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20.11.2019, Jamal Tuschick

„Die Stille ist die Schwester des Wahnsinns“. Thomas Brasch

Belle de Jour in der Kittelschürze

Eine Robe so rot wie die Nibelungen trägt sie. Sie thront in ihren Worten. Sie ist eine Schöpfung, ein Produkt, die Verdinglichung in Person. Sie lobt ihre Genügsamkeit und kehrt das Offensichtliche hervor. Nichts soll überraschen.

Du warst ein Sparangebot, sagt Hayet.

Am Nachmittag spielt sie Belle de Jour in der Kittelschürze. Sie zeigt sich als gesellschaftlich aufschlussreiche Situation. In der Zuschreibung ist sie von Erfahrungen ausgeschlossen wie in einer Humanquarantäne. Man kann aber von ihr etwas erfahren, von der Situation, die Hayet für sich zu sein behauptet. Sie betrachtet sich als Erzählung. Ihre Ohnmacht ist eine Umnachtungsgeschichte. Es geht um das Maximum der Ohnmacht - den Klimax der Veräußerlichung – in einem hermetischen Text, der nichts verrät.

Denn was man liest, ist allerweltsmäßig.

Das Frühstück in der Robe macht keine Königin aus dir. So wenig wie dich die Kittelschürze verarmen lässt. Du bleibst dir selbst überlassen. Die Entriegelungen der Sperren als Zerreißproben, gibt es gratis.

Text ist immer eine Folge. Hayet spielt das Davor. Sie schminkt sich vor meinen Augen, als hülfe die Veröffentlichung eines Herstellungsprozesses.

Dem ich will nicht sterben voran, geht das ich will nicht altern. Schau.

Die Musik der Schlüsselbeine. Natürlich verpfeift sich auch Hayets Schönheit so gleichgültig wie der Staub fällt. In der Verwitterung wird nicht nur der Körper gewöhnlich.

Was habe ich davon, das zu wissen?

In der Verlusttrauer endet die Verdinglichung. Es werden Hayet Erfahrungen bald erlaubt sein, denke ich. Sie wird aufhören, sich als Bild zu betrachten.

Höflich und fundiert

In einer Geschichte von Claas Relotius betreibt eine Amerikanerin Exekutionstourismus in ihrem Land. Sie fährt von einer Hinrichtung zur nächsten und verhält sich unterwegs so unwahrscheinlich, dass es in Deutschland eine Studienrätin nötig fand, Relotius sehr höflich und fundiert auf ihre Zweifel hinzuweisen. Relotius gelang das Kunststück, auf dem Sockel solider Skepsis ein Denkmal der Genauigkeit zu errichten. Er konterte den Angriff mit einem Konsortium aus Links und Querverweisen.

Er lieferte ab, wie man unter Journalisten sagt.

Die Rechtfertigung bestätigte seinen Rang. Die Studienrätin gab sich überzeugt geschlagen. Ihre Einwände landeten in der Schublade mit den zurückgewiesenen Unterstellungen. Dann flog der Schwindel auf, und Relotius sah sich genötigt, ganz anders Rede und Antwort zu stehen.

Man muss den Lügner erkennen, um die Lüge zu sehen.

Relotius hatte die Geschichte mit einem Foto beglaubigt. Angeblich zeigte es die vigilante Halsgerichtsordnungshüterin.

Also fragte man in der Redaktion: wer ist das auf dem Foto, wenn es doch diese Person in der Geschichte gar nicht gibt?

„Irgendjemand“, antwortete Relotius in der Darstellung von Juan Moreno. Zitiert aus „Tausend Zeilen Lüge. Das System (Claas) Relotius und der deutsche Journalismus“.

Ich finde, in diesem irgendjemand steckt alles: das ganze Molly Bloom’sche Er/Sie so gut wie jede(r) andere. 

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