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16.11.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend las Cemile Sahin in der Berliner Tucholsky Buchhandlung aus ihrem ersten Roman „Taxi“.

Grammatische Zeitschaukel/Verschlafene Hinrichtung

In einem Augenblick - Cemile Sahin

Stars unter sich - Kida Khodr Ramadan und ...

Stehende Staffel

Die weiße Wand einreißen

„Die Fotografie prolongiert einen Moment in die Ewigkeit“, sagte Lahya S. Aukongo vor ein paar Tagen auf einem Postcolonial Poly Perspectives Empowerment Event im Ballhaus Naunynstraße. Die Künstlerin fotografiert ihren Widerstand. Sie erzählt Geschichten, „die nicht gewollt sind“. Tun wir das nicht alle? Erleben wir nicht alle, „die krasse Verbindung von PoC & Schwarzen Energien?“ (Pasquale Virginie Rotter). „Wir catchen uns, wo wir uns kriegen können“, sagt Chima Ugwuoke. Es geht um Freude und Klarheit. Das sind Kampftugenden; man kann nicht miesepetrig seine Interessen vertreten und die weiße Wand einreißen.

Das geht nicht.

Klarheit und Freude sind Kampftugenden. Damit navigieren wir uns ans Ziel. Und so lange sind wir unterwegs. Unterwegs traf ich gestern Kida Khodr Ramadan. Ich passierte eine Motorradstaffel am Brandenburger Tor. Ich sah Cemile Sahin vor ihrem Debüttitel im Plural der Auslage. Wir wussten beide in diesem Augenblick: das wird ein gutes Foto.  

Die verschlafene Hinrichtung

„Alle Menschen sind gleich und alle empfinden dasselbe, nur anders.“

Das schreibt Cemile Sahin in ihrem ersten Roman „Taxi“, der zugleich der erste Roman ist, den der seit vier Jahren bestehende Korbinian Verlag unter die Leute bringt. Das erzählte gestern Abend ein Mitarbeiter, bevor Sahin in der überfüllten Tucholsky Buchhandlung las.

„Wer die Waffe hält, der denkt nichts anderes mehr“, behauptet die allwissende Instanz. Sie artikuliert sich über die Begrenzungen des Erzählers hinaus. Das verstrickte Ich hat sich komplett vereinnahmen lassen. Er spielt den Sohn für eine Frau, die ihren Sohn verloren hat.

„Ich bin dazu da, in dieser Rolle aufzugehen.“

In ihrem Auftrag macht er sich daran, den Kommandanten zu killen, der den echten Sohn in den Tod geschickt hat. Hier erst mal meine Besprechung:

Gefälschte Erinnerung

In „Taxi“ erzählt Cemile Sahin von einer (an)geordneten Anverwandlung.  

„Wir sterben mehrmals im Laufe des Lebens.“ Tomas Espedal

„Ähnlichseherei ist das Merkmal schwacher Augen“. Vielleicht Adorno

Epigenetischer Rausch

Die Folter erschöpft sich in unsystematischem Grobianismus. Der Vernehmer verausgabt sich, der Vernommene entlässt sich. Er entzieht sich durch einen Hinterausgang im malträtierten Gefüge der vom Schmerz gefälschten Erinnerung an eine Person, die er gewesen sein könnte.

Cemile Sahin, „Taxi“, Roman, Korbinian Verlag, 220 Seiten, 20,-

Im epigenetischen Rausch zerfällt die Identität eines bürgerlichen Punks und etwas kommt zum Vorschein, das in seiner basalen Plausibilität so anziehend wie ein Schlupfloch wirkt.

„Wenn du einmal stark bist, bleibst du (stets) stark.“

Das teilt sich als Gewissheit dem Gefangenen mit; seine Zelle misst vier mal vier Meter. Die Gewissheit ist ein Fetzen rauer Kindheit. Die Kindheit zieht sich durch eine endlose Kriegsgegenwart. Von Bomben versehrte Häuser liefern den Versammlungen der Nachbarschaft Kulissen, nach denen sich jede Freelancer-Filmcrew die Finger lecken würde. Der Schauplatz liegt fern der CNN-Kriegsnomadenrouten.

In der nächsten Einstellung verfügt der Gemarterte in einem anderen Land über eine hundert und zwanzig Quadratmeter große Wohnung. Er hat ein Fahrzeug, aber keinen Führerschein. Trotzdem behandelt er das Automobil nicht wie eine Immobilie. Auf eine ungesellige Weise kommt er gut zurecht. Kommt man ihm zu nah, spielt er den „Ausländer“ und trumpft in einer Phantasiesprache auf.

Menschen sind ihm ein Gräuel. Es gelingt ihm, seine Abscheu den Kolleg*innen vorzuenthalten. Doch dann holt ihn das Schicksal in der Gestalt einer Verstörten ein, die sich lange und gründlich darauf vorbereitet hat, den Isolierten in der Rolle des verlorenen Sohnes auftreten zu lassen.

