MenuMENU

zurück zu Main Labor

16.11.2019, Jamal Tuschick

Die Heldinnen in Lauren Groffs Florida-Geschichten hängen elegisch ihren Gedanken nach. Sie erinnern an Kunstgeschöpfe im Hitchcock-Universum.

Schwarzschattierungen in idiosynkratischen Welten

Lauren Groff

Die Hündin hört nicht hin, denn sie ist klug.

Das N-Wort fällt. Warum? frage ich mich. Seiten später steigt eine Ahnung in mir auf. Die ihre Bildschönheit in Prozessen des werdenden Vergehens schmerzhaft bewusst verlierende Helena erkennt vor lateinamerikanischer Kulisse, „wo der Sklavenhandel seine Spuren hinterlassen“ hat, dass eine ethnische „Einordnung“ kaum möglich ist – bei all den Braun- und Schwarz-Schattierungen. „Erstaunt“ stellt Helena fest, „dass diese Stadt eine tief in der nördlichen Hemisphäre verwurzelte Ordnung durcheinanderbrachte, die ihr offenbar lieb und teuer (ist), ohne dass sie es“ bis eben wusste.

Lauren Groff, „Florida“, Erzählungen, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin, 285 Seiten, 22,-

Auf diesem Trostlosigkeitsgipfel identifiziert sie einen dunklen Ladenbesitzer als Tyrannen mit kräftigen Schultern. Im Stillen sagt sie sich:

„Du bist ein böser Mann und ich beobachte dich.“

Die Zeile steht kursiv im Text.

Am Ende der Geschichte und eines gewaltigen Sturms gelingt Helena fast so etwas wie Mitgefühl im Verhältnis zu dem Dunkelbösen.

Die Theatralik des Wetters spielt eine große Rolle in Lauren Groffs idiosynkratischen Welten; bevölkert von Frauen, die hohe Anforderungen an die tatkräftige Fürsorglichkeit von Männern stellen, während sie selbst Chaos verbreiten.

Groff reaktiviert das Genre der Handtaschenprosa; obwohl ihre Protagonistinnen eher Rucksackträgerinnen sind. Sie sind auf eine südstaatliche Weise konservativ und selbstbestimmt nach ihren Bedürfnissen. Sie befassen sich gern mit Kindern und verdanken ihren hohen sozialen Status hochpotenten Versorgermaschinen. Hervorgehoben wird Guy de Maupassants legendäre Fähigkeit, „Erektionen willentlich herbeizuführen“. Andere Leute haben das als Bordellkunststück begriffen.

In der Wildnis versagt das Prinzip Urbanität. Der Hegemon funktioniert nicht im Wald. Dass, was in ihm archetypisch arbeitet und ihn mobilisiert, hat ihn verstädtert.

Solche Figuren existieren im Rausch der Unabkömmlichkeit. Sobald sie ihre Verfügbarkeit herunterfahren, passiert etwas, dass sie auf einen Schauplatz ihrer Wirkung zitiert. Man kann nämlich nicht beides sein: wichtig und weg. Dies zu ignorieren zählt zu den Tugenden jeder veredelten Ignorantin.

Auch die Erzählerin der Geschichte „Die Mitternachtszone“ liebt die Herausforderung männlicher Potentiale. Der Mann will lieber zivilisationsnah abschalten, sie besteht aber auf einem Urlaub „im Nirgendwo, im Umkreis von zwanzig Meilen nur Wildnis. Ein Freund hatte dort erst ein paar Tage zuvor einen Florida-Panther …“

Ich kann mir das so richtig gut vorstellen … eine komfortlose Jagdhütte in einer Umgebung mit Everglades-Appeal … kein Internet, ein Gastgenerator, zwei kleine Kinder und ein verrückter Welpe … dann wird der Mann zurückgerufen. Das Familiensystem kollabiert auf der Stelle, alles geht schief und den Bach runter. Doch dann taucht der Mann wieder auf:

„Mein Mann füllte die Tür aus. Er war dazu geboren. Ich schloss die Augen. Als ich sie wieder aufschlug, stand er wie ein Riese vor mir.“

Das Konzept verbindet sie auch mit ihren Söhnen:

„Meine Jungen waren wie ihr Vater. Sie würden zu Männern heranwachsen, die für die Menschen sorgten, die sie liebten.“

Es gibt eine Variante, in der ein so Guter auf Abwege gerät. Bald mehr zu dem Minne-Renegaten.

Innerliches Helium

Eingebetteter Medieninhalt

Selbst ein Hai wäre ihm lieber als das, was er beim nächtlichen Baden im Meer zuerst für einen Geist hält, bevor Jude erkennt, dass seine aus dem Leim gegangene Frau ihm zunächst als heller Fleck im Wasser erschienen ist.

Lauren Groff, „Florida“, Erzählungen, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin, 285 Seiten, 22,-

Jude wuchs mit Reptilien auf. Schlangen sind seine Steckenpferde; zumindest solange, bis er mit der blau angelaufenen Leiche seines Vaters konfrontiert wird. Doch auch dann sucht er noch (mehr manisch als kaltblütig) die toxische Gefahr.

Lauren Groffs Florida-Geschichten sind weit weg vom Sonnenstaat- und Rentnerparadies-Image. Sie verhandeln kaum sichtbare Demarkationslinien … eine Geografie des Bundesstaates, die volkstümlichen Begriffen folgt, und so eine heimliche Ordnung offenbart. Sie handeln von einem unauffällig-tristen Alltag, der mich in einer summarisch-zugespitzten Betrachtung an einen verbeulten japanischen Mittelklassewagen denken lässt. Eine Reihe von Typen kommen als Halter*innen in Frage. Da ist die Frau, die eine Sturmwarnung ignoriert – in einem alten Haus, das schon viel überstanden hat. Sie betrinkt sich mit Weinen der Adnan-Khashoggi-Klasse. Am liebsten wäre sie allein mit den großen Gewächsen und einem Wetter von erdgeschichtlicher Dramatik. Doch trudelt ein Ex-Liebhaber ein und zwingt sie in die Rolle einer Gastgeberin. Sie macht sich die Mühe, eine vergangene Erregung zu rekonstruieren.

Da ist Mini, die für Florida nichts mehr übrig hat und sich alles von Paris verspricht.

„Auf sie wartete Glamour.“

Mini empfindet eine heimlich „hochfliegende Freude. Innerliches Helium“. Sie genießt einen Moment gesteigerter Eigenliebe auf dem Weg vom Restaurantklo zum Tisch. Sie wähnt sich davor gefeit, einmal so in den Seilen zu hängen wie die Leute, die am Tisch auf sie warten.

Mir geht die Szene nach. Das kennen wir doch alle: diesen Triumpf über die Erschöpfung der anderen, während wir uns in einem Wachtraum verschließen.

Da ist Helena, die sich einem Batist-Nachthemd auf dem Balkon genießt, bis der vor seiner Tür fegende Besitzer eines Lebensmittelladens ihr mit obszöner Mimik zu verstehen gibt, dass sie sich nicht allein gehört, sondern ihre Freude an sich selbst teilen muss, solange sie die Öffentlichkeit nicht ausschließt.   

Groff schildert eine Empörung, die aus der Scham kommt: eine selbstvernichtende Wut.

„Helena (ist) in den zähflüssigen Jahren.“ Sie spürt, wie „sich ihre Schönheit langsam davonmacht“.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen