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19.11.2019, Jamal Tuschick

Juan Moreno steht unter Druck. Er recherchiert um sein Leben, wenigstens um seine soziale Existenz. Er muss beweisen, was zu behaupten er sich erst einmal besser verkniffen hätte: dass Relotius kein Reporter, sondern ein Produzent von Simulationen ist. Allgemein herrscht die Neigung vor, einschlägige Indizien zu ignorieren; Relotius erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen perfekt. Die Performance stimmt ...

Perfekte Performance

„Moreno ist kein Preispferdchen! Relotius ist das, was der Spiegel wollte. Und Moreno spielt die Putzfrau vom Dienst.“ Aus einem Kommentar ...

Juan Moreno hat nichts Belastbares gegen Claas Relotius in der Hand, als er, gemeinsam mit dem Fotografen Mirco Taliercio, von Las Vegas nach Arivaca fährt. Das Kaff an der mexikanischen Grenze lieferte 2006 einer Geschichte den Titel (als Gipfel der Lakonie), die genauso reißerisch geschrieben ist wie die hochdekorierte Relotiusreportage an sich. Moreno steht unter Druck. Er recherchiert um sein Leben, wenigstens um seine soziale Existenz. Er muss beweisen, was zu behaupten er sich erst einmal besser verkniffen hätte: dass Relotius kein Reporter, sondern ein Produzent von Simulationen ist. Allgemein herrscht die Neigung vor, einschlägige Indizien zu ignorieren; Relotius erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen perfekt. Die Performance stimmt, er ist das, was gebraucht wird: groß, schlank, zurückhaltend, freundlich und der Konkurrenz um Lichtjahre voraus.

Jean Moreno, „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, 285 Seiten, 18,-

Wir tendieren alle dazu, mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten unserer Lieblingsdönerbude wahlweise Insane-Sushi-Instanz so wie unserem Stamm-Späti die Treue zu halten. Wir sympathisieren mit uns selbst wegen unserer Bodenständigkeit und Geschmacksoriginalität, und weil wir trittsicher Typen und Bars zu schätzen wissen, die von jeher nur unter Kennern richtig gewürdigt werden. Ornament & Verbrechen: sobald es Nacht wird in Berlin, kennen wir die Kriterien.

Wir wissen, wer voran geht und wer hinterher.

Relotius ist die Herzdame im Spiel; eine bezaubernde Erscheinung. Ihre gute Figur macht sie unter allen Umständen. Sie versagt nicht an der Front des richtigen Zungenschlags. Sie versäumt nicht zu lächeln, wo es angebracht ist, um bei passender Gelegenheit ansprechend abwesend zu wirken.

Relotius reagiert solvent auf den Zustand der totalen Veräußerlichung. Anders gesagt, er lässt sich lange nicht erwischen.

Erschütterungen der konstituierenden Faktoren erschüttern die eigene Wenigkeit. Weil niemand erschüttert werden will, reagieren alle auf Verwüstungen, als seien sie Sehenswürdigkeiten einer teuer gebuchten Reise. Auf diesem Ticket reist Relotius. Er weiß, dass man ihm unbedingt Glauben schenken möchte.

Arivaca, Arizona

  1. April 2006, 14:00 Uhr/Editiert am 15. Oktober 2006, 9:13 Uhr/Quelle: DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15

