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16.11.2019, Jamal Tuschick

„Wir sind oft nicht bei einem Beruf geblieben“, erinnert sich Annette Maennel im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung. Sie moderiert einen Abend mit Siegbert Schefke - dem Dokumentator eines historischen Augenblicks. – Im Herbst 1989 tricksten die Bürgerrechtler Schefke und Aram Radomski die Stasi aus und filmten aus einem Kirchturmversteck heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Der prolongierte Augenblick

Die Angst vor der Stasi war 1988 noch so groß, dass das Entrollen von Transparenten bereits einer Eskalation des zivilen Ungehorsams entsprach. Darüber unterhalten sich im Jetzt des prolongierten Augenblicks Annette Maennel und Siegbert Schefke im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung.  

Heimliches Leipzig – Als Leipzig der Stasi unheimlich wurde

Er hat Bauingenieur studiert. Das ist eine Geschichte für sich. Irgendwann wurde Siegbert Schefke vor allem als Dokumentarfilmer und Bürgerrechtler wahrgenommen. Er erhielt sich in einem Zustand der brotlosen Berufstätigkeit. Der Sonderstatus wirkte magnetisch auf andere Randgestalten und Prachtexemplare im Realsozialismus.

Die DDR war eine Arbeitsgesellschaft. Sie egalisierte sich an allen Ecken und Enden. Wer mitmachte, war eingespannt. Wer sich separierte, erlebte die soziale Ächtung mitunter als Befreiung. Dann war man eben Friedhofsgärtner und/oder Künstler im Bezirk Prenzlauer Berg.

Annette Maennel will wissen: „War dir klar, dass du das Ende der DDR filmst.“

Schefke: „Das hat keiner vorausgesehen.“

Heimliches Leipzig

Die Bilder prägten sich Europa ein. Sie zeigen, wie sich vermeintlich in Beton gegossene und aus Stein gemeißelte Verhältnisse zum Tanzen bringen lassen. Im Herbst 1989 stiegen Schefke und Aram Radomski auf bis zum Glockenturm einer Kirche; geführt von Quasimodo – dem Küster von Leipzig. Nein, nicht so. Wir machen ordentliche Berichterstattung. Der Pfarrer veranlasste seinen Hausmeister, den Bürgerrechtlern aus Berlin einen Weg zu weisen, den Fremde niemals ohne Führung zu nehmen gewusst hätten. Von oben filmten die Berliner heimlich Leipzig. Die Aufnahmen der Montagsdemonstrationen gingen als Kassiber über die Grenze, ich erzähle gleich, wer den am 9. Oktober von mehr als siebzigtausend Menschen erbrachten Beweis einer Volksbewegung in den Westen schmuggelte.

Die Oma im Osten

Am 10.10. Bilder erschienen die Bilder in einem ARD-Tagesthemen-Beitrag. Zum ersten Mal sahen Millionen Bürger*innen in beiden deutschen Staaten, was Erich Honecker allen zu verheimlichen versuchte. Ein Staat knickte ein und legte sich lang.

Das wars, Schefke hatte es immer schon gewusst. Wegen seiner Oma in Recklinghausen, die CDU wählte, weil nur die CDU auch in ihrem Herzen für die Wiedervereinigung war. Das war nicht dumm gefühlt. Die SPD hatte nämlich auf dem Territorium der DDR die Fusion mit der SED als einen historisch komplexen Vorgang zu verschmerzen.

Die Roten waren sich nicht grün.

Brandts „Annäherung durch Wandel“ und Schiller „Konvergenztheorie“ stellten sich dem schlichten Sozialdemokraten Waldauer Schule als Überbauphänomene dar. Man hatte nicht mit, sondern gegen die Kommunisten gekämpft, und stand den CDU-Kapitalisten näher als allen Kommunisten.

Schefke hatte eine Oma im Westen und eine Oma im Osten. Besuchte er die Ostoma in Prenzlau, war ihm alles klar. Er wusste, wo „die klebrigen Dropse“ im Vorrat gehalten wurden. Bei der Westoma konnte er darüber nur spekulieren. Er beschloss, die Wiedervereinigung herbeizuführen, um noch vor dem eigenen Einstieg in den Ruhestand, die Westoma besuchen zu können.

