MenuMENU

zurück zu Main Labor

12.11.2019, Jamal Tuschick

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das republikanische Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam. Auch davon erzählt Andreas Kollender in „Libertys Lächeln“ - einem im Pendragon Verlag erschienenen Roman voll instruktivem Thrill.

Fürchterliche Kompromisse

 

The Forty-Eighters

Eingebetteter Medieninhalt

Apokalyptisches Sensenwerk und instruktiver Thrill

Brecht begriff die Bauernkriege als das größte deutsche Unglück. Sie kamen zu früh und forderten einen den nachkommenden Widerstand ermahnenden Blutzoll. Das volkstümliche Aufbegehren als historische Konstante erholte sich in Jahrhunderten nicht von dem apokalyptischen Sensenwerk der gepanzerten Reiter, die zu keinem anderen Behuf geformt worden waren, als einem Fürstenwillen Geltung zu verschaffen. Auf der einen Seite hatte man die Jahrhunderte in Unfreiheitsübungen tradierte Angst und auf der anderen Seite den trainierten Mutwillen von Leuten, die zum Krieg erzogen wurden. Die Praxis überstand das Scheitern der Bauern unbeschadet.

Als es 1848 wieder einmal so weit zu sein schien, war die Revolution keine bäurische, sondern eine bürgerliche Angelegenheit. Es ging um eine standesbewusste Emanzipation. Dafür steht Carl Schurz bis heute. Wie alle bürgerlichen Vordenker dachte Schurz weit über persönliche Bedürfnisse hinaus: in das Offene von Natur- und Naturvölkerschutz.

1852 wanderte Schurz als in Preußen steckbrieflich gesuchter Revolutionär ein ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Andreas Kollender schildert den kernigen Forty-Eighter als Verfechter von Minderheitenrechten und stummen Parteien. Schurz, so schreibt Kollender, half dem amerikanischen Nationalparkgedanken auf, so dass er sich in den Köpfen der Zeitgenossen ausbreiten konnte.

Naturschutz auf die Agenda zu setzen: das ist in den 1860er Jahren visionär-verwegen. Geht Schurz in seinem zweiten Leben, als Ehrenmann der Vereinigten Staaten, in der Hauptstadt seiner Wege, ist um ihn alles grün. Kollender zählt auf. Schurz passiert Zedern, Ahorn, Tannen und Eiben, bevor er den Potomac erreicht. Dahinter liegen Washingtons Wälder.

Als Senator sieht sich Schurz zu fürchterlichen Kompromissen in der „Indianerfrage“ genötigt. Obwohl er in den Prozessen der entmündigenden Enteignung der First Nation of America ein schwacher Bremser ist, trägt man ihm seine „Indianerfreundlichkeit“ noch nach, als es so gut wie keine ursprüngliche Bevölkerung mehr gibt auf einem Paradeschauplatz weißer Expansion. Die Mühsamen und Beladenen Europas gehen in Amerika über die Barrieren der Humanität.

Schurz macht bei den Abolitionisten mit. Abraham Lincoln setzt ihn als Botschafter ein. Im Sezessionskrieg dient Schurz hochrangig der Siegerseite. Im Roman begnadigt er, der „so viele Männer in den Tod schickte“, einen zum Tod verurteilten Deserteur, der ihm Jahrzehnte später in New York zur Hilfe eilt, als Schurz von Spaziergängern bedrängt wird, die in ihm ein Fossil der Fortschrittsgegner sehen. Die Repräsentanten industrieller Rücksichtslosigkeit werden von einem lebenslang Dankbaren in die Flucht geschlagen, während dessen Frau es fördernd zulässt, dass ihr Anblick dem rüstigen Greis eine erotische Aufwallung aus der Rubrik fruchtloses Begehren beschert. Fanny erinnert Schurz an seine Margarethe (Meyer-Schurz), die 1856 den ersten deutschsprachigen Kindergarten in Washington eröffnete. Ihr zu Ehren hat sich Kindergarten im amerikanischen Wortschatz konkurrenzlos eingebürgert.

Margarethe war die Gattin des Innenministers in der Regierung von Rutherford B. Hayes.

Kollender erzählt aber auch von einem anderen Präsidenten jener Postbellum-Ära – namentlich von Ulysses S. Grant. Granit-Grant war ein außerordentlich hartnäckiger Mann. Er wies allerdings die Absonderlichkeit auf, ein Zigarrenkettenraucher zu sein.