„Die Jagd beginnt, als das letzte Büchsenlicht stockfinsterer Wüstennacht weicht. Aus dem Funkgerät schallt ein Halali: "Ein Dutzend Illegale an Posten fünf gesichtet, flüchten nach Süden." Joe Ziretta richtet sich kerzengerade in seinem Campingstuhl auf. Posten fünf ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Werden die Einwanderer nun versuchen, bei ihm, an Posten drei, durchzukommen ins Gelobte Land? Ziretta starrt in sein Nachtsichtgerät, das vor ihm auf einem Dreifuß steht. Für 1000 Dollar hat er es bei eBay im Internet gekauft. Dieselbe Qualität wie bei der US-Armee im Irak. Überhaupt ist Zoe Ziretta generalstabsmäßig auf die "Operation Grenzsicherung" vorbereitet. Neben dem Campingstuhl stehen zwei Gallonenbehältnisse voll Wasser. Taschenmesser und Taschenlampe liegen bereit, auch eine Videokamera, damit er Verhaftungen filmen kann. Seinen gewaltigen Bauch hält ein Pistolenhalfter zusammen, im Gürtel stecken Ersatzmagazine. Sein Auto parkt sichtgeschützt hinter einen Holzhaufen. Ohne zu wenden, kann er notfalls über den Staubweg entkommen.“

Moreno kann sich gerade überhaupt keinen Gefallen tun. Niemand wünscht sich ihn im Recht.

„Der Sohn eines Neapolitaners und der Sohn eines Andalusiers überführen einen hanseatischen Aufschneider.“

Das sagt der Fotograf am Ende einer aufregenden Strecke. Sie beginnt mit einem Sack voll Zweifel, den Moreno in eine „Wüstennichts“ schleppt, wo er den angeblichen Vigilanten Tim Foley in einem Trailer ohne Park außerhalb allen Außerhalbs trifft. An einem Endpunkt von Arizona wurde, so erzählt es Moreno, erst Gold, dann das Glück der Hippies und schließlich schlicht Ruhe gesucht.

„Foley ist freundlich, massiv tätowiert.“

Er verkörpert den Milizionär und Borderliner. In Foleys Gesellschaft lernt Moreno einen Spanier kennen: Lorenzo Murillo. Der Mann beherrscht die Madrider Mundart und lässt sich nicht in die Karten gucken.

„Ich ahne … nicht, dass er noch wichtig werden würde.“

Die Hamburger Hinrichtung

Vielleicht gab es einen Augenblick, in dem Redakteure den Ruf des „Spiegels“ am liebsten auch gegen die Wahrheit verteidigt hätten, während Claas Relotius um sein Leben log. Bevor Juan Moreno den Starreporterdarsteller enttarnte, stand er eine Weile allein auf dem Beziehungs- und Karriereflur. In meiner Kindheit kursierte der Spruch: Du kannst dir ein Schnitzel an die Backe tackern, dann spielt vielleicht ein Hund mit dir. So muss er sich gefühlt haben, der auf halbem Weg steckengebliebene Aufsteiger mit Migrationshintergrund, den man gern einsetzte, wenn Einwanderer zu befragen waren. Der Juan kann gut mit denen. Das war bekannt.

„Moreno ist kein Preispferdchen! Relotius ist das, was der Spiegel wollte. Und Moreno spielt die Putzfrau vom Dienst.“ Aus einem Kommentar zum folgenden Video

Eingebetteter Medieninhalt

Er fühlt sich professionell in Frage gestellt und menschlich zur Null gestempelt. Moreno demontiert das Christusvertrauen, mit dem „Spiegel“-Redakteur Matthias Geyer fernmündlich seiner Edelfeder Claas Relotius die Stange hält. Der Vorgesetzte unterstellt dem Intervenierenden unlautere Absichten.

Moreno sei vom Neid entzündet. Er gefährde den „Redaktionsfrieden“.

Geyer möchte Morenos Zweifel an der Echtheit jener Geschichte, die Relotius Hochstaplerkarriere beenden wird, am liebsten gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Er macht den Bock zum Gärtner und schlägt den Boten.

„Juan, das ist eine Hinrichtung.“

Zwar gibt es zwei Möglichkeiten, doch steht außer Frage, wen Geyer hängen (sehen) will.

Moreno bittet um eine Audienz in der Residenz. Er fährt nach Hamburg mit dem Gefühl, sein Leben bereits zerstört zu haben.

„Die Branche ist klein und sehr geschwätzig.“

Bisher war Moreno ein Hecht, auf den kein Hai scharf war. Jetzt ist es anders. Moreno erlebt sich „als die schrecklichste Version seiner selbst“.

