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07.11.2019, Jamal Tuschick

Tod im Container - Auf der einen Seite stehen „die Hochsicherheitsburgen der Missionen“ wie akkurat gelandete Raumschiffe im afrikanischen Nirgendwo. Auf der anderen Seite grassiert die Kindersterblichkeit in den Nissen-Hütten unserer Zeit. Über dieses institutionalisierte Missverhältnis unterhielt sich Britta Gansebohm in ihrem literarischen Salon mit Nora Bossong. Deren großartiger Roman „Schutzzone“ setzt dem Scheitern der Humanität mit den Vorzeichen postkolonialer Eurozentrik ein Denkmal.

Postkoloniale Eurozentrik

Nora Bossong, Britta Gansebohm

Kann Mira mehr als eine karitative Kellnerin?

„Wenn man das Träumen hinter sich gelassen hat, ist das Scheitern vorprogrammiert.“

Unter UNO-Jetsettern sieht so ein Allgemeinplatz aus. Die Karitativen durchlaufen die Stadien Idealismus – Pragmatismus – Zynismus. Den abschüssigen Prozess beschreibt Nora Bossong in ihrem neuen Roman „Schutzzone“ als Dreiklang der Arbeitserschöpfung. Darüber spricht die Autorin in Britta Gansebohms literarischem Salon mit der Gastgeberin. Gansebohm charakterisiert „Schutzzone“ als „dezidiert politischen Roman“. Bossong bekräftigt das. Sie beansprucht den Plural der #Vielen/#wirsindmehr, als sie sagt: „Wir sind wieder politisch.“  

Meine Besprechung des Romans folgt diesem Text.

„Nichts ist stärker als die Wahrheit.“  Stefan Aust

Bossong reiste für ihren Roman. Sie redete mit Leuten von der UNO. In Burundi befragte sie einen Querschnitt der für sie erreichbaren Bevölkerung. Das Verfahren ist komplett journalistisch. Warum speiste Bossong ihre Rechercheresultate nicht mit dem Gütesiegel der Wahrheit in eine potente mediale Gegenwartsmaschine ein? Eine „Spiegel“-Titelgeschichte lässt den größten literarturbetrieblichen Resonanzraum wie ein Mäuseloch aussehen. Mit diesem Gedankenspiel unterhalte ich mich, während sich Gansebohm mit Bossong unterhält. Mit Bossong könnte man die Journalistin sogar in einem Kinofilm besetzen. Französische Wörter spricht sie so aus, dass man gleich denkt: Das kann sie auch.

Bossong versus Relotius

In Umkehrung eines Wortes von La Rochefoucauld sind alle Kopien schlecht, die von einem guten Original abgezogen wurden. Der Hochstapler Claas Relotius vergriff sich an Spitzenprodukten seines Fachs. Er fälschte auf einer Folie der Wahrheit.

Warum erkannte niemand die Mäßigkeit seiner Arbeit?

Juan Moreno gibt eine Antwort in seiner Abrechnung „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“. Narrative Sülze wirkt in der Kombination mit einer glaubwürdigen Wahrheitsbehauptung so anziehend wie das alltäglichste Angebot in einer gekonnt ausgeleuchteten Fleischtheke auf Nicht-Vegetarier*innen. Die Wahrheitsbehauptung verleiht abgegriffenen Wendungen und verbrauchten Formulierungen eine merkwürdige Rasanz. Gefühlvoll Klapperndes und eine abgestandene Intensivität beglaubigen die Recherche in einem magischen Vorgang. Eine als beste Reportage des Jahres ausgezeichnete Geschichte fiele in einem literarischen Zusammenhang wahrscheinlich durch.  

Das war mal anders. Marie-Luise Scherer veröffentlichte vor Jahrzehnten im „Spiegel“ ein unendlich gut geschriebenes Porträt über einen, der beides war: reich und begabt. Keinem fiel auf, dass die von Old Augstein bewunderte Autorin den Surrealisten Philippe Soupault in einem Altenheim besucht hatte. 

