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22.11.2019, Jamal Tuschick

Jede Stadt hat innere und äußere Ränder; dem Zentrum zugewandte und der Peripherie zugehörige Bezirke und Übergänge zwischen diesen Positionen. Sie hat umstrittene oder von jedermann aufgegebene Brachen und Zwischenräume, die wie Geheimfächer in antiken Schreibtischen wirken. Maitemanai, der Schauplatz meiner frühen Kindheit, liegt an einem äußeren, vorstädtisch definierten Rand von Asmara. An der Haltestelle, an der die Afans* nach Mihret gefragt hatten, führt der Verkehr stadtein- und auswärts. *Besatzungssoldaten

Maßlos – Eine Geschichte von Elilta Mesmer - 4. Folge

Vorspann

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, den Film zurückspule, all die Stationen durchlaufe, einen Blick auf sämtliche Höhen und Tiefen werfe und mir die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis rufe, dann gibt es da einen roten Faden. Die Kontinuität lässt sich in einem Wort fassen. Es ist ein Eigenschaftswort, daß mir schon lange allgegenwärtig ist und über das ich ständig stolpere. Es scheint, als klebe es an mir wie Dreck am Schuh. Was auch immer mir widerfuhr, ob in der Konsequenz eigener Entscheidung oder in der Folge fremder Einflüsse.

Es ist maßlos.

Maßlos im Guten und im Schlechten. Die Wut und Zerrissenheit, die mich begleiten, wie auch das Misstrauen, sind maßlos. Die Liebe, die ich zu geben habe, ist ebenso maßlos, wie die, die ich fordere.

Was zuvor geschah

Die Handlung setzt im Oktober 1978 ein.

Mihret, die Mutter der Erzählerin, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Eritreas Hauptstadt Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden.

Im Widerstand

Mihret war ein Deckname meiner Mutter. Sie leitete eine Frauengruppe in Asmara, die sich dem Kampf der EPLF angeschlossen hatte. Sie kommandierte eine Heerschar von Informantinnen, die im Wesentlichen nachrichtendienstliche Aufgaben erfüllten. Keine kannte Klarnamen von Kombattantinnen, da klar war, dass keine der Folter widerstehen konnte. Die Äthiopier quälten unsere Leute mit einem wilden Hass.

*

Aktuell stand meine Mutter in intensivem Austausch mit einer Gefängniswärterin, die Kunde von gefangenen Eritreern in eine vorstädtische Scheinfreiheit trug. Die Frau erfüllte eine Scharnierfunktion. Mihret vermied jede Vertraulichkeit. Sie gab sich zugänglicher als sie war. Das gehörte zu ihrem Repertoire als Gruppenführerin. Jede Begegnung mit der Wärterin erlebte sie als Kontamination, beinah als Verschmutzung ihrer Aura. Was ihr berichtet wurde, gab sie weiter an Männer, denen sie unterstand. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, die Revolution bis auf die Zerschlagung des Patriarchats auszuweiten.

Hausarrest im eigenen Land

Für ihre Zuträgerinnen hieß meine Mutter Mihret. Da die Fremde sie mit diesem Namen angesprochen hatte, wusste meine Mutter, daß sie verraten worden war.

Wer hatte sie verraten?

Man wollte das Land, aber nicht die Menschen. Die Politik des äthiopischen Präsidenten Mengistu war expansiv und repressiv. Die Schergen des Regimes agierten brutal, vor allem aber handelten sie willkürlich. Sie reagierten sich ab an noch Schwächeren. Die Einheimischen waren von allen Rechten befreit. Kein Eritreer konnte sich sicher sein.

Selbst unsere Sprachen waren verboten. Wir sollten uns auf Amharik verständigen.

Aus dem Katalog der Erniedrigungen

Eritreer durften Bürgersteige nicht benutzen. Wie die Tiere mussten wir auf der Straße laufen. Nach achtzehn Uhr herrschte Ausgangssperre. Mit anderen Worten: Wir hatten Hausarrest im eigenen Land.

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