„Ich war wie ein Tier, dass angeschossen worden war.“

*

Nora Bossong erzählt in „Schutzzone“ von einem UNO-Mitarbeitersport. Man schmuggelt das Wort „Nilpferd“ in einen Text, in dem es nichts verloren hat, und spekuliert darauf, wie viele Abzeichnungsinstanzen es durchläuft, bevor jemand das Nilpferd in seiner unpassenden Umgebung entdeckt. 

*

Relotius bringt ganze Herden in seinen Texten unter. Er hat tricksend angefangen. Ihm fehlen die Erfahrungen einer beschämenden Entwicklung und inneren Kurskorrektur. Vermutlich belastet ihn keine Korrumpierungsempirie. Moreno nennt Relotius mehrmals einen Lügner; als ergäbe sich daraus ein Alleinstellungsmerkmal. Ich bin mir sicher, dass sich Relotius nicht für verlogen, sondern für clever hielt. Dass er seine Integrität lange nicht von seiner Vorgehensweise angetastet wähnte.

Keine harte Zeit hat Relotius zerschlissen, als ihm Moreno auf die Spur kommt. Als zigfach ausgezeichneter Preisträger ist der Betrüger fett gepolstert. Nicht wenige müssten in sich gehen und sich kritisch betrachten, sollte sich eine vom Status quo abweichende Sicht Geltung verschaffen.

Es gibt die Tendenz an bestehenden Verhältnissen nicht zu rühren. Relotius profitiert von der Neigung zur Vermeidung. Aus Geyers Abfuhr spricht die Angst, der Laden könne ihm (so kurz vor einer Beförderung) und anderen Durchsetzungsfähigen auf seiner Etage um die Ohren fliegen.

Moreno weiß, im Zweifelsfall wird man sich gegen ihn entscheiden und für seinen Gegenspieler Ehrenerklärungen abgeben. Das ist einfacher als einem halben Außenseiter, dem die volle Anerkennung stets versagt blieb (allein darin steckt ein Makel), als Gewährsmann einer unschönen Wahrheit präsentieren zu müssen.

Anders gesagt, Relotius sieht auch besser aus als Moreno; Schönheit und Wahrheit treffen sich in unserer Vorstellung vom Gelingen.  

 

 

Lügner im Hauptberuf

Der Autor wundert sich. Er wundert sich seitenlang über die Ruhe, mit der Claas Relotius dem aufziehenden Sturm begegnet, der ihn wegfegen wird. In seiner Abrechnung „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ spekuliert Juan Moreno über die Gründe der Gelassenheit des großartigen, von der Fachpresse in den Himmel gejubelten Kollegen. Der Glashäusler Moreno zeichnet das Psychogramm …

Eingebetteter Medieninhalt

„Ist unser Geist ruhig, dann ist alles … ruhig.“ Japanisches Sprichwort

Der Autor wundert sich. Er wundert sich seitenlang über die Ruhe, mit der Claas Relotius dem aufziehenden Sturm begegnet, der ihn wegfegen wird. Juan Moreno spekuliert über die Gründe der Gelassenheit des Kollegen. Er zeichnet das Psychogramm eines Zockers. Er nennt Relotius einen Hochstapler. Vor allem jedoch schließt er ihn zünftig aus. Relotius sei nie Reporter gewesen, sondern Lügner im Hauptberuf. Moreno suggeriert, der tief gefallene Vorzeigejournalist habe Geschichten auch ohne Not erfunden. So soll Relotius dem „Spiegel“ gegenüber eine dem Krebstod geweihte Schwester ins Spiel gebracht haben, die es nicht gab.