Heute würde man ihr die Diskretion nicht mehr durchgehen lassen. Das heißt, die Stücke müssen so klappern wie ein echter Relotius, sie sollen nur auch wahr sein. Das liegt daran, dass kein Redakteur auf die Idee kommt, Bossong ein Angebot zu machen, dass sie nicht ausschlagen kann. Das Ergebnis könnte eine Trendwende einleiten.

*

Im Journalismus verhält sich der Inhalt zur Form wie das Schnitzel zur Panade. Schreibt der Wirt „Wiener Art“ auf die Karte, rechnet er vielleicht damit, dass sich der Unterschied zum „Wiener Schnitzel“ dünn macht. Denkt man den von jeder Arglist freien Biedersinn in die andere Richtung, begreift man überhaupt erst den Mangel an Unrechtsbewusstsein, für den Relotius über Nacht sprichwörtlich wurde.

Man träumt von einem Shakespeare-Reporterstück, in dem die höhere Wahrheit der Kunst von Rechercheergebnissen hieb- und stichfest bestätigt wird. Etwas, dass alle Erwartungen überframt, weil es alle Erwartungen bestätigt – weil es direkt aus der Pipeline des Lebens kommt. Nichts ist so heiß wie die Wahrheit.

Die Vermeidung der Wahrheit ist keine Kleinigkeit. Sie verlangt den Aufwand einer Insolvenzverschleppung. Ich habe Leute beobachtet, die sich in der Vermeidung ihrer Arbeit bis zum Burnout verausgabt haben. Hätten sie nur ihre Arbeit gemacht, wären sie bei Weitem nicht so strapaziert worden.  

Claas Relotius produzierte von jeder Geschichte zwei Versionen. Nicht weniger wichtig und im Einzelnen sogar aufwendiger als die publizierte Fassung war der redaktionelle Teil: die Story für die Kolleg*innen. Juan Moreno legt wieder und wieder den Finger auf die Wunde der unerlaubten Arglosigkeit.

Wie kann man als Journalist, der den Hasen so oft laufen sah, sich so hinters Licht führen lassen, wie es die größten Kaliber sich nachsagen lassen müssen?

Vermutlich hängt das damit zusammen, dass viele Journalist*innen verhinderte Schriftsteller*innen sind. Und schon sind wir wieder bei Bossong. Ich erzähle morgen, was sonst noch in Gansebohms literarischem Speakeasy vorgestern passiert ist.

 

Meine Besprechung in zwei Teilen. Ich fange mit der Fortsetzung an.

Weiße Erinnerungen

Das Design der Dolmetscherkopfhörer zeigt die Zeit an. Nürnberg, Jerusalem, Arusha, Den Haag – In jedem Fall wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt, schreibt Nora Bossong in ihrem Roman „Schutzzone“. Verwaltungsakte legieren „die dünne Schicht der Zivilisation“. Der Fortschritt erschöpft sich im Equipment. Fortsetzung meiner Besprechung vom 14.10.

Oft ist von Ratten die Rede im Roman. Ein im Kammerjägerton vertraulich werdender Feierabendtrinker entpuppt sich als Chemiewaffenexperte. Als UN-Mitarbeiter steht auf der richtigen Seite des Lebens (hohes Einkommen und Prestige in Kombination mit einem humanitären Auftrag im Plural der Missionen), während die rheinländische Erzählerin eindeutig auf der falschen Seite steht.

Nora Bossong, „Schutzzone“, Roman, Suhrkamp, 333 Seiten, 24,-

Für kleines Geld (vielleicht sogar nur für das Trinkgeld: auf dem Tresen liegengebliebene und da feucht gewordene Dollarnoten) zapft Mira in einer Bar in Brooklyn Bier in Plastikbecher. Für die Schaumpfützen zahlen Männer, „die wie schlecht gecastete Schauspieler“ aussehen, sechs Dollar.