Kollender schickt Schurz in die Südstaaten zu erbitterten Verlierer*innen. Der Reiter trifft eine Feuerfeste auf ihrer Terrasse an. Sie näht gerade KKKlan-Kapuzen. Furios bietet sie dem Yankee Kaffee an. Der bedankt sich für die Freundlichkeit. Da sagt ihm die Rebellin Bescheid: „Sir, ich habe in Ihre Tasse gespuckt.“ Hoffentlich rutschen sie gleich tot vom Pferd. Wir werden euch noch in hundert Jahren hassen.      

Mir ist gerade entfallen, wie Kollender seinem Helden narrativ aus der Patsche hilft. Bestimmt ist Schurz zu höflich für eine Revanche. Außerdem gehört er zu den Siegern und kann sich hochmütig entfernen. Er muss nicht mit vermummten Wegelagerern rechnen.

Bald mehr.

Andreas Kollender - Ich finde, der Mann hat ein republikanisches Gesicht.

Gehen Sie sterben, Sie Held

Er scheiterte als deutscher Revolutionär und reüssierte als amerikanischer Senator. Carl Schurz (1829 - 1906), ein Kind der Preußischen Rheinprovinz, starb nach einem erfüllten Leben mit freiem Blick auf die New Yorker Freiheitsstatue. Lady Liberty ist eine Protagonistin in Andreas Kollenders hinreißendem, im Pendragon Verlag erschienenen Roman „Libertys Lächeln“.

Radikal modern

„Heimat – Freiheit – Leidenschaft.“

Herr Hund hält „Heimat und Freiheit beinah für Synonyme“.

„Ohne Heimat keine Freiheit“, sagt er in der sagenhaften Buch- und Delikatessenhandlung „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“ in einer Vorrede zu Andreas Kollenders Auftritt an Ort und Stelle. Verleger Günther Butkus hat sich schon geäußert. Er hat seinen Verlag nach Uther Pendragon, dem Vater von König Artus in der Sage gleichen Namens benannt – aus einer Vorliebe für Ritterromane und Minnegesang.

„Radikal modern“ findet Butkus das Lied der höfischen Liebe, erdichtet von Kriegerpoeten zur Erhöhung holder Weiblichkeit. Dabei fuhr den noch viel dichter als uns Heutigen an den Affekten siedenden (alles im Wettstreit regelnden) Turnierdichtern Mäßigung ins Mark.  

Sie gaben sich die Bedeutung, die sie gern hatten, vorbei am Komment. Indem sie den Arsch einer Magd dem Arsch einer Edelfrau villon’esk unterstellten, ordneten sie die Welt nach ihren Bedürfnissen ohne unmittelbaren Zwang. So schritten die Prozesse der Zivilisation voran, die sich als Verkettung von Selbstbehauptung und Selbstbeherrschung präsentieren.

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam.

Kollender erzählt, wie Schurz an der Spitze eines losen, dem Bier zusprechenden Milizhaufen zur Tat schreitet. Unterwegs separiert er sich an einem Ackerrand und gerät da in die Lage, einer Unbekannten zu gestehen, noch nie im Licht eines Liebhabers geküsst zu haben. Die Suggestive lässt ihn freundlich auflaufen. Beherzt gibt sie ihm die Worte mit auf den Weg:

„Gehen Sie sterben.“

Das ist mit Schurz nicht zu machen. Er lebt mit einem wilden Gefühl für sich; einer einnehmenden Eigenliebe, die Kollender als eines fabelhaften Mannes Merkmal vortrefflich herausstellt.

1849 nimmt Schurz am badisch-pfälzischen Riot teil und entweicht dem Feind knapp (aus der Rastatter Feste). Er überlebt das republikanische Abenteuer gegen alle Wahrscheinlichkeit. Als zur Fahndung Ausgeschriebener findet er den Mut, noch einmal etwas in Preußen zu wagen …

Er verhilft der 48er-Widerstandsikone Gottfried Kinkel zur Flucht aus dem Zuchthaus Spandau.

Kollender erzählt vom Schurzens Sturm- und Drangzeit auch aus der Sicht eines greisen Veteranen, der im New Yorker Battery Park Lady Libertys Lächeln zu ergründen sucht. Er kämpft sich über einen Erinnerungslückenparcours, als Spaziergänger ihn aufs Unangenehmste angehen. Zwei Herren, deren steife Hemdbrüste förmlich vorstellig werden, machen Schurz all das zum Vorwurf, wofür er heute noch berühmt ist.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen