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23.11.2019, Jamal Tuschick

Im Gespräch mit Annette Maennel erklärte Siegbert Schefke in der Berliner Zentrale der Heinrich Böll Stiftung: Zwei Kellerräume im Gemeindehaus (der Berliner Zionskirche) bildeten das:

Oppositionszentrum der DDR

 Annette Maennel unterhält sich mit Siegbert Schefke über wilde Zeiten

„Der antifaschistische Schutzwall“ schützt auch ein Ostberliner Desperado-Habitat, das in einem erweiterten Westen und unter kapitalistischen Bedingungen keinen Platz hätte. Das wissen die Freaks auf dem Prenzlauer Berg. Die Außenseiter in einer Egalitätsgesellschaft „landen unweigerlich in einer der sechs Kneipen“, aus denen sich ein Mosaik der Referenzpunkte ergibt.

Alles ist billig und leicht zu haben in einem bestimmten Rahmen. Wer etwas auf sich hält, sucht den Anschluss an eine Plattenbaunachbarschaft und überlässt den ruinierten Wohnraum etwa im Kollwitzkitz den Unangepassten. Eine Bürgerrechtsbewegung formiert sich einigermaßen offen zwischen Kunst, Kirche, Kneipe und einem Job als Friedhofsgärtner.

Man konspiriert einfallsreich und netzwerkt emsig.

Das sei damals so gewesen „wie heute, nur anders“, erklärt Siegbert Schefke im Gespräch mit Annette Maennel in der Berliner Zentrale der Heinrich Böll Stiftung. Ein Fixpunkt des Widerstands ist die Zionskirche.

„Zwei Kellerräume im Gemeindehaus“ der Zionskirche bilden „das Oppositionszentrum der DDR“.

Die Opposition trifft sich außerdem im Metzer Eck und im Café 1900 und stellt sich da als „geschlossene Gesellschaft“ dar.

Vielleicht kann man in einer geschlossenen Gesellschaft nur geschlossene Gesellschaften bilden.  

Noch ist der Ingenieur Schefke Bauleiter in Hellersdorf und steckt wenigstens mit einem Bein in der Spur-der-Steine-Welt. Sein Diensttelefon nutzt er für dissidente Zwecke. Er sammelt Bänder lokaler Bands ein und lässt sie als Konterbande in den Westen transportieren. Schefke erwähnt „Herbst in Peking“.

Zwölf westdeutsche Journalisten sind in Ostberlin akkreditiert. Sie genießen Diplomatenstatus. Schefkes Mann für den fliegenden Landeswechsel mit klandestinen Verschiebungen ist Ulrich Schwarz, Leiter des Deutschland-Ressorts des „Spiegels“. Die Stasi wirft ihre Schatten überall hin. Sie schreit förmlich danach, kunstvoll ausgetrickst zu werden. Unter anderem verwendet Schefke einen Kode aus Erkältungsgeräuschen. Er hustet ins Telefon; er hustet der Stasi was, bis man ihn abschaltet und aus seiner Funktion entlässt. Fortan steht Schefke unter ständiger Beobachtung. Er entkommt seinen Schatten über die Dächer des Prenzlauer Bergs.

Schefke profiliert sich als Umweltaktivist. Er dokumentiert das totgeschwiegene Waldsterben und den weitgehend ignorierten Städtezerfall in der Konsequenz einer offensiven Zerstörungspraxis. Das architektonische Gedächtnis soll gelöscht werden. Die „barocke Geschlossenheit“ des holländischen Viertels von Potsdam passt nicht zur realsozialistischen Selbstdarstellung. Die Partnerstadt Bonn will mit westdeutschen Firmen ertragreich im Osten sanieren; Schefke zeigt die Durchstecherei in einem Film, ohne die kapitalistische Witterung von Morgenluft zu kommentieren.

Irgendwann gewinnt der arbeitslose „Vollzeitrevolutionär“ die Erkenntnis:

„Wenn etwas passiert, dann passiert es in Leipzig.“

Auf dem Weg von der Hauptstadt nach Sachsen wechselt man den Trabi, um Verfolger abzuschütteln. Getankt wird auf dem Rastplatz Köckern-Ost.

Zuerst gehen Schefke und sein Spezi Aram Radomski im höchsten Haus der DDR in Stellung. Gewarnt vom Hausmeister, entkommen sie der Stasi um Haaresbreite. Die Aktivisten klappern Kirchen ab, Pfarrer Siebert weist ihnen den Weg zum Glockenturm. Da entstehen jene „Bilder, die Europa verändern“.

 

Ich wollte die Mauer weghaben

Als die Angst die Seite wechselte - Der Bürgerrechtler Siegbert Schefke erinnerte sich in der Berliner Zentrale der Heinrich Böll Stiftung an den zivilgesellschaftlichen Widerstand der DDR-Bürgerrechtsbewegung – Stuhlkreis-Empowerment versus zerschlagende (operative) Aktivitäten im Geist eines Jewgeni Pitowranow - aka Gandhisten versus Tschekisten. Keiner brachte es schöner auf den Punkt als der ehemalige Vorsitzende des DDR-Ministerrates Horst Sindermann: „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.“ In Samisdat-Manier gründete Schefke 1986 die Umweltbibliothek im Gemeindehauskeller des Zionskirche als oppositionelles Speakeasy. Heimlich filmte er Leipziger Montagsdemonstrationen, und zwar aus dem Glockenturm einer Kirche. Es gibt eine evangelische Dimension in der DDR-Regimeüberwindung, die Luthers Trotz als Kirchenschatz offenbart.

Der Vater ist Mauer und stolz auf den studierenden Sohn. Doch so richtig rund läuft es nicht für den angehenden Bauingenieur Siegbert Schefke. Ihm fehlt die Ergebenheit, zumindest aber der skrupellose Pragmatismus des Karrieristen. Er müsste über die Wehrpflichtzeit hinaus in der NVA dienen, um einen privilegierten Zugang zum akademischen Sektor in Duldungsstarre zu erringen. Auf Knien zum Gipfel ist jedenfalls nicht per aspera ad astra. Schefke erbockt sich einen Weg, der vorläufig in einer Relegation mündet. Der Studierende leistet die falsche Unterschrift, er signiert einen Schrieb der Manns, wenn auch nicht der Klaus und Erika Manns, so doch der Have- und Eppelmanns.

Das ist ein schwerer Fehler. Der Fehler hat Bewährung auf dem Bau zur Folge. Aber das sagt dem Relegierten keiner. Er glaubt, man habe ihn wegen Prüfungsversagen exmatrikuliert. Das Gute dabei, Schefke fühlt sich wohl unter Dachdeckern. Er schließt Freundschaften und erwirbt sich den Respekt der Handfesten. Dann darf er weiterstudieren …

In den 1980er Jahren wird der in Hellersdorf großartig eingesetzte Bauingenieur Siegbert Schefke allmählich zum Dorn im Auge des Staats.

„Ich wollte die Mauer weghaben und Reisefreiheit wollte ich auch.“

Er schließt eine Telefonfreundschaft mit dem bereits 1983 ausgebürgerten Jenaer