Noch wohnt Mira in einem untervermieteten Kinderzimmer, eher noch in einem Verschlag, unter den Dielen fiepen die Nachkommen der Überlebenden exzessiver Kammerjägerkampagnen.

Wir sind alle Sieger, sagt David A. Sinclair.

Ich habe in den letzten Monaten wenigstens vier Romane gelesen, in denen die New Yorker Rattenplage eine Rolle spielt. Manche Themen werden auf Nebenstrecken global breitgetreten.

Nora Bossong erzählt in Rückblenden die Entwicklung ihrer Heldin bis zu dem vorläufigen Höhepunkt einer Karriere als in Genf stationierte Koryphäe im Dienst der Vereinten Nationen. Sie entfacht die Glut einer heimlichen Liebschaft mit einem Mann, den sie länger kennt als alle anderen erreichbaren Personen. Er dient als brüderlicher Liebhaber, obwohl er seine Ehe ernstnimmt. Mira und Milan - ihre Temperamente schwingen zwischen Erfüllung und Entsagung. Sie sind reich und auf eine verschwiegene Weise sehr lebendig. Sie bilden sich nichts ein auf die Kuren der Desillusionierung. Sie genießen die Kühle der Sitzungssäle, den Sitz der Rüstungen für den Bürokampf … die Reisen.

Die Alternative zum Tourismus ist der Terrorismus

Mira liebt Milan mehr als er sie. Im Weiteren hat er von allem mehr, während Mira „zwischen Möbeln und Erinnerungen“ lebt, die nicht ihr gehören, „und die so unerträglich weiß“ sind. Da sind sie, die weißen Erinnerungen einer lakonisch Erzählenden.

Mira „hält den glasigen Augen der ehemaligen Kindersoldaten stand“.

Hält man Augen stand? Hat man weiße Erinnerungen?

Von einem Kind, „das zwar getötet, aber nicht begraben wurde“, lässt sich Mira bereitwillig einen Bären aufbinden. Das Kind wird gefürchtet, weil man ihm die Tötungshemmung genommen hat. Mira erkennt in ihm ein Opfer deutschkolonialer Machenschaften. Die Weichen für sein Schicksal wurden vor hundert Jahren gestellt. Jetzt laboriert es an den Folgen in einem Lager.

Mira erkennt eine Verknüpfung des Grauens mit ihrem Geruchsgedächtnis.

„Der Geruch in den Lagern war der von Folie und Schlamm.“

Ihr Gewährsmann für alle Schrecken Afrikas ist der Warlord Aimé. Er behauptet:

„Unser Unglück liegt nicht in der Hölle … sondern im Paradies.“

An anderer Stelle wird die Hölle dementiert.

Mira und Milan passieren Zustände und Zeiten der Nähe und der versuchten Nähe. In einer Fahrzeugkabine kommen sie an dem Gefängnis von Den Haag-Scheveningen vorbei – United Nations Detention Unit. Das UNDU wurde 1993 im Rahmen eines Internationalen Strafgerichts in Betrieb genommen. Das Tribunal diene der „Entzauberung großer Männer“, behauptet jemand. Verhandelt wurde zumal gegen Slobodan Milošević.

Milan zeigt auf ein Fenster. Dahinter habe der Ex-Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien gesessen.

„Er starb vor dem Urteil“, schreibt Bossong.

I.

Moralische Insolvenz

In „Schutzzone“ erzählt Nora Bossong von der kolossalen Ohnmacht einer transnational-humanitären Organisation und von der unbedingt vorsätzlichen Eleganz britischer UN-Grazien an den Elendsfronten dieser Welt.

