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07.11.2019, Jamal Tuschick

„Wir suchen nicht die Themen. Die Themen suchen uns.“ Diese Einsicht variiert das Picasso-Bonmot: Ich suche nicht, ich finde. In seinem „Manifest ohne Grenzen“ verarbeitet Ai Weiwei die Degradierung des verfemten und verbannten, von Maos kulturrevolutionären Kindergardisten beinah hingerichteten, angeblich „rechtsabweichenden“ Vaters als Regression in einer wahnsinnig kindischen Welt, die so falsch eingerichtet ist, dass sich inhumaner Blödsinn zur Staatsräson erheben lässt.

Kunst muss kontrovers sein

Verätzende Parodien

1992 zerfiel ein Riese zu Staub. Die Sowjetunion hörte einfach auf zu existieren und gab dabei zwei Positionen kampflos preis: den Sozialismus und einen von Russland beherrschten Staatenbund. Die Nachahmung des Westens vollzog sich im Sog der postkommunistischen Schwäche. Kurz schien es, als sei der Weltgeist liberaler Demokrat mit planetarischem Alleinvertretungsanspruch. Für viele Beobachter der Siegermächte von Neunundachtzig sah es so aus, als würde die Geschichte gut ausgehen. Aus dem erstaunlichen Ende des Kalten Krieges leiteten Amerika und seine Zwerge die hemmungslos naive Vorstellung einer gradlinigen Entwicklung im Sinne einer Verwestlichung der Welt ab.

„Wie schnell geht es, einer Mehrheit einzuimpfen, dass du nicht zu ihr gehörst.“ Ai Weiwei

Russland startete eine Simulation demokratischer Institutionen. In der zweiten Phase spiegelte es die Kehrseiten liberaler Demokratien. Es lieferte verätzende Parodien und kritisierte so effektiv einen universalistischen Suprematie-Anspruch qua moralischer Überlegenheit. Man kann sich die Trump-Marionette militant neoliberaler US-Gamer rund um die Präsidentenmacher David und Charles Koch auch sehr gut als Putins Handpuppe ausmalen, so wie sich Putin als Strippen ziehender Puppenspieler fast so gut macht wie der chinesische Staatschef Xi Jinping.

China ging einen anderen Weg als Russland. Es borgte sich die Instrumente des technischen Fortschritts aus westlicher Produktion, ohne Konzessionen zu machen. Es bewahrte sich seinen Autoritarismus im Zuge einer Modernisierung. Davon berichtet Ai Weiwei in seinem „Manifest ohne Grenzen“. Er schildert den anachronistischen Züchtigungsstil, mit dem sein Vater, der Dichter Ai Qing, dann doch nicht gebrochen wurde; im Gegensatz zu so vielen, die Mao platt machen ließ, während sich westdeutsche Lehrer*innen ihre Stundenpläne in ihre Mao-Kalender eintrugen.

Angriff oder Flucht

Der schlafende Riese erwachte, und als er sich erhob, warf er seinen Schatten über den Erdkreis wie ein Lasso. Er verweigerte die Kontributionen. So viel mächtiger als Russland, schenkte sich China Putins verätzende Parodien auf die Weltformel Demokratie.   

China ist ein Pol, zu dem sich andere verhalten müssen. Gestern sagte der „Spiegel“-Afrikakorrespondent Bartholomäus Grill bei einer Präsentation seines Buches „Wir Herrenmenschen“, die chinesische Präsenz in Afrika habe in zwanzig Jahren mehr bewirkt als sechzig Jahre europäische Entwicklungshilfe zu bewirken vermochten.

Vertrautes Unglück

Man verbannt den Dichter aus Peking, zwingt ihn in das Joch eines Schreibverbots, erlaubt ihm, Latrinen zu putzen in einer westlichen Provinz.

Wenn Sie wissen wollen, woher Ai Weiweis Solidarität mit Geflüchteten kommt: der Grund dient seinem Schicksal als Boden. Man treibt den Verfemten und seine (keiner Erniedrigung entgehenden) Familie in das Land der Uiguren. Eines Tages sagt der Vater zum Sohn:

„Wir müssen weiter.“

Die Zukunft ist ein schwarzes Loch. Die Geächteten haben kein Bett, dass sie abschlagen könnten. Sie ziehen mit „Decken und Kohle“ weiter in noch größere Unwirtlichkeit. Sie erwartet Kälte und noch größeres Ungemach.

Ai Weiwei erzählt vom Verlust vertrauter Schaben … von einem Verlust vertrauten Unglücks.

„Ein wirkliches Zuhause konnte so nie entstehen.“

Bald mehr aus dem „Manifest ohne Grenzen“. Ich will noch einen Satz aus meinem Notizblock übertragen, den Ai Weiwei vorgestern im Palais der Berliner Kulturbrauerei so sagte, dass ich mich persönlich angesprochen fühlte. Der Mentor der Geflüchteten in alle Welt erklärte:

„Ich neige nicht zur Flucht.“

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