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08.11.2019, Jamal Tuschick

In „Roter Staub“ klärt Isabela Figueiredo auch den Unterschied zwischen Wohlstand und Auskommen. Während die Erzählerin sich für wohlhabend hält, weiß ihr Vater es besser.

Sexualität und Kolonialismus

Mário Soares - ein Idol der europäischen Linken, das von den Kolonialportugiesen in Mosambik als Verräter gehasst wurde. 

Eingebetteter Medieninhalt

Tiefenbohrung

Mit der Veröffentlichung wartete Isabela Figueiredo bis zum Tod des Vaters. Andere hätten den eigenen Tod zu einer weiteren Publikationsbedingung gemacht. Die Autorin scheut eine Konfrontation nicht, die fast alle zur Vermeidung einlädt. Figueiredo setzt sich mit der Sexualität ihrer Eltern auseinander und geht dabei über sämtliche Barrieren ans Eingemachte.

Isabela Figueiredo, „Roter Staub“, Erinnerungen, aus dem Portugiesischen von Markus Sahr, Weidle Verlag, 170 Seiten, 23,-

Figueiredo erscheint erschreckend, manchmal sogar abstoßend furchtlos.

Die sexuellen Benennungen sind durch die Bank Bestimmungen von Machtverhältnissen. Figueiredo unternimmt eine Tiefenbohrung, die ich mehr schätzen könnte, wäre nicht allenthalben das N-Wort im Text zu beanstanden. Es ist so oft gesagt worden. Es gibt keinen literarischen Grund für die Verwendung des N-Worts.

Das erzählende Ich wächst als Tochter eines portugiesischen Kolonialisten in Mosambik auf. Die Mutter ist zwar mit von der Partie, erscheint aber als Beifang. Die Voraussetzungen für ihr Ansehen zwingen sie in ein soziales Korsett, während der Gatte in Afrika sein Paradies findet. Die Erzählerin verfolgt argusäugig die Betriebsamkeit eines virilen, stets erfolgreich mit der Tür ins Haus fallenden Verführers. Fast scheint es, als bewache sie den vitalen Vater, der sich mit keinem Zwang belastet.

Die Frauen der Kolonialherren sind keine Kolonialherrinnen, sondern Gedemütigte, die sich schadlos halten mit Klatsch und Tratsch über Schwarze Frauen, die für eine Mahlzeit sexuelle Dienstleistungen verrichten und dabei wieder und wieder schwanger werden. Die Kinder haben selbst dann keine Aussicht auf die Gunst einer absichernden Vaterschaft, wenn sich ein Erzeuger feststellen lässt. Niemand erwartet, dass Weiße Kinder mit dem „Farbfehler“ als Töchter und Söhne anerkennen. Jene, die es tun, sind Deklassierte an der Gesellschaftsperipherie und im Busch zu Hause.

Das portugiesische Regime zeigt sich nicht aufgeklärter und (sei es aus Trägheit) toleranter als andere „Schutzmächte“ in Afrika. Es herrscht totalitärer Schlendrian in Lourenço Marques (heute Maputo), wo man sich grundsätzlich von Schwarzen bedienen lässt. In der nach einem „Entdecker“ benannten Metropole, die Figueiredo ein „Konzentrationslager“ nennt, wirkt der portugiesische Potenzbolzen als Oberelektriker. Er geizt nicht mit „pädagogischen Abreibungen“, die er gleichermaßen als Ansporn und als Ausbildung begreift.

Figueiredo rhapsodiert. Sie marodiert in den Erinnerungen einer Elektrikertochter. In Portugal wäre ihr Vater ein kleines Licht. In Mosambik erscheint er als Herr. Ein halbes Jahrtausend entsprach die Metamorphose vom Schweinehirten zum Granden einer ständigen Praxis. Inzwischen glaube ich, dass das koloniale Abenteuer die wichtigste Sozialisationsfolie neuzeitlich-europäischer Gesellschaften bildete. Alles drehte sich um diese Aufsteigerfigur, über die sich neue Vermögen generieren ließen.

Der Afrikaexperte Bartholomäus Grill erzählte gestern im Gespräch mit der InterKontinental-Agentin Stefanie Hirsbrunner, dass die bis heute funktionierende Struktur der Entnahme afrikanischer Ressourcen und die Auslagerung der Wertschöpfung im Sklavenhandel der Konquistadoren-Ära fundamentalisiert wurde.

Erst die vollständige Entrechtung lieferte das Muster. Dessen Wirksamkeit musste wieder und wieder bewiesen werden: von Männern, die sorgfältig zu Rassisten erzogen worden waren. Ich vermute, dass auch meine Generation so noch geprägt wurde. - Dass Entwicklungshilfe eine Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln war. Die Helfer sicherten sich Einfluss im kapitalistischen oder kommunistischen Bündniskontext. Die Unterstützung zweifelhafter Regimes zur Befestigung der europäischen Außengrenzen in Afrika gehört zu einem post-kolonialen Konzept.

Anders gesagt, die Bevormundung Afrikas hört nicht auf.

*

Es gab diesen Augenblick, in dem wir alle Portugiesen waren, und die weltweit schönsten Bilder aus Lissabon kamen. Man sah von Nelken geschmückte Soldaten, alle ein bisschen che’esk. Sie fraternisierten mit außerparlamentarischen Oppositionellen, die sich kaum von denen unterschieden, die in Berlin demonstrierten. Nun hatten auch die Portugiesen ihren Willy Brandt und ich begriff, dass wir Sozialdemokraten in einer Internationalen vereint waren.  

Für Figueiredo endet die Party mit der Dekolonisierung. Sie kauft ein Ticket und fliegt ins „Mutterland“. Interessanterweise „bin ich mein Vater. Das, was von ihm übrig ist“. Bevor sie ins Flugzeug steigt, erlebt Figueiredo die Rohfassung der Zeit „nach den Weißen“.

Wie in allen Umbruchphasen dominiert das Paradoxe. Die Sieger*innen wissen noch nicht so recht. Nur die Verlierer*innen wissen Bescheid. Sie müssen schneller begreifen als ihre Feinde, die eben noch den Wert menschlicher Putzlumpen hatten.  

Figueiredo erlebt einen Übergriff, der Tage zuvor noch den Tod des Übergriffigen zur Folge gehabt hätte. Er wäre gelyncht worden; er oder ein anderer an seiner Stelle. Jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Figueiredo versäumt es, sich daran zu erinnern, wie sie die Ohnmacht einer PoC ausnutzte, in der Gewissheit, mit Vergeltung nicht rechnen zu müssen. Zugleich verzichtet sie nicht auf ein herabsetzendes Wort.

Figueiredos Erinnerungen bieten ein Nachwort von Sophie Sumburane auf, das dem N-Wort sowohl eine Schauer- als auch eine erhellende Wirkung zubilligt. Mir leuchtet das nicht ein.

Ich ziehe zum Schluss Roxane Gay* vor/heran. Gay hat nachgezählt: in Quentin Tarantinos Django Unchained „kommt das N-Wort in nicht ganz drei Stunden hundertzehn Mal vor.“  

Was anderes als Rassismus soll das sein?

„It is funny how the the majority of whites do not want to face the truth of the real history of America. Your wealth was not given by hard work and justice. It was given by evil and robbing other cultures“. Eine Stimme aus dem Off der Kommentarspalten

*Gay beschäftigt sich in ihrem Essayband „Bad Feminist“ mit dem rassistischen und Klischees verbreitenden Hollywood auch am Beispiel von Tarantinos Django Unchained.

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