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11.11.2019, Jamal Tuschick

Er scheiterte als deutscher Revolutionär und reüssierte als amerikanischer Senator. Carl Schurz (1829 - 1906), ein Kind der Preußischen Rheinprovinz, starb nach einem erfüllten Leben mit freiem Blick auf die New Yorker Freiheitsstatue. Lady Liberty ist eine Protagonistin in Andreas Kollenders hinreißendem, im Pendragon Verlag erschienenen Roman „Libertys Lächeln“.

Gehen Sie sterben, Sie Held

Andreas Kollender

Radikal modern

„Heimat – Freiheit – Leidenschaft.“

Herr Hund hält „Heimat und Freiheit beinah für Synonyme“.

„Ohne Heimat keine Freiheit“, sagt er in der sagenhaften Buch- und Delikatessenhandlung „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“ in einer Vorrede zu Andreas Kollenders Auftritt an Ort und Stelle. Verleger Günther Butkus hat sich schon geäußert. Er hat seinen Verlag nach Uther Pendragon, dem Vater von König Artus in der Sage gleichen Namens benannt – aus einer Vorliebe für Ritterromane und Minnegesang.

„Radikal modern“ findet Butkus das Lied der höfischen Liebe, erdichtet von Kriegerpoeten zur Erhöhung holder Weiblichkeit. Dabei fuhr den noch viel dichter als uns Heutigen an den Affekten siedenden (alles im Wettstreit regelnden) Turnierdichtern Mäßigung ins Mark.  

Sie gaben sich die Bedeutung, die sie gern hatten, vorbei am Komment. Indem sie den Arsch einer Magd dem Arsch einer Edelfrau villon’esk unterstellten, ordneten sie die Welt nach ihren Bedürfnissen ohne unmittelbaren Zwang. So schritten die Prozesse der Zivilisation voran, die sich als Verkettung von Selbstbehauptung und Selbstbeherrschung präsentieren.

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam.

Kollender erzählt, wie Schurz an der Spitze eines losen, dem Bier zusprechenden Milizhaufen zur Tat schreitet. Unterwegs separiert er sich an einem Ackerrand und gerät da in die Lage, einer Unbekannten zu gestehen, noch nie im Licht eines Liebhabers geküsst zu haben. Die Suggestive lässt ihn freundlich auflaufen. Beherzt gibt sie ihm die Worte mit auf den Weg:

„Gehen Sie sterben.“

Das ist mit Schurz nicht zu machen. Er lebt mit einem wilden Gefühl für sich; einer einnehmenden Eigenliebe, die Kollender als eines fabelhaften Mannes Merkmal vortrefflich herausstellt.

1849 nimmt Schurz am badisch-pfälzischen Riot teil und entweicht dem Feind knapp (aus der Rastatter Feste). Er überlebt das republikanische Abenteuer gegen alle Wahrscheinlichkeit. Als zur Fahndung Ausgeschriebener findet er den Mut, noch einmal etwas in Preußen zu wagen …

Er verhift der 48er-Widerstandsikone Gottfried Kinkel zur Flucht aus dem Zuchthaus Spandau.

Kollender erzählt vom Schurzens Sturm- und Drangzeit auch aus der Sicht eines greisen Veteranen, der im New Yorker Battery Park Lady Libertys Lächeln zu ergründen sucht. Er kämpft sich über einen Erinnerungslückenparcours, als  Spaziergänger ihn aufs Unangenehmste angehen. Zwei Herren, deren steife Hemdbrüste förmlich vorstellig werden, machen Schurz all das zum Vorwurf, wofür er heute noch berühmt ist.

Dazu bald mehr.

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