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08.11.2019, Jamal Tuschick

UNO-Mitarbeiterin Mira, die Heldin in Nora Bossongs aktuellem Roman „Schutzzone“, ist in der unmittelbaren Handlungsgegenwart mit dem steinzeitlich anmutenden Zypernkonflikt befasst. „Auch auf Zypern gab es ethnische Säuberungen. Immer noch sind UNO-Truppen auf der Insel stationiert.“ Daran erinnerte Nora Bossung in Britta Gansebohms literarischem Salon im Gespräch mit der Gastgeberin.

Nicht immer gibt sich das Böse zu erkennen

Nora Bossong, Britta Gansebohm

Nora Bossong

UNO-Mitarbeiterin Mira, die Heldin in Nora Bossongs aktuellem Roman „Schutzzone“, ist in der unmittelbaren Handlungsgegenwart mit dem steinzeitlich anmutenden Zypernkonflikt befasst. „Auch auf Zypern gab es ethnische Säuberungen. Immer noch sind UNO-Truppen auf der Insel stationiert.“ Daran erinnerte Nora Bossung in Britta Gansebohms literarischem Salon im Gespräch mit der Gastgeberin.

Karitative Kellnerin

„Einen besonderen Fall“ nennt sie Kenias Präsidenten. Der Sohn eines Präsidenten wuchs in Tuchfühlung mit der Macht auf. 2010 wurde Uhuru Kenyatta vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt. Vier Jahre später zog Chefanklägerin Fatou Bensouda die Klage in der Konsequenz fehlender Zeugen zurück. Nora Bossong behauptete, seither stünde Kenyatta besser da als je zuvor.

„Das Böse gibt sich nicht immer zu erkennen.“

Diese Einsicht gewinnt der Leser gemeinsam mit der Autorin in der Ergründung des kompliziertesten Verhältnisses im Roman.

In „Schutzzone“ geht es um Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung. Manchen könnte es reichen, daran wenigstens einmal interessiert gewesen zu sein.

Nora Bossong, „Schutzzone“, Roman, Suhrkamp, 333 Seiten, 24,-

In Burundi trifft Mira den „General“ – eine charismatisch schillernde Figur, die Miras uneingestandenen Anspruch auf einen moralischen Vorsprung verätzend karikiert.

Aimé stellt Mira bloß, indem er sie und die deutsche Geschichte „spiegelt“. Der Warlord erzählt von einem bösartigen Dilemma, in das ein Kind von einem uniformierten Verbrecher gebracht wurde. Der Herr über Leben und Tod ließ ihm eine schaurige Wahl. Mira betrachtet sich solange als Zeugin einer Selbstanzeige, bis Aimé verrät, dass in dieser Episode ein Deutscher als Repräsentant des Bösen auftritt. Seiner klärenden Funktion zum Trotz, unterstellt Bossong Aimé einem Generalverdacht. Er könnte ein kultivierter Killer sein, der das Odeur ethischer Inkontinenz mit philosophischem Chichi übertüncht.   

Doch wer ist Mira?

Sie hat kurz Internationales Recht studiert und dann in einer New Yorker Schwemme Bier gezapft, das in Plastikbechern über den Tresen ging. Sechs Dollar kostete ein Mal Plörre in der Kunststofffassung. In einer Atmosphäre zwischen Nepp und Bruch fühlten sich Männer wohl, „die wie schlecht gecastete Schauspieler“ aussahen.

Mira wohnte in einem untervermieteten Kinderzimmer, eher noch in einem Verschlag. Unter den Dielen fiepten die Nachkommen der Überlebenden exzessiver Kammerjägerkampagnen.

Im Handlungsjetzt gibt sie „Traumatisierten eine Stimme“. So sagt es Bossong im Hinterzimmerplüsch des Salons. Miras Leistung besteht und erschöpft sich darin, „den Schmerz (etwa von Überlebenden eines von der Weltgemeinschaft ignorierten Genozids) anzuerkennen“.

