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18.11.2019, Jamal Tuschick

Auch Binnenmigration ist ein Aspekt der nie endenden, die Menschheits-DNA im Fluss haltenden Völkerwanderung. Das erklärt der Historiker Jan Plamper in seiner narrativen Studie „Das neue Wir – warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen”.

Die Dampframme der Demografie - Das neue Wir ist radikal anders

Performativer Identitätsbegriff

Zwei Zeitachsen treffen sich in einem Raum der Erkenntnis. Sie transportieren das Licht erloschener Sterne. Sie beweisen die Trägheit der Verhältnisse mit vielen Ungleichzeitigkeiten und Verschleppungen. Die unter der Überschrift Gastarbeiter gefasste Arbeitsmigration, als eine Reaktion auf das westdeutsche Wirtschaftswunder, wurde vorsätzlich nicht als Einwanderungsgeschichte rezipiert, obwohl die Auguren es besser wussten. Die Verlockungen des Bergbaus im Ruhrgebiet bewirkten im 19. Jahrhundert Umwälzungen wie mit einer Dampframme der Demografie. Die Ruhr-Polen gingen den Pott-Türken voran.

Eine rasant etablierte Unumkehrbarkeit von Verhältnissen durch Migration ist ein vertrautes Phänomen und an sich weit davon entfernt, unerwünscht zu sein. In einer Geschichte Berlins heißt es lapidar dem Sinn nach: Holländische und hugenottische Einwanderer vergrößerten die Stadt. Das wurde schlicht als Gewinn verzeichnet. Der Gewinn schwand in der Gewalt einer Epidemie. Beide Bewegungen vollzogen sich organisch-invasiv.

Eine Verbesserung bannt sich an und erreicht schließlich ihren Hochpunkt. Es folgt ein von der Pest orchestrierter Niedergang. Abgerechnet wird am Tiefpunkt. Eine positive Bilanz ergibt sich nur aus der Migration.

Konsumierbare Heimat

Das weiß man lange, auch wenn kein Hölderlin es je besang, als im Zuge eines Anwerbeabkommens Türken nach Deutschland kommen, die nicht selten Gruppen angehören, die in der Türkei vernachlässigt oder direkt benachteiligt werden. Sie haben einen schweren Start und Stand, bis sie die Mannschaftsstärke haben, um eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Es entstehen Versorgungseinheiten für konsumierbare Heimat. Das Kolonialwarenprinzip wird übernommen und beibehalten. Heute funktioniert auf der Einzelhandelsschiene in Deutschland nur noch der ursprünglich türkische Einzelhandel. Während in der alten Bundesrepublik der Preis entscheidet und die ersten deutschen Pilsstuben mit Tavernen-Dekor aufgewertet werden, betreibt man in der DDR anti-integrative Vertragsarbeiterpolitik.

Segregation ist Trumpf im Einheitsstaat.

Mosambikaner werden konzentriert auf ihre Zeit in Deutschland vorbereitet. Man drillt sie in paramilitärischen Camps zu Champs der Arbeit. Der Herkunftsstaat kassiert vierzehn Prozent vom Vertragsarbeiterlohn und deklariert den Eingriff als Zurückhaltung zum Wohl der Lohnsklaven, die selbstverständlich da eingesetzt werden, wo die Zumutungsgrenzen verlaufen.

Die Drecksarbeit zu Dumpinglöhnen

Plampers Gewährsmann nimmt nach Neunundachtzig begeistert die deutsche Staatsangehörigkeit an … und „hört sehr schnell auf, sich als Deutscher zu bezeichnen“.   

Der DDR- und Post-DDR-Rassismus hat überhaupt kein Problem mit sich. Interessanterweise greift Superdiversität auf dem Territorium einer ehemaligen Hauptstadt um sich. Es gibt da keine langfristig hinhaltenden und aufhaltenden Segregationssysteme, wo vorher schrankenlos offen von oben rassistisch reguliert wurde.

Performativer Identitätsbegriff

Die demokratische Abwehr von Diversität gehört zu den antiken bürgerlichen Kampfkünsten auf den Ebenen des Jasagens und Nein-Meinens. Auf Dauer lässt sich Superdiversität so oder so nicht aufhalten. Sie ist mit den dynamischsten Prozessen verbunden, die wir auf den sozialen Feldern kennen. Diese Prozesse führen, so sagt es Plamper, zu einem „performativen Identitätsbegriff“. Andere sprechen von fluider Identität.  

Bald mehr.

Das neue Wir

Individuelle und kollektive Identität schließen einander nicht aus. Das behauptet Jan Plamper in seinem Buch „Das neue Wir – warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen”. In einer euphorischen Schreibweise und Lesart oszillieren in dem staatsbürgerlichen Plural Plusdeutsche zwischen den Herkunftskulturen der Eltern und bundesrepublikanischen Chancen.

Falsch sei es, Migrationsgeschichte als „Problemgeschichte“ zu erzählen. Das wüsste bedingt auch der konservative Paternoster am Schalthebel. Das Fachkräftezuwanderungsgesetz künde von einer gewissen Weitsicht. Das erklärte Jan Plamper in der Moritz-Buchhandlung. Obwohl Plamper zu den Propheten des akuten Jetzt - und insofern zu einer visionären Phalanx zählt, die sich einer rückwärtsgewandten Geschichtsschreibung entgegenstemmt, entfaltete der Kreuzberger Termin am Samstagabend keine Anziehungskraft auf #dieVielen.

