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22.11.2019, Jamal Tuschick

#20jahrelyrikline - Die Lyrikline feiert 2019 ihren zwanzigsten Geburtstag. Drei von Daniela Danz benannte Dichter, die auf der Online-Plattform mit ihren Stimmen und Texten noch nicht vertreten sind, kamen vorgestern Abend im Haus der Poesie zu Wort.

Wenn man, wie Heiner Müller, die Flasche vor zwölf aufmachen will ...

Ralf Meyer, Daniela Danz, André Schinkel, Steffen Mensching

„Ich liebe Klassizisten.“

Mit dieser Erklärung warf Ralf Meyer seinen Handschuh in den Ring der Lyrik im Haus für Poesie.

„Eine gebrochene Zeile“ ist mir zu wenig Gedicht, verkündete er im Gespräch mit der großartig gastgebenden Daniela Danz. An ihr war es, ihre Lieblingsdichter zu präsentieren; einige Auflagen vorausgesetzt, um die wir uns nicht weiter scheren, da doch alle Bedingungen erfüllt wurden. Im vorgegebenen Rahmen war es der Eisenacherin erlaubt, lauter ostdeutsche Männer um sich zu scharen. Meyer rühmte sie für das hohe Lied der Liebe als einem markanten Aspekt seiner Arbeit. Er ist ein Erneuerer des Hallescher Dichterkreises, dessen historischer Kern in einer pietistischen Gründung von 1733 steckt.

Um Halle dreht sich viel im Leben des Mansfelders Meyer. Danz stellte die regionalen Bezüge heraus. So sagte sie: „Gehen Sie nach Halle, wenn sie, wie Heiner Müller, die Flasche vor zwölf aufmachen wollen.“

Sie sagte Meyer „eine große Verbundenheit“ mit dessen Mansfelder Herkunft nach. Den Mansfelder an sich beschrieb Danz als „stur und ungnädig“. Gleichwohl mache er sich „nackt wie sonst kaum einer“ in seiner sturen Gradlinigkeit, die kein Versteckspiel mit der Wahrheit erlaube. Von nackt kam sie auf die „körperliche Liebe“ mit einem Seitenblick voller Wohlwollen.

Danz sprach von der „unverrückbaren Nadel“ des Meyer’schen Poesiekompasses.

„Der lange Weg der Schreibhand führt durch Herz und Hirn.“

Meyer wisse, wie sich „aus Form und Tradition Funken schlagen lassen“.

Ich finde in meinen Notizen die Zeilen:

„Arno erinnert sich: Mit neun entdeckte ich ein Mittel gegen den Tod“.

„Wie eine Sonne, die einen bösen Traum verbrennt.“

„Wenn mir nur ein Vers gelänge, der nicht vergeht.“

Ein Gedicht erzählt von einer Koinzidenz zwischen Frauenduft und Himmelsblau; so wie von einer Frau, „die eine ganze Nacht nichts fragte“. Sie war mit einer Traurigkeit ausgestattet, die der Dichter noch nicht kannte. Von der er sich vertiefte Kenntnisse auch nicht erwarb. Die Traurigkeit blieb mit der Frau zurück wie auf einem Bahnsteig.

„Wie ein Fisch an Land, schnappt meine Lust ins Leere.“

Meyer verwies darauf, dass wir sogar einem Giganten wie Balzac voraushaben, noch zu atmen. Das kam Meyer auf dem Pere Lachaise in den Sinn.

Er begründete seine Liebe zur formalen Strenge.

Lyrische Formen bewähren sich seit Jahrhunderten.

In jeder Form „liegt ein großes Geheimnis“.  

„Das Sonett ist von den lyrischen Großformen die kleinste.“

„Die Form tut etwas für das Gedicht.“

Bald mehr.

Herzerwärmendes Sächsisch

Erst nachdem sie sich entschieden hatte, fiel Daniela Danz auf, dass sie sich für lauter Männer entschieden hatte. Kurz bedachte sie den Umstand, um ihn sich dann endgültig zu genehmigen. Schließlich habe sie keine politische Wahl treffen müssen, sondern ausschließlich künstlerische Kriterien beachten dürfen. Das erklärte Daniela Danz gestern Abend im Haus der Poesie. Die aus Eisenach gebürtige Kunsthistorikerin leitet das Schillerhaus in Rudolstadt. Ihre Gegenwart stellt klar: es gibt nicht nur Berlin.

Nicht nur nur Männer saßen in der von ihr einberufenen Versammlung. Die Männer waren zudem Ostdeutsche. Auch das wurde hervorgehoben, wenn auch nicht diskutiert. In der Schwerkraft von Ostberlin, das Haus der Poesie steht auf dem Prenzlauer Berg, entspricht ostdeutsche Dominanz in einer Kombination mit Kunst dem Normalfall.   