Eingebetteter Medieninhalt

Seit den feudalkolonialen Tagen von William Somerset Maugham und Joseph Conrad hat sich die Rattan-Möbel- und Tropenhelm-Exotik im Stil & Geist eines europäischen Ennuis in außereuropäischen Habitaten nicht grundsätzlich erneuert. Kernstück der Sundowner-Faszination bleibt die Differenz zwischen den komfortablen Einrichtungen für die überseeisch agierenden Expats, ein Wort, dass Sie bei Ernest Hemingway genauso finden wie bei Nora Bossong, und dem von „Kriegen, Naturkatastrophen und Hunger“ geprägten Alltag der Nutznießer*innen eines internationalen Wohlfahrtstransfers.

Inferiore Tropen

Bossong badet im Genrepool. Da taucht die gelangweilte Ehefrau des deutschen Attachés am Bassinrand auf. Für die „mitreisende Gattin“ wird als Antidepressivum und Suchtprävention „ein Job wie aus dem Nichts“ geschaffen. Die Rattan Möbel heißen „Flechtmöbel“ … Die Welt der Expats besteht aus „Flüchtlingscamps und Vertriebenenbusse“. In dieser Welt schlagen Repatriierungsprogramme fehl. Es bilden sich Stämme aus Heimat- und Staatenlosen. - Und es bildet sich die Hefe eines Zynismus, den Bossongs (bei den Vereinten Nationen beschäftigte) Heldin Mira nicht ganz von sich weist. Einer suggestiven Persönlichkeit, die als Kriegsherr von regionaler Herrlichkeit den Deutschen indirekt moralische Insolvenz attestiert, offenbart Mira ein Motiv ihrer kosmopolitischen Helferinnen-Existenz:

„Weil ich hier (also sonst wo in den inferioren Tropen) auch nachts noch Bahnen im Pool schwimmen kann.“

Tod im Container

Auf der einen Seite stehen „die Hochsicherheitsburgen der Missionen“ wie akkurat gelandete Raumschiffe im afrikanischen Nirgendwo. Auf der anderen Seite grassiert die Kindersterblichkeit in den Nissen-Hütten unserer Zeit.

Der Signalcharakter weltberühmter Schauplätze

Gleich zu Beginn nimmt wie zum Hohn ein weltberühmtes Hotel seinen Platz im Roman ein: das Beau-Rivage am Genfer See. Bossongs in Genf stationierte Erzählerin erwähnt Uwe Barschel, der Dreiundvierzigjährig am 2. Oktober 1987 in Zimmer 317 unter mysteriösen Umständen tot in der Badewanne aufgefunden wurde. Sie kehrt in eine der „unzähligen Herzklappen des Beau Rivage“ ein. Die in einem Antichambre großer Macht servierten Pommes frites verdanken sich einer Zubereitung, die, wie Mira bemerkt, ihren Kartoffelgeschmack als feine Note erhält. Die heimlich Verzauberte gibt ihrem Snobismus die Sporen mit dem blasierten, vor Bedeutungsanstrengung triefenden Bekenntnis, ihr fehle „der Duft alten Frittierfetts“.

Für solche Entbehrungen hätte sie nicht Karriere machen müssen.

Mira mokiert sich über den in Stein gemeißelten Geltungsdrang eines Herzogs von Braunschweig. Dessen Sarkophag steht an der Uferpromenade des Quai du Mont-Blanc gleich neben der Fünf-Sterne-Herberge. Karl Friedrich August von Braunschweig hatte sich als entmachteter Regent 1873 in Genf niedergelassen. Er stiftete der Stadt ein Opernhaus und bekam dafür eine monumentale Grabstätte, die er allerdings im Voraus bezahlen musste.

Die Erzählerin passiert die Stadien der Desillusionierung in Rückblenden. In der Handlungsgegenwart ist sie so abgebrüht wie sie nur sein kann – eine lakonische Lady im Distanzdress. Bossong erwähnt „verschworene (UN-)Grazien“, die „in strengen Kostümen“ einen Parcours des Notstandsgebiets-Jetsets absolvieren.

Wie weit weg ist Mira von dieser Interpretation postkolonialer Euroegozentrik?

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