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13.11.2019, Jamal Tuschick

Wir wussten, diese Bilder werden Europa verändern: Im Herbst 1989 tricksten Siegbert Schefke und Aram Radomski die Stasi aus und filmten heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Helden wie wir

Annette Maennel und Siegbert Schefke im Hauptquartier der Heinrich Böll Stiftung

Helden wie wir - Von rechts: Siegbert Schefke und Aram Radomski 1990 auf einem Dach im Bezirk Prenzlauer Berg

Die Macht der Bilder - Die Kamera als Kalaschnikowa einer friedlichen Revolution - Gestern Abend sprach Annette Maennel im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung über ein antikes Beispiel für Empowerment.  

Als die Angst die Seite wechselte - und die Macht ihrer Ohnmacht gewahr wurde, hielten Siegbert Schefke und Aram Radomski den historischen Augenblick fest.

Sie kommen beide aus dem Osten und das verbindet. Moderatorin Annette Maennel meißelt an dieser Feststellung. Sie gefällt ihr, ich spüre die Rührung aus einem Impuls unmittelbarer Nähe, der früher einmal überall hin hätte führen können.

Doch ist früher lange vorbei.  

Maennel ist eingesprungen. Eine Kollegin konnte nicht. Zuständigkeit ergibt sich aus biografischen Umständen:

„Ich komme aus Leipzig.“

Das heißt, ich war dabei, als ein Regime von der Macht getrennt wurde und die Angst auf die andere Straßenseite wechselte.

Wenn Mächtige es mit der Angst zu tun bekommen, sind ihre Machtbehauptungen nur noch Makulatur. Sechstausend Mann unter Waffen warteten in den Zufuhrgassen der Revolutionsmagistrale auf den Befehl zum Angriff auf die Renegaten nicht nur mit Händen und Füßen und armseligen Festhaltegriffen, sondern mit heißem Besteck, wie man anderswo sagte, mit Feuer und Schießschwert für den realsozialistisch auf den Hund gekommenen Staat.

Ich weiß nicht mehr, bei welcher Demonstration die Zahl sechstausend eine mythische Dimension bekam. Bevor Zahlen zu statistischen Größen regredieren, werden sie erst einmal zu Symbolen. Auch die Bürgerrechtsbewegung operierte mit hochgerechneter Mannschaftsstärke, sobald es darum ging, die Fulminanz des Protests in einer Legende zu etablieren.    

Schefke und Radomski diskutierten im Glockenturm einer Leipziger Kirche über eine Zahl, die sie im Geleit ihrer Aufnahmen zu kolportieren gedachten. Sie entschieden sich für Siebzigtausend, um der Sache das richtige Gewicht zu geben.

Bald mehr.

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