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10.11.2019, Jamal Tuschick

Die ersten deutschen Worte lehrte sie das Navi. Davon berichtet ein Gedicht, das Lina Atfah gestern Abend in der Berliner Buch- und Delikatessenhandlung „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“ sowie im Rahmen „von Freiheit und Heimat“ vortrug. Die letzte Zeile entspricht einem Gassenhauer der Gegenwart: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Das Publikum bezeugte eine lyrische Selbstbefragung. Lina Atfah verweigert ihrem Schicksal das Recht wort- und wehrloser Annahme. Ein Ich fragt sich, warum …

Luzider Wahn und Atemnot der Sprachlosigkeit

Lina Atfah und Osman Yousufi

Günther Butkus

Oft politisch

„Oft politisch“ nannte Herr Hund die Arbeit der syrischen Dichterin. Lina Atfah lebt als Geflüchtete in einer Arbeits- und Lebenssymbiose mit Osman Yousufi. Yousufi las die aufwendig zustande gekommenen Übersetzungen. Von manchen Gedichten werden verschiedene Fassungen überliefert - in dem im Pendragon Verlag erschienenen Band Das Buch von der fehlenden Ankunft

Verleger Günther Butkus erzählte, dass mitunter drei Übersetzer an zwei Sätzen gefeilt hätten. Nach seinen Begriffen schaffen Transformationen zwischen Sprachen „neue Bücher“, die als bloße Übersetzungen anzusprechen, eine Verkürzung sei. Deshalb sei es sinnvoll, Dostojewski alle zwanzig Jahre neu zu übertragen. Große Werke wachsen weiter im kulturellen Transfer. Wir kennen das auch von Joyce und Nabokov.

„Wir sind diejenigen, die den Gesang erschufen.“

Wir könnten natürlich auch jene sein, die vom Gesang erschaffen wurden.

Der starke Motor Verzweiflung

Sogar der Tod entgeht nicht der lyrischen Anziehungskraft. Er fühlt sich hingezogen zu der Dichterin, die ihm auch keine Abfuhr erteilt. Jederzeit würde sie ein Zelt für ihn aufstellen. Ihrer Ohnmacht stellt sie das beste Zeugnis aus, da sie die Zeit nicht zurückdrehen kann. Eine Sache von fünf Minuten wäre es gewesen, ein Kind zu retten, das von einer Kugel aus einer Granatkartätsche getroffen wurde.

Angetrieben von Verzweiflung treibt Lina Atfah die Poetisierung von Kriegserfahrungen voran.

Gestische Arabesken

Sie kennt keine heroischen und martialischen Wörter. Sie übermalt ihre Gedichte mit Gesten und beklagt „die Sturheit des Himmels“. Ein stellvertretendes Ich möchte „die Furcht in die Irre führen“. Es weiß sich gewarnt, da es an abgründige Anblicke gewöhnt ist bis zur Stumpfheit.

„Unser Blut ist ein Maßstab.“

Es sagt uns, wie lange wir was ertragen können. Den Hunger der Kinder zum Beispiel. Sie spielen im Bombendreck und ahnen nicht, was ihren Seelen eingebrockt wurde.

„Ist Poesie eine Tochter des einfachen Worts?“

Ein anderes Ich „hebt ein Grab in Kissen aus. So werden (seine) Träume wahr.“

Lina Atfah übergibt sich in der flüchtigen Gestalt einer Fackelträgerin dem luziden Wahn:

„Zünde die Schmetterlinge an und folge den Flammen.“

„Zerpflücke die Zeit wie einen Granatapfel.“

„Warum sterben Dichter? Um ihre Unsterblichkeit zu beweisen.“

„Warum sterben Tyrannen? Damit die Völker leben können.“

In ihrer Stadt gibt es kein Café, das eines Dichters würdig wäre.

Nach der Lesung sprach Lina Atfah so eindrücklich über eine Atemnot der Sprachlosigkeit, dass eine Zuhörerin kongenial soufflierte: Ich kann in einer neuen Sprache nicht noch mal Kind, nicht noch einmal jung sein. Es verschlägt mir die Sprache und nimmt mir den Atem: als Dreißigjährige in der herzlosen Unmündigkeit …

Eine bescheuerte Lehrerin meinte, sie wolle Arabisch lernen, um herauszufinden, ob Lina Atfahs Gedichte so schlecht seien wie ihr Deutsch. Wie niederträchtig. Schön war zum Ausklang eine Kurzgeschichte aus dem Stehgreif und selbstverständlich auf Deutsch: Man sei muslimisch, aber nicht religiös. Der Vater habe im Krankenhaus einen Türken kennengelernt, den er nicht verstand, dessen Auftritt aber so ein brüderlich einladend war, dass er sich verpflichtet fühlte, dem Mann zu folgen: in Erwartung „einer Tasse Tee“. Er fand sich dann in einer Moschee wieder. Das wäre ihm in Syrien nicht passiert.

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