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14.11.2019, Jamal Tuschick

Lauren Groffs Florida-Geschichten sind weit weg vom Sonnenstaat- und Rentnerparadies-Image. Sie verhandeln kaum sichtbare Demarkationslinien … eine Geografie des Bundesstaates, die volkstümlichen Begriffen folgt, und so eine heimliche Ordnung offenbart.

Innerliches Helium

Eingebetteter Medieninhalt

Selbst ein Hai wäre ihm lieber als das, was er beim nächtlichen Baden im Meer zuerst für einen Geist hält, bevor Jude erkennt, dass seine aus dem Leim gegangene Frau ihm zunächst als heller Fleck im Wasser erschienen ist.

Lauren Groff, „Florida“, Erzählungen, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin, 285 Seiten, 22,-

Jude wuchs mit Reptilien auf. Schlangen sind seine Steckenpferde; zumindest solange, bis er mit der blau angelaufenen Leiche seines Vaters konfrontiert wird. Doch auch dann sucht er noch (mehr manisch als kaltblütig) die toxische Gefahr.

Lauren Groffs Florida-Geschichten sind weit weg vom Sonnenstaat- und Rentnerparadies-Image. Sie verhandeln kaum sichtbare Demarkationslinien … eine Geografie des Bundesstaates, die volkstümlichen Begriffen folgt, und so eine heimliche Ordnung offenbart. Sie handeln von einem unauffällig-tristen Alltag, der mich in einer summarisch-zugespitzten Betrachtung an einen verbeulten japanischen Mittelklassewagen denken lässt. Eine Reihe von Typen kommen als Halter*innen in Frage. Da ist die Frau, die eine Sturmwarnung ignoriert – in einem alten Haus, das schon viel überstanden hat. Sie betrinkt sich mit Weinen der Adnan-Khashoggi-Klasse. Am liebsten wäre sie allein mit den großen Gewächsen und einem Wetter von erdgeschichtlicher Dramatik. Doch trudelt ein Ex-Liebhaber ein und zwingt sie in die Rolle einer Gastgeberin. Sie macht sich die Mühe, eine vergangene Erregung zu rekonstruieren.

Da ist Mini, die für Florida nichts mehr übrig hat und sich alles von Paris verspricht.

„Auf sie wartete Glamour.“

Mini empfindet eine heimlich „hochfliegende Freude. Innerliches Helium“. Sie genießt einen Moment gesteigerter Eigenliebe auf dem Weg vom Restaurantklo zum Tisch. Sie wähnt sich davor gefeit, einmal so in den Seilen zu hängen wie die Leute, die am Tisch auf sie warten.

Mir geht die Szene nach. Das kennen wir doch alle: diesen Triumpf über die Erschöpfung der anderen, während wir uns in einem Wachtraum verschließen.

Da ist Helena, die sich einem Batist-Nachthemd auf dem Balkon genießt, bis der vor seiner Tür fegende Besitzer eines Lebensmittelladens ihr mit obszöner Mimik zu verstehen gibt, dass sie sich nicht allein gehört, sondern ihre Freude an sich selbst teilen muss, solange sie die Öffentlichkeit nicht ausschließt.   

Groff schildert eine Empörung, die aus der Scham kommt: eine selbstvernichtende Wut.

„Helena (ist) in den zähflüssigen Jahren.“ Sie spürt, wie „sich ihre Schönheit langsam davonmacht“.

Bald mehr.

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