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09.11.2019, Jamal Tuschick

Solange sie zusammen sind, kennen sie nichts anderes als die Geborgenheit in der Gruppe, die viel mehr eine Herde ist. Doch wenn die Sache gelaufen ist und sie ihre Miniröcke wieder zivil tragen, kennen sie sich überhaupt nicht mehr; so als läge hinter ihnen etwas, dass sie mit Scham erfüllt. Auch davon handelt Sivan Ben Yishais, von Sasha Marianna Salzmann auf der STUDIO Я des Berliner Maxim Gorki Theaters inszeniertes Soldatinnenstück „Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick)“.

Blood In Blood Out

Kenda Hmeidan spielt in einem Quartett eine von acht Soldatinnen

Ein guter Geist des Hauses Gorki - Deniz Utlu kurz vor der Premiere

Eingebetteter Medieninhalt

Vier spielen acht

Vier Schauspielerinnen verkörpern eine achtköpfige Zeltbesatzung im Nirgendwo einer militärischen Sonderzone.

Catherine Stoyan, Abak Safaei-Rad, Kenda Hmeidan und Elena Schmidt tanzen den Drill & Flow-Boogie der Langeweile in Todesnähe. Sie spielen Sterben im Spektrum zwischen töten und getötet werden. Erstaunlicherweise dominiert die Kritik an einer Gewaltinstitution nicht das Geschehen. Der pazifistische Untergrund wird kaum belastet.   

Auch die Herrschaftsverhältnisse entziehen sich in Yishais Betrachtung der Gefahr eines Umsturzes. Die Soldatinnen unterwerfen sich dem Regime eines Kommandanten, der ihnen alles abverlangt. Sie signieren ihre Unterwerfungen mit ihrem Schweiß. Man erzieht sie in einem paternalistischen Reigen zum Glauben an die Gemeinschaft. Als Gläubige sind sie Verschworene. Sivan Ben Yishai schildert Wehrdienstszenen, die nicht überall auf der Welt so über die Bühne eines Alltags voller Vorschriften gehen könnten.  

Die Soldatin darf sich nie mehr als drei Meter von ihrer Waffe entfernen. Anderenfalls ist ihre Exekution unvermeidlich. Eine Exekutierte memoriert die Einzelheiten. In der Vorläufigkeit des Überlebens begatten die Auszubildenden ihre Waffen. Sie entziehen sich den Begattungsabsichten der Kameraden. Deren Spott weiß, dass man sie mit Ausschuss bestückt hat, mit „Opas, die nicht mehr schießen“. Als Opas werden Gewehre aus jenen Museen angesprochen, die Gegenstände vergangener Kriege archivieren. Durch die Narration zieht sich der rote Faden eines Optimismus, den Verlierer*innen nicht haben. Deshalb ist der Textdefätismus auch nur Pose, so etwas wie der Trash Talk seelisch Hungernder. Zum Schluss wird ein Moment des Anfangs repetiert. Es geht um ein vollgeschissenes Tier, das man sterben sehen will. Es ist klein genug, um von einem Blatt zu kippen. Der Anblick seiner finalen Niederlage löst Befriedigung aus. Das ist natürlich lächerlich und nur ein von Sasha Marianna Salzmann besonders klug komponiertes Element weiblicher Präpotenz im Versuchsstadium.

Das wird noch. Aber noch treten die Soldatinnen in verheißungsvollen Gardekostümen an. Die Zweifel an ihrer Kampfkraft erzeugen eine gewisse Zurückhaltung.  

Auf einer zweiten Erzählachse erscheinen die Soldatinnen als Schwestern, die einen Driver zum Vater haben, dem man das Schlimmste nicht nachsagen kann. Er bläht die Backen auf, trommelt die Hitparade auf dem Lenkrad mit. Er kennt vermutlich alles von Kenny Rogers

Ab und zu drängen die Spielerinnen im Zentrum zusammen und erzeugen das lebende Bild einer gefährdeten Horde im Fluchtmodus. Dann lassen sie es wieder in der Vereinzelung krachen – auf einer Tribüne mit Schautreppenfunktion. In der Spiralform der Inszenierung feiert sich heimlich eine Neigung zum Rigorosen, die von Stellvertreterfiguren des Common Sense heruntergespielt wird.   

Aus der Ankündigung

Acht junge weibliche Körper liegen in einem Zelt, atmen im Gleichklang und beschützen die Gewehre, die unter ihren Matratzen auf den nächsten Einsatz warten. Ihre Albträume in der Nacht erleben sie, sowie die Wachträume des Militäralltags, gemeinsam.

Immer wieder umkreisen die Soldatinnen die vielfältige Möglichkeit ihres eigenen Todes. Was stirbt in einem, wenn man den Abzug eines geladenen Gewehrs betätigt? Wann hat die Enteignung des eigenen Körpers angefangen?

Im vierten Teil ihrer Tetralogie Let The Blood Come Out To Show Them hält die Autorin Sivan Ben Yishai eine Zeremonie der Erinnerung ab. Welche sichtbaren und unsichtbaren Spuren hinterlässt der Dienst am sogenannten Vaterland?

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