Den Abend eröffnete Heiko Strunk von der Projektleitung Lyrikline mit einer perspektivischen Leistungsschau. Alle vier bis fünf Tage präsentiert „Lyrikline“ eine neue Dichterin. In den vergangenen zwanzig Jahren erhielten 1404 Dichter*innen in 85 Sprachen eine Gelegenheit, sich zu Gehör zu bringen. Gezählt wurden 18.887 Übersetzungen.

Im zweiten Akt gab es ein Hörspiel aus Neben- und Randerscheinungen der akustischen Konservierung. Zu vernehmen war die feste Überzeugung eines Dichters, Hölderlin stünde unheiter hinter ihm. Selbstkritik und der Wunsch nach Wiederholung bestimmen den Tenor der Schnipsel. Ich dachte an „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“.

Ich notierte:

„Erstmal Nase putzen.“

„Ich bin kein Vormittagsmensch.“

„Ich will eine klassische Form geschmeidig machen.“

„Kann ich noch mal.“

„Es ist heiß.“

Danz pries die Lyrikline als einen Hort, in dem Wolfgang Hilbigs Gedichte in „herzerwärmendem Sächsisch“ des Autors zu hören seien. Sie stellte Steffen Mensching vor, der auch bei der großen Sause auf dem Alexanderplatz* mit Heiner Müller und Ulrich Mühe dabei war. Allerdings habe Mensching seinen Auftritt gehabt, „bevor die Kameras aufgebaut waren“.

Am 4. November 1989 fand die erste genehmigte nichtstaatliche, von Kunstschaffenden organisierte Kundgebung in der DDR mit rund einer Million Protestanten auf dem Alexanderplatz statt.  

Mensching las zuerst ein Gedicht aus der Gründerzeit von Lyrikline. „Das gewisse Etwas“ betitelt eine Sammlung und ein Einzelstück. „Etwas mit einer Nummer am großen Zeh schon …“. Man ahnt die Stoßrichtung. Auf halber Strecke ist keine Hoffnung mehr: „Etwas ohne Identität, ohne Wohnsitz … Etwas für das jede Hilfe zu spät kommt“. Als lyrischer Held dient ein Schäferhund. Er ist „etwas zottelig“.   

Es folgte eine Hymne auf den Erfinder des Klettverschlusses. Georges de Mestral wagte es gegen die Methode Reißverschluss den Kampf um die einfachste Lösung aufzunehmen. Kinder und Astronauten danken es ihm. Mensching gelingt eine makaber genaue Übersetzung des Verklettungsgeräuschs in Worte.

Schließlich erzählte er mit den Mitteln des Dichters von einem Vormittag im Leben des Plattenbaubewohners Heiner Müller. Einmal habe sich der Dramatiker veranlasst gesehen, an seiner Sehkraft zu zweifeln. Im Furor eines unbegründeten Optimismus schob er die Schwäche auf den Dreck, der den Fenstern seiner Wohnung anhaftete. Eine alte Unterhose ersetzte den Lappen. Putzend bemerkte er in Vierzigmetertiefe unter ihm den Kollegen Peter Brasch, der wiederum den auf einem Sims balancierenden Müller sah. In Erwartung eines Selbstmords ergab sich Brasch dem Pathos:

„Heiner, die Welt braucht dich.“

Im Gespräch mit Danz erklärte Mensching, von „der Wende“* literarisch nicht berührt worden zu sein.

„Es gibt keinen Bruch.“

*Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bekennt einen Hass auf das Wort „Wende“. Es ist ein Krenz-Wort, also grenzwertig. Egon Krenz, genannt das Gebiss, kurz Staatsratsvorsitzender eines sterbenden Staates, formulierte unter dem Druck der Straße:

„Die Wende ist eingeleitet.“

Wer erst Zwang ausübt und dann aus Schwäche überzeugend wirken will, verdient sich das Schicksal lebenslanger Lächerlichkeit.

Das Wende-Gerede impliziert, so Thierse, „eine Herabwürdigung“ der friedlichen Revolution, an der inzwischen auch Westpolitiker angeblich beteiligt waren.  

Die Liebe zum eingreifenden Wort

Danz fahndete nach Aufriss und Gegensatz in der Benn-Becher-Dimension. G. Benn musste sich von J.R. Becher als Chlorophyll-Poeten beschimpfen lassen. Mit Mensching war da nichts zu machen. Er führt kein Schriftstellerleben, nach eigener Angabe.

„Meine Texte sind sozial gespeist.“ Mit einer Liebe „zum eingreifenden Wort“ findet er sich richtig im Theater aufgehoben. Für Exzess und Verzweiflung fehlt ihm vielleicht die Zuversicht.

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