Jean Moreno, „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, 285 Seiten, 18,-

Für die Erfindung der Schwester findet Moreno keine einleuchtende Erklärung. Seine Einlassungen sind im Ganzen kaum erhellend. Moreno erscheint als Miesepeter, Neidhammel und reizbarer Nebencharakter. Er liefert den typischen Vortrag des ewig zurückgesetzten, nie fest angestellten, nie vom Glanz einer perfekten Story illuminierten, nie an eine Führungsbrust gezogenen, seinen Beruf mit Klischeebegriffen feiernden, stets von unten nach oben guckenden Zeilenapostels. Im konkreten Fall dieser Abrechnung mit einem begnadeten Reporterdarsteller sinkt er noch tiefer bis auf das Niveau eines Füllselproduzenten, der den klärenden Text nicht liefern kann, weil alles klemmt. Der Leser braucht Stehvermögen, um auf Morenos unterschwelligen Jammerton nicht enerviert zu reagieren.

Stets auf der Suche nach der Story mit der Zugkraft eines Symbols

Der Hauptskandal besteht darin, dass die Spiegel-Sicherungen nicht aus ihren Fassungen geplatzt sind. Die in absurder Fülle ausgezeichneten Seifenopern des Claas Relotius spiegeln ein bundesrepublikanisches Selbstverständnis, das weit über den Journalismus hinausgeht. Man will glänzen, ohne etwas zu riskieren.

Relotius verkörpert einen Prototyp der Vermeidung. Sein Kitsch konnte nur deshalb Furore machen, weil sein Eskapismus dem Verhalten vieler gleicht. Man erschöpft sich in der Auswertung von Sekundärquellen, vertraut auf Hörensagen und nimmt das Gerücht für bare Münze.

Moreno hat nichts (mehr) zu sagen, was substanziell über das im Tagesgeschäft längst Abgebaute hinausgeht. Seine Rechercheleistungen sind bereits vergoldet worden. Das Buch trödelt den Ereignissen hinterher.

Moreno erzählt, wie er Relotius‘ gedruckten Lügen auf die Spur eines Nachweises kam, indem er Namen in Suchmaschinen eingab. Ich komme darauf zurück.

*   

In ihrer akademischen Abrechnung „Das Licht, das erlosch“ finden die Soziologen Ivan Krastev und Stephen Holmes keine Erwartung gründlicher enttäuscht als die Vorstellung, der (ab Neunundachtzig) eingenommene Osten verhielte sich wie die arme, aber willige Blumenmädchen Eliza Doolittle in G.B. Shaws Lehrstück „Pygmalion“ und übe gegenüber dem selbstherrlichen Professors Henry Higgins aka Mister West Ergebenheit. Stattdessen „bekam die Welt eine Bühnenfassung von Mary Shelleys Roman Frankenstein zu sehen“. Während sich der Osten in langen Linien als anti-neoliberales Bollwerk etabliert und auf unerwartete Weise angreift, rennt der globale Süden wie von der Tarantel gestochen auf die Hotspots des westlichen Wohlstands zu. Ihn agitiert primär nicht die Kritik an einer in amerikanischen Hochschulen vorbereiteten, modellhaft-menschenverachtenden Politik, sondern die Aussicht auf Teilhabe an den Resterampe-Angeboten der Überflussgesellschaften.

Alles gegenwärtig Grundsätzliche vollzieht sich in diesen beiden Stimmungen zum Nachteil saturierter Sieger. „Jaegers Grenze“ - In der Geschichte die Claas Reloitus zu Fall brachte, erzählt ein militanter Schreiner, der seinen richtigen Namen preisgibt, oder vorgibt, ihn preiszugeben, von diesen großen Bewegungen auf seine Weise. Chris Jaeger erscheint als bis auf das Fundament seiner Persönlichkeit enttäuschter Rächer einer (politisch verratenen) gerechten Sache.

Sein Idol ist der Anti-Politiker Trump, der, so sagt es Bob McKibben, Präsident wurde, um aus dem Amt Kapital zu schlagen und seine Buddies so reich wie möglich zu machen. Trump zeigt dem Volk prophetisch den Finger. Er weist damit gen Süden, wo die Armut mit den Füßen scharrt.

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