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19.11.2019, Jamal Tuschick

Sie musste sich beeilen, die Stadt zu verlassen, bevor ihr Steckbrief überall und besonders an den Ortsgrenzen hängen würde.

Maßlos – Eine Geschichte von Elilta Mesmer - 3. Folge

Vorspann

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, den Film zurückspule, all die Stationen durchlaufe, einen Blick auf sämtliche Höhen und Tiefen werfe und mir die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis rufe, dann gibt es da einen roten Faden. Die Kontinuität lässt sich in einem Wort fassen. Es ist ein Eigenschaftswort, daß mir schon lange allgegenwärtig ist und über das ich ständig stolpere. Es scheint, als klebe es an mir wie Dreck am Schuh. Was auch immer mir widerfuhr, ob in der Konsequenz eigener Entscheidung oder in der Folge fremder Einflüsse.

Es ist maßlos.

Maßlos im Guten und im Schlechten. Die Wut und Zerrissenheit, die mich begleiten, wie auch das Misstrauen, sind maßlos. Die Liebe, die ich zu geben habe, ist ebenso maßlos, wie die, die ich fordere.

Was zuvor geschah

Die Handlung setzt im Oktober 1978 ein.

Mihret, die Mutter der Erzählerin, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule. Nicht zu Unrecht verdächtigt man sie, eine Sympathisantin der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF) zu sein. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden.

Wilder Hass

Jede Stadt hat innere und äußere Ränder; dem Zentrum zugewandte und der Peripherie zugehörige Bezirke und Übergänge zwischen diesen Positionen. Sie hat umstrittene oder von jedermann aufgegebene Brachen und Zwischenräume, die wie Geheimfächer in antiken Schreibtischen wirken.

Maitemanai, der Schauplatz meiner frühen Kindheit, liegt an einem äußeren, vorstädtisch definierten Rand von Asmara. An der Haltestelle, an der die Afans* nach Mihret gefragt hatten, führt der Verkehr stadtein- und auswärts. Mihret bat einen Kutscher, sie mitzunehmen.

*Soldaten

Die fremde Frau, die gekommen war, um meine Mutter zu warnen, beeilte sich, Segen und mich zu wecken. Wir waren verstört. Das machte uns gefügig. Ohne zu murren, ließen wir uns anziehen. Die Zuträgerin schnappte sich Decken und rannte mit uns zur Haltestelle.

Sie redete mit einem Kutscher. Ich hörte nicht, was besprochen wurde. Ich war damit beschäftigt, meine Schwester zu trösten, die stets weinerlich war, wenn sie aufwachte. Plötzlich wandte sich die Fremde wieder uns zu. Sie hob meine Schwester hoch. Segen schrie, sie wollte meine Hand nicht loslassen. Ich stieß sie in eine Kutsche, die Absicht der Fremden mehr erahnend als begreifend; ich wusste, dass wir in Gefahr waren und unbedingt wegmussten; kaum hatten wir Platz genommen, empfahl sie uns dem Schicksal.

„Gott sei mit euch“.

Dann lief sie davon.

Wir waren Unterdrückte, und die Äthiopier waren unsere Unterdrücker. Diese an keiner Stelle aufgebrochene Konstellation vereinte die Einheimischen und bewirkte eine Solidarität ohne große Erklärungen. Es war sowieso sicherer, wenig zu wissen.

Auf ein Schnalzen des Kutschers hin, setzten sich die Pferde in Bewegung. Ich beschwichtigte meiner Schwester, sie sollte aufhören zu weinen, um den Kutscher nicht zu verstimmen. Ich verstand nichts, schöpfte aber aus meiner Intuition ein vages Einverständnis mit den nächtlich-mysteriösen Vorgängen.

Die Widerstandskämpferin

Mihret war ein Deckname meiner Mutter. Sie leitete eine Frauengruppe in Asmara, die sich dem Kampf der EPLF angeschlossen hatte. Sie kommandierte eine Heerschar von Informantinnen, die im Wesentlichen nachrichtendienstliche Aufgaben erfüllten. Keine kannte Klarnamen von Kombattantinnen, da klar war, dass keine der Folter widerstehen konnte. Die Äthiopier quälten unsere Leute mit einem wilden Hass.

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