiftung“. Paqué forderte, den Menschenrechtsverletzungen und Überwachungsstaatsallüren der chinesischen Machthaber nicht mit diplomatischen Ausweichmanövern zu begegnen.

Die rigorose Niederschlagungsbereitschaft von oppositionellem Widerstand hat seit Tian'anmen-Massaker 1989 nicht nachgelassen. Paqué erwähnte Hongkong, bevor er Ai Weiweis Kritik an Deutschland kolportierte. Ai Weiwei rät den Deutschen ab von jeder Nabelschau. Er unterstellt ihnen eine übertriebene Vorstellung von ihrer Freiheit.

Geächtet und verbannt

Die Ai Weiwei befragende Journalistin Gisela Mahlmann begann mit Hermann Hesses „Stufen“ und zwar in dieser Stehgreif-Übersetzung: And every beginning, there is a magic in it Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Dem emphatischen Einstieg zum Trotz stieß sie sich an einem freundlichen Klotz. Ai Weiweis Antwort ließ mich an das Verrühren von etwas Zähem denken. Sein Vater, ein Dichter, wurde im Zuge der maoistischen Kulturrevolution als „Rechtsabweichler“ geächtet und in den Wilden Westen Chinas verbannt. Der Verfemte unterlag einem Schreibverbot, das in Jahrzehnten nicht aufgehoben wurde.

Der Poet putzte Latrinen.

Ai Weiwei verarbeitet die Degradierung als Regression in einer wahnsinnig kindlichen Welt, die so falsch eingerichtet ist, dass sich inhumaner Blödsinn zur Staatsräson erheben lässt.

Un-Heimisch

Aus Ai Weiwei spricht keine Bitterkeit, sondern Erstaunen. 1981 ging er in die USA und mischte sich da unter die Extremisten diverser Subkulturen. Er fotografierte jeden nackt, der das zuließ.

Ich bin ein Flüchtling auf der Welt; frei von dem Wunsch nach Sesshaftigkeit.

Fremd bleibt Ai Weiwei auch die „politische Struktur“ seiner ersten Heimat.  

„Wir suchen nicht die Themen. Die Themen suchen uns.“

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