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09.11.2019, Jamal Tuschick

Gemeinsam mit der Berliner Zeitung und der BVG lud der "Tagesspiegel" seine Leser*innen zu einer Ost-West-Spritztour im Sonderzug nach Pankow ein. Zeitzeugen erzählten in der U2 ihre ganz persönlichen Mauerfall-Geschichten

Das Gefühl von 89 oder Der Sonderzug nach Pankow als rollende Redaktion

Blitzlichtgewitter im Sonderzug nach Pankow, der als rollende Redaktion von Ost nach West fuhr

Bereitstellung des Sonderzuges

Tagesspiegel-Redakteur Robert Ide moderierte im Sonderzug nach Pankow

In der Bahn „ist es so voll wie damals auf dem Kurfürstendamm“.

Mit einer Durchhalteparole wie aus der Kohlrübenära animierte uns Tagesspiegel-Redakteur Robert Ide die drangvolle Enge in der Tram mit Humor zu ertragen. Die meisten Passagiere hatten wohl die Idee, in einem Geschichtszug gut versorgt mit Organisationsleistungen in ein kathedralisches Erlebnis hinein zu rauschen. Doch gab es für innere Einkehr keinen Raum.

Ide befragte Sören Benn. Pankows Bezirksbürgermeister saß fest in einer Kaserne, als das Gerücht von der offenen Grenze ihn erreichte.  

Mein Papa war zehn  

Es herrschte gesamtdeutsche Einmütigkeit im Sonderzug nach Pankow, der als rollende Redaktion über die ehemalige innerdeutsche Grenze fuhr; obwohl nicht wenigen Zusteiger*innen das Besondere der Ostwest-Passage verborgen blieb. Touristen und Sportfreunde nutzten einfach nur ein Verkehrsmittel. Jüngere begriffen nicht, was Ältere ergreifend fanden. Eine Schülerin las vor, wie ihr Vater (dem Vernehmen nach) dem Fall der Mauer erlebt hat. Sie begann:

„Mein Papa war zehn, als die Grenze aufging.“

Der Einstieg erntete Heiterkeit, bei jenen, die mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten eine biografische Genugtuung verbindet.

Auch Benn glaubte als Wehrpflichtiger, „im Westen (sei) das Gras grüner“. Kein Zweifel bedrängte ihn, dass vor seinem nächsten Urlaub alles wieder beim Alten sein würde. Sein persönlichstes gesamtdeutsches Fazit zog Benn aus dem Glück der Liebe, die sich, so sagte er es, dem Mauerfall verdankt. Seine Frau kommt vom Bodensee. Ein gemeinsamer Hausstand bedurfte der Abdankung des Politbüros.

Die Rede war auch von Problemen, mit denen keiner gerechnet hat. Doch war dies nicht die Stunde der Problembären. Wir waren uns einig. Auch wenn wir uns nicht alle leiden können, wollen wir doch vereint sein, jeder auf eine andere Weise von den Emissionen der Einheit betroffen. In diesem Sinn äußerte sich auch Wolfgang Thierse.

„Ich bin beruhigt, dass gefeiert wird.“

Der frühere Bundestagspräsident bekannte seinen Hass auf das Wort „Wende“. Auch in meiner Zusammenfassung findet es keine Verwendung. Es ist ein Krenz-Wort, also grenzwertig. Egon Krenz, genannt das Gebiss, kurz Staatsratsvorsitzender eines sterbenden Staates, formulierte unter dem Druck der Straße:

„Die Wende ist eingeleitet.“

Wer erst Zwang ausübt und dann aus Schwäche überzeugend wirken will, verdient sich das Schicksal lebenslanger Lächerlichkeit.

Das Wende-Gerede impliziere „eine Herabwürdigung“ der friedlichen Revolution, an der inzwischen auch Westpolitiker angeblich beteiligt waren. So sprach Thierse immer noch feurig. Er genoss den Plural, der jene vereint, die ihre Angst vor der Macht zu überwinden die Kraft besaßen und mit dieser Kraft viele mitrissen.

Es sind immer nur Wenige, die vorpreschen und oft werden ihre Ideale von vorsichtig netzwerkenden Nachfolger*innen in die Tonne getreten. Thierse kasperte um Totem und Tabu, soweit es den Stolz der friedlichen Revolutionäre betraf. Er konzedierte sich im Verein mit jenen, die das Glück und die Traute hatten, ein Regime von der Macht zu trennen, das Recht auf „ein bisschen Stolz“.

Was soll das ein?

Thierse vernahm am Mauerfallabend Schabowski und zog trotzdem nicht los. Für eine Lüge hielt er alles, was ein SED-Funktionär zum Besten gab.

„Wir sind nicht losgerannt.“

Dem Sinn nach: Die Kinder waren noch klein und schliefen schon, und sollte es denn wahr sein, was wir noch für Lüge hielten, wollten wir es als Familie gemeinsam erleben.

Er kann so einnehmend bei sich bleiben … „so schön war Westberlin nie mehr“ wie damals als Thierse mit seinen Lieben sich der historischen Dimension des Augenblicks im Licht der eigenen Anschauung vergewisserte. Berliner umarmten sich. Es kam zur Verbrüderung.

Bald mehr.

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