Wikipedia weiß: Jan Plamper (* 1970 in Laichingen) ist ein deutscher Historiker und seit 2012 Professor für Geschichte am Goldsmiths College der University of London. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem Osteuropäische Geschichte, Emotionsgeschichte, Sinnesgeschichte und Migrationsgeschichte.

Radikal anders

Das neue Wir ergibt sich aus Differenzerfahrungen. Es schafft weitere Klammern, in die zunehmend mehr Diversität passt. Entsprechend breit spannt Plamper sein Narrativ. Es beginnt mit dem Exodus der weit über zwölf Millionen Vertriebenen, die in das zerschlagene Reich hineingedrückt - und da als „radikal anders wahrgenommen“ wurden. Zur Ur-Fama des geteilten Nachkriegsdeutschlands gehört die angeblich reibungslose Integration der peripheren Deutschen. Ihre Einkehr war in den meisten Fällen keine historische Heimkehr im Geleit einer Willkommenskultur. Ihre Integration veränderte die konfessionelle Landkarte Deutschlands nicht zuletzt.

Plamper unterscheidet zwei Hauptzeitschnitte in seiner narrativen Soziologie: 1945 und 1989.

Plampers „Neues Wir“ ist das Resultat eines Versuchs, für ein breites Publikum verständlich darzustellen, wie das Territorium einer Auswanderungsgesellschaft zum Einwanderungsland avancierte.

Lange ging es in Deutschland nur um Auswanderung. Amerika war ein deutscher Traum. Auch im Kolonialkontext gab es eine auf die Ferne und das Fremde gerichtete Chancenerwartungsautomatik. Fürstliche Ansiedlungskampagnen waren mit einem Rattenschwanz an Vergünstigungen für Einwanderer verbunden. Nach dem Edikt von Nantes* rieben sich deutsche Landesherren die Hände. Ab griffen sie die protestantischen High Potentials, auf die ein französischer Ludwig glaubte verzichten zu können.  

Wikipedia weiß: Ludwig XIV. hob 1685 das Edikt von Nantes aus dem Jahr 1598 auf. Dieses sollte den Hugenotten die Ausübung ihrer Religion in Frankreich garantieren. Da Ludwig für die Sicherung seiner Macht auf die katholische Kirche setzte, wurden die Nichtkatholiken, vor allem die Hugenotten, vertrieben.

Das prägte sich dem Deutschen ein. Wer zurückblieb, klebte am Boden. Ihn regierten Beharrungskräfte. Der hielt aus und durch und sah in seiner Umgebung nichts anderes als Eichenknorz.

Dass am deutschen Wesen die Welt genesen könne, war auf einem Hof in der Rhön oder im Hundsrück nicht absehbar. In gewisser Weise lebte man gegen die Zukunft, eingekleidet von pessimistischen Vorstellungen. So etablierte sich eine Mentalität der unwillkürlichen Abwehr. Nach dem Krieg setzte ein transformativer Prozess ein, eine kollektive Umschulung und Neudeutung der nationalen Position im europäischen Gefüge. Man war so unheimlich schnell wieder wer. Die Verlierer sahen wie Sieger aus. Vertriebene organisierten sich in Heimatverbänden; nun waren sie Deutsche von Geburt und Schlesier in der Gnade Gottes. Der Heimatverlust führte zu einer Glorifizierung und schlug sich nieder in einer breiten Restauration. Adenauer kassierte das Pfund. Mit der Offenbarung grüner Bürgerlichkeit in der jüngsten Gegenwart ging eine konservative Rechnung aus der Steinzeit der Republik auf. Letztlich sind auch die Grünen nur eine Abfangvorrichtung in jenem Geist, der J. Fischer den Weg des O. Schily gehen ließ.

Plamper erzählt von seiner in St. Petersburg geborenen Tochter Olga, die ohne amerikanische Staatsangehörigkeit in den Vereinigten Staaten zur gefühlten Bürgerin des Landes wurde, während sie sich in Deutschland trotz des deutschen Passes als „Ausländerin“ fühlt.

Warum ist das so? fragt Plamper.

Auch Olgas postmigrantischen Freund*innen empfinden sich als „Ausländer*innen“, obwohl sie deutsche Staatsbürger*innen sind.

In der Buchhandlung im Aufbau Haus und am Moritzplatz erinnerte Plamper daran, wie Roland Koch mit einer Kampagne gegen den „Doppelpass“ föderativ Wahlsieger werden konnte. Der Referent erwähnte auch die „Leitkultur“ als verhängnisvolles Partizip zwischen Minderheiten und der sogenannten Mehrheit, die bei Licht betrachtet, selbst super divers ist, so wie es jede Dorfgemeinschaft in jedem fabelhaften Damals war. Die wahre Trennlinienvirulenz zeigt sich doch überhaupt erst da, wo ethnische Differenz keine Rolle spielt und die sozialen Unterschiede triumphieren.

Plamper erkennt in seinem Buch, wo der Hase im Pfeffer liegt. In Deutschland schmiedet man aus den Pflugscharen der doppelten Staatsangehörigkeit die Unterstellung der doppelten Nicht-Zugehörigkeit. Man stellt Forderungen, anstatt Angebote zu machen. Alle sichtbaren Minderheiten stehen unter irgendeinem Verdacht.

Plamper hält dem entgegen: „Wir leben viele Identitäten, die sich ständig wandeln.“

Permanent Performance

Wir leben die verdichtete Unterschiedlichkeit in einem permanent bedrängten Jetzt.   

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