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15.11.2019, Jamal Tuschick

Sie poetisieren und schreiben widerspenstig: Von Liebe und Achtsamkeit … und intersektionalen Träumen. Im Rahmen des Festivals Postcolonial Poly Perspectives präsentierte Chima Ugwuoke zuletzt Lahya S. Aukongo, Pasquale Virginie Rotter und To Doan.

Im Dauerfeuer feindlicher Fremdwahrnehmung

Von links: Chima Ugwuoke Pasquale Virginie Rotter, Lahya Aukongo, To Doan

Ballhaus Naunynstraße_©Wagner Carvalho

Jemand hängt hoch über dem Meer in einem Geschirr. Er hat von seiner Lage keine klare Vorstellung. Er erlaubt sich auch keine Spekulationen. Manchmal schreit er stundenlang Wolken an.

Die Bedingungen seiner Existenz sind für ihn zu einem tückischen Rätsel geworden.

Die Erschöpfung besiegt den Aufruhr.

Allein mit seinen Gedanken hört der Freischwebende sich selbst zu. Die Wellenberge tief unter seinen Schuhspitzen wirken so künstlich aufgeraut wie in einer Simulation. Auch die Horizontlinie könnte eine Halluzination sein.

Das ist die Versuchsanordnung in einer Geschichte, die To Doan auf der Bühne im Ballhaus Naunynstraße ihrem Telefon entnimmt. Die Geschichte reizt mit Effekten aus dem Arsenal der Urängste. Sie zieht unter die Haut und löst schweres Unbehagen aus. Bei der Verwertung meiner Notizen am Schreibtisch, gesellt sich das Unbehagen zu der Vergegenwärtigung des Baumelnden. Ich distanziere mich, indem ich zu Formulierungen flüchte.

Doan lässt einem nichts, während die Doan folgende Pasquale Virginie Rotter ihren Diskriminierungserfahrungen ein freundliches Kleid anpasst.

Das Kleid heißt „Stahlschutzschild“.

Rotter beschreibt das Dauerfeuer feindlicher Fremdwahrnehmung …

Ich muss jetzt los. Bald mehr.

Aus einem Begleitschreiben

Ob gesprochen, geschrieben oder visualisiert – das Wort zu ergreifen und die eigene Geschichte sichtbar zu machen ist ein Akt des Widerstandes. Die Beschreibungen, die Schwarze Autor*innen und Autor*innen of Color hervorbringen, sind so komplex und vielschichtig wie ihre Erfahrungen.

Sie begegnen dem Unwillen, ihre Perspektiven ernst zu nehmen, und damit wächst die Resilienz, die Widerspenstigkeit.

Unsere Präsenz als Schwarze Autor*innen und Autor*innen of Color auf der Bühne, im Literaturbetrieb, in den Universitäten ist Ausdruck und Teil unseres täglichen Widerstands.

Don’t mess with my Energy - The Intersectionality Beat goes on

„Die Hölle, das sind die anderen.“ Jean-Paul Sartre

Wie viele erleben ihre Dekolonisierung als einen Werdegang „auf dem zweiten Bildungsweg?“ fragt Lahya S. Aukongo.

Das heißt doch, man gibt sich nach eigenem Empfinden mehr Mühe als man müsste. Um als weiß und mittel(wider)ständig gelesene Person klarzukommen, braucht man das Besteck der Intersektionalität nicht. Man kann die Konfrontation mit dem Schmerz der Mehrfachdiskriminierung einfach vermeiden.

Körperseelenerinnerung

Jeden Tag wird sie wenigsten einmal mit dem „Wortgewehr“ erschossen. In tausend Geschichten findet sich Lahya S. Aukongo kaum einmal wieder.

Ihr Leben findet im kollektiven Gedächtnis nicht statt.

Lahya S. Aukongo führt dem Publikum vor Augen, was das bedeutet. Was es bedeutet, sich selbst unsichtbar machen zu wollen … manchmal auch „mit einem Radiergummi“.

„Die Sprache, die ich annehmen musste, hat keine Worte für mein Inneres.“

Doch da gibt es etwas. Lahya S. Aukongo nennt es „Körperseelenerinnerung“.

„Ich erinnere mich an mich selbst: als eine Person, deren Körper als schön empfunden wird.“

Strange Fruits

Eingebetteter Medieninhalt

Die Dichterin pflückt Bilder von einem hängenden Baum. Sie verteilt Fotos zu Billie Hollidays „Strange fruits … hanging from the trees“.

Sie fragt: „Was soll das?“

Aus einem Begleitschreiben

In dieser Ausgabe von Lesungen im Rahmen des Festivals Postcolonial Poly Perspectives präsentiert Chima Ugwuoke die beeindruckenden und gefühlvollen Schwarzen Autor*innen und Autor*innen of Color Chima Ugwuoke, Lahya S. Aukongo, Pasquale Virginie Rotter und To Doan.

Sie poetisieren und schreiben widerspenstig: Von Liebe und Achtsamkeit, von Kampf und Verbundenheit, von Scham und Trauma, Care und Selfcare und intersektionalen Träumen.

Das fühlt sich für manche, die nur die weiße, binäre, hetero und sonst wie gewaltvoll-normative Welt kennen oder kennen wollen, widerspenstig an. Wir erkennen darin das Angebot der Heilung.

The Intersectionality Beat

Alltäglich widerspenstig - Postcolonial Poly Perspectives - ... und immer wieder muss sie die Kraft finden, vom Weg abzuweichen und die Trampelpfade des Körpers und einer ängstlichen Bequemlichkeit zu verlassen: das heißt, der Wiederholung zu widerstehen. So lautet eine Quintessenz in Pasquale Virginie Rotters Performance: im Rahmen einer von Chima Ugwuoke kuratierten Lesung im Theater Ballhaus Naunynstraße. Rotter trat gemeinsam mit Lahya S. Aukongo und To Doan unter tosendem Applaus auf. 

Scharfsinnige Empfindsamkeit

„Widerspenstigkeit wird dort alltäglich notwendig, wo es ununterbrochen nach Widerstand schreit.“

Das verkündet Lahya S. Aukongo. Ihre Ansage lautet:

„Wir fügen uns nicht. Wir machen es euch ungemütlich. Unser Widerstand hat Krallen.“

Was man der vielseitigen Künstlerin auf dem „no-rmativen Silbertablett“ serviert, kann sie nicht gebrauchen. Ein Blick in ihre „Seelenvorratskammer“ verdüstert sie. Sie betrachtet „scharf gemalte Malerei an Seelenwänden“.

Lahya S. Aukongo sagt:

„Die hiesige Geschichte kennt mich nicht.“

Lahya S. Aukongo bleibt gar nichts anderes übrig, als den herrschenden Verhältnissen den Kampf anzusagen. Aus dem Schmerz der Vereinzelung infolge existenzieller Faktoren, die zu Mehrfachdiskriminierungen einladen, erwächst eine unglaubliche Produktivität – eine scharfsinnige Empfindsamkeit – ein eigenständiges poetisches Universum.

The Intersectionality Beat

„Wer von euch musste sich schon einmal ent-rinnern?“ fragt die Dichterin … Erinnerungen aufgeben, weil sie falsch wurden in den Prozessen einer konsequenten Nicht-Annahme. Der Nicht-Annahme einer Person, die Schwarz - Behindert - Queer ist. Im Rock’n’Roll der Abweichungen entsteht große Kunst. Geben wir ihr einen Namen. Nennen wir sie The Intersectionality Beat.

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