Die Geschichte vom verlorenen Sohn, so wie sie Wikipedia erzählt:

Der jüngere Sohn verlangt von seinem Vater sein Erbe. Sobald er es erhalten hat, zieht er fort und verprasst das Geld im Ausland. Zum Bettler herabgesunken, arbeitet er als Schweinehirte und hungert dabei so sehr, dass er sich reumütig nach dem Haus seines Vaters zurücksehnt und sich vornimmt, dem Vater seine Sünde zu bekennen und ihn um eine Stelle als geringer Tagelöhner zu bitten. Als er dann tatsächlich nach Hause zurückkehrt, ist der Vater so froh über die Rückkehr seines Sohnes, dass er ihn kaum ausreden lässt und sofort wieder bei sich aufnimmt. Er kleidet ihn festlich ein und veranstaltet ein großes Fest.

Die Hauptrolle entpuppt sich als Statistenjob. Rosa Kaplan, Kaplan heißt Tiger, macht aus dem buchstäblichen Nachwuchsdarsteller einen Komparsen ihrer Phantasie. Nichts lässt sie ihm durchgehen. Das rigorose Regime kommt dem Ersatzmann entgegen. Ich nenne ihn Aushilfspolat, da der Tote, den er doubelt, Polat hieß.

Tot ist eine unscharfe Bezeichnung in diesem Fall. Polat wurde lediglich für tot erklärt. In Wahrheit zählt er zu den Vermissten eines Krieges, den er und sein Double als Gegner erlebt haben könnten.

Cemile Sahin inszeniert ein Vexierspiel, das auch ohne den Ehrgeiz durchzusteigen interessant bleibt.

Als erzählendes Ich lässt sich Aushilfspolat in die zu kleinen Schuhe stopfen, die er sich bloß anziehen sollte. Er untergräbt sich in der Übererfüllung mütterlicher Erwartungen. Er baut sich um. Sogar seine Linkshändigkeit passt er an. Er geht in Kaplans Traumatisierung hinein wie in einen Wald. Ihm sollte das Trauerprogramm makaber erscheinen. Aber Aushilfspolat hat kein Repertoire mehr für Reserve. Die Selbstbestimmung erlischt wie ein altes Sendeschlussbild. Und Tschüss.

So reiht sich Bild an Bild in der Realness-Serie, die so heißt wie der Roman. Sie beschert dem Erzähler eine Verlobte namens Esra.

Polat II. und das Blut des Kommandanten

Man könnte die Ermordung aussehen lassen wie einen Unfall. Wie auch immer. Das Gewicht der Waffe entspricht dem Gewicht der Entscheidung.

Der Kommandant lebt in einer entvölkerten Siedlung allein. Sein Mörder spekuliert über das Schicksal der Leiche. „Die Verwesung wird die Hunde anziehen.“

Der tierische Auftrieb meldet die Tat. Alles kommt ans Licht und bietet sich Untersuchungen an. Ich frage mich, warum der Erzähler so viel ferne Zukunft fokussiert, da doch in seiner Nähe etwas fast Unmögliches auf ihn wartet.  

Nach einer Busfahrt in Begleitung der mörderischen Mutter ist schließlich das der Fall: „Wir sind hier und die Zielperson ist es auch.“

Polat II. steigt durch ein Fenster ein, die Auftraggeberin hat sich zu einer Kugel im Gebüsch zusammengerollt. Der einbrechende Attentäter agiert wie ein Aushilfs-Ninja. Er ist nicht doloses Werkzeug, sondern bringt Täterwillen mit zum Tatort.

Keinem begabten Leser dieser Zeilen kann entgehen, dass die Zeiten schaukeln im Text. Das folgt Sahins grammatischer Zeitschaukel.

Eine Person verschläft ihre Hinrichtung.

„Ich habe geschossen, das wird mir keiner glauben.“

Trotzdem erwartet Polat II. seine Verhaftung. Er schmeckt Blut, obwohl ihn nichts getroffen hat, und er auch vom Blut des Kommandanten nicht kontaminiert wurde.

Radikaler Schrei

Nach der Lesung redete Tucholsky-Buchhändler Jörg Braunsdorf mit der extrem einsilbigen Autorin. Für Braunsdorf ist der Roman ein „radikaler Schrei“.

Sahin stellte Folgendes fest: Ich bin Kurdin und komme aus Kurdistan. Ich beschreibe Menschen, die einen Krieg erlebt haben, und die die Geschichte ihres Lebens wieder selbst in die Hand nehmen wollen.

Übrigens wurde der echte Polat nur symbolisch beerdigt. Man versenkte einen leeren Sarg.

Nachtrag

Auf dem Theater geht es auch um die Produktion von Präsenz. Sahin gelang das Kunststück extremer Gegenwärtigkeit mit dem Besteck des Minimalismus. Sie errichtete eine sich dem Small Talk widersetzende Schweigemauer in der Buchhandlung, ohne zu schweigen und ohne zu mauern.

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