Das ist nicht viel, aber viel mehr als nichts, könnte man sagen. Jedenfalls argumentiert Mira manchmal in diesem Sinn. Ihre Schöpferin hält dem Minimal-Pragmatismus Folgendes entgegen. Eine Grunderfahrung der von der UNO verwalteten Expatriierten sähe so aus: Zuerst „stapft das Rote Kreuz durchs Camp und befragt Opfer“. Dann kreuzen die Mitarbeiter*innen von drei Regierungs- und drei Nicht-Regierungsorganisationen auf. Zum Schluss stellen Künstlerkollektivisten die gleichen Fragen wie die Rotkreuzler im ersten Erhebungsdurchgang.

„Am Ende haben die Leute acht Mal ihre Lebensgeschichte erzählt und wundern sich, dass nichts passiert.“

Vor diesem Hintergrund verlange die Redlichkeit einen Abgleich zwischen allen möglichen Absichten/Vorsätzen und der Realität. In der UNO-Stadt von Nairobi beobachtete Bossong Mitarbeiterinnen bei ihrer Freitagnachmittag-Bürositzgymnastik kurz vor dem Start ins Wochenende. Die Schriftstellerin beschreibt eine typische Prenzlauerbergszene. Für sie ist das ein gefundenes Fressen, für ihre Heldin eine Illustration ihrer Halb-Resignation.

Hier noch mal der UNO-Erschöpfungsakkord:

Idealismus – Pragmatismus – Zynismus.

Erster Teil der Lesungsbesprechung

Postkoloniale Eurozentrik

Tod im Container - Auf der einen Seite stehen „die Hochsicherheitsburgen der Missionen“ wie akkurat gelandete Raumschiffe im afrikanischen Nirgendwo. Auf der anderen Seite grassiert die Kindersterblichkeit in den Nissen-Hütten unserer Zeit. Über dieses institutionalisierte Missverhältnis unterhielt sich Britta Gansebohm in ihrem literarischen Salon mit Nora Bossong. Deren großartiger Roman „Schutzzone“ setzt dem Scheitern der Humanität mit den Vorzeichen postkolonialer Eurozentrik ein Denkmal.  

„Wenn man das Träumen hinter sich gelassen hat, ist das Scheitern vorprogrammiert.“

Unter UNO-Jetsettern sieht so ein Allgemeinplatz aus. Die Karitativen durchlaufen die Stadien Idealismus – Pragmatismus – Zynismus. Den abschüssigen Prozess beschreibt Nora Bossong in ihrem neuen Roman „Schutzzone“ als Dreiklang der Arbeitserschöpfung. Darüber spricht die Autorin in Britta Gansebohms literarischem Salon mit der Gastgeberin. Gansebohm charakterisiert „Schutzzone“ als „dezidiert politischen Roman“. Bossong bekräftigt das. Sie beansprucht den Plural der #Vielen/#wirsindmehr, als sie sagt: „Wir sind wieder politisch.“  

Meine Besprechung des Romans folgt diesem Text.

„Nichts ist stärker als die Wahrheit.“  Stefan Aust

Bossong reiste für ihren Roman. Sie redete mit Leuten von der UNO. In Burundi befragte sie einen Querschnitt der für sie erreichbaren Bevölkerung. Das Verfahren ist komplett journalistisch. Warum speiste Bossong ihre Rechercheresultate nicht mit dem Gütesiegel der Wahrheit in eine potente mediale Gegenwartsmaschine ein? Eine „Spiegel“-Titelgeschichte lässt den größten literarturbetrieblichen Resonanzraum wie ein Mäuseloch aussehen. Mit diesem Gedankenspiel unterhalte ich mich, während sich Gansebohm mit Bossong unterhält. Mit Bossong könnte man die Journalistin sogar in einem Kinofilm besetzen. Französische Wörter spricht sie so aus, dass man gleich denkt: Das kann sie auch.

Bossong versus Relotius

In Umkehrung eines Wortes von La Rochefoucauld sind alle Kopien schlecht, die von einem guten Original abgezogen wurden. Der Hochstapler Claas Relotius vergriff sich an Spitzenprodukten seines Fachs. Er fälschte auf einer Folie der Wahrheit.

Warum erkannte niemand die Mäßigkeit seiner Arbeit?

Juan Moreno gibt eine Antwort in seiner Abrechnung „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“. Narrative Sülze wirkt in der Kombination mit einer glaubwürdigen Wahrheitsbehauptung so anziehend wie das alltäglichste Angebot in einer gekonnt ausgeleuchteten Fleischtheke auf Nicht-Vegetarier*innen. Die Wahrheitsbehauptung verleiht abgegriffenen Wendungen und verbrauchten Formulierungen eine merkwürdige Rasanz. Gefühlvoll Klapperndes und eine abgestandene Intensivität beglaubigen die Recherche in einem magischen Vorgang. Eine als beste Reportage des Jahres ausgezeichnete Geschichte fiele in einem literarischen Zusammenhang wahrscheinlich durch.  

Das war mal anders. Marie-Luise Scherer veröffentlichte vor Jahrzehnten im „Spiegel“ ein unendlich gut geschriebenes Porträt über einen, der beides war: reich und begabt. Keinem fiel auf, dass die von Old Augstein bewunderte Autorin den Surrealisten Philippe Soupault in einem Altenheim besucht hatte. 

Heute würde man ihr die Diskretion nicht mehr durchgehen lassen. Das heißt, die Stücke müssen so klappern wie ein echter Relotius, sie sollen nur auch wahr sein. Das liegt daran, dass kein Redakteur auf die Idee kommt, Bossong ein Angebot zu machen, dass sie nicht ausschlagen kann. Das Ergebnis könnte eine Trendwende einleiten.

*

Im Journalismus verhält sich der Inhalt zur Form wie das Schnitzel zur Panade. Schreibt der Wirt „Wiener Art“ auf die Karte, rechnet er vielleicht damit, dass sich der Unterschied zum „Wiener Schnitzel“ dünn macht. Denkt man den von jeder Arglist freien Biedersinn in die andere Richtung, begreift man überhaupt erst den Mangel an Unrechtsbewusstsein, für den Relotius über Nacht sprichwörtlich wurde.

Man träumt von einem Shakespeare-Reporterstück, in dem die höhere Wahrheit der Kunst von Rechercheergebnissen hieb- und stichfest bestätigt wird. Etwas, dass alle Erwartungen überframt, weil es alle Erwartungen bestätigt – weil es direkt aus der Pipeline des Lebens kommt. Nichts ist so heiß wie die Wahrheit.

Die Vermeidung der Wahrheit ist keine Kleinigkeit. Sie verlangt den Aufwand einer Insolvenzverschleppung. Ich habe Leute beobachtet, die sich in der Vermeidung ihrer Arbeit bis zum Burnout verausgabt haben. Hätten sie nur ihre Arbeit gemacht, wären sie bei Weitem nicht so strapaziert worden.  

Claas Relotius produzierte von jeder Geschichte zwei Versionen. Nicht weniger wichtig und im Einzelnen sogar aufwendiger als die publizierte Fassung war der redaktionelle Teil: die Story für die Kolleg*innen. Juan Moreno legt wieder und wieder den Finger auf die Wunde der unerlaubten Arglosigkeit.

Wie kann man als Journalist, der den Hasen so oft laufen sah, sich so hinters Licht führen lassen, wie es die größten Kaliber sich nachsagen lassen müssen?

Vermutlich hängt das damit zusammen, dass viele Journalist*innen verhinderte Schriftsteller*innen sind. Und schon sind wir wieder bei Bossong. Ich erzähle morgen, was sonst noch in Gansebohms literarischem Speakeasy vorgestern passiert ist.

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