So geriet ein System ins Wanken, weil ein Brandenburger einen Westfälischen Küchenschrank inspizieren wollte.

„Einer musste den Job ja machen.“

Nach einem Zeitsprung gerät Schefke in eine Zwickmühle. Der Wehrpflichtige will Bauingenieur werden. Die Obrigkeit verknüpft das Studium mit einer Bedingung. Schefke soll sich verpflichten – drei Jahre NVA. Der Gefreite verbockt sich, mit der Konsequenz:

„Dann müssen Sie halt nehmen, was die Dreijährigen übriglassen.“

„Das war eine demütigende Erfahrung.“

Schefke ergatterte trotzdem einen Studienplatz in Cottbus. Auf einer Pankower Party unterschrieb er beschwingt den von Robert Havemann und Rainer Eppelmann verfassten Berliner Appell „Frieden schaffen ohne Waffen“. Am nächsten Tag wurde er exmatrikuliert und führte das blauäugig-verkatert auf eine nicht bestandene Prüfung zurück.  Niemand klärte Schefke auf, bis er Akteneinsicht erhält. Das war noch lange hin. Schefke hielt sich für einen Versager, der seinem Vater, einem stolzen Maurer, beichten musste. In der Relegation deckte er Dächer; er hat eine gute Zeit, die nach einem Jahr zu Ende war. Er lieferte beim Bauleiter einen Kasten Bier und eine Flasche Schnaps ab und erhielt im Gegenzug die Erlaubnis, sich seine Beurteilung selbst schreiben zu dürfen.

Dann durfte er fertigstudieren. Als Bauleiter in Hellersdorf hatte er sogar Telefon.

Bald mehr.

Helden wie wir

Wir wussten, diese Bilder werden Europa verändern: Im Herbst 1989 tricksten Siegbert Schefke und Aram Radomski die Stasi aus und filmten heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Die Macht der Bilder - Die Kamera als Kalaschnikowa einer friedlichen Revolution - Gestern Abend sprach Annette Maennel im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung über ein antikes Beispiel für Empowerment.  

Als die Angst die Seite wechselte - und die Macht ihrer Ohnmacht gewahr wurde, hielten Siegbert Schefke und Aram Radomski den historischen Augenblick fest.

Sie kommen beide aus dem Osten und das verbindet. Moderatorin Annette Maennel meißelt an dieser Feststellung. Sie gefällt ihr, ich spüre die Rührung aus einem Impuls unmittelbarer Nähe, der früher einmal überall hin hätte führen können.

Doch ist früher lange vorbei.  

Maennel ist eingesprungen. Eine Kollegin konnte nicht. Zuständigkeit ergibt sich aus biografischen Umständen:

„Ich komme aus Leipzig.“

Das heißt, ich war dabei, als ein Regime von der Macht getrennt wurde und die Angst auf die andere Straßenseite wechselte.

Wenn Mächtige es mit der Angst zu tun bekommen, sind ihre Machtbehauptungen nur noch Makulatur. Sechstausend Mann unter Waffen warteten in den Zufuhrgassen der Revolutionsmagistrale auf den Befehl zum Angriff auf die Renegaten nicht nur mit Händen und Füßen und armseligen Festhaltegriffen, sondern mit heißem Besteck, wie man anderswo sagte, mit Feuer und Schießschwert für den realsozialistisch auf den Hund gekommenen Staat.

Ich weiß nicht mehr, bei welcher Demonstration die Zahl sechstausend eine mythische Dimension bekam. Bevor Zahlen zu statistischen Größen regredieren, werden sie erst einmal zu Symbolen. Auch die Bürgerrechtsbewegung operierte mit hochgerechneter Mannschaftsstärke, sobald es darum ging, die Fulminanz des Protests in einer Legende zu etablieren.    

Schefke und Radomski diskutierten im Glockenturm einer Leipziger Kirche über eine Zahl, die sie im Geleit ihrer Aufnahmen zu kolportieren gedachten. Sie entschieden sich für Siebzigtausend, um der Sache das richtige Gewicht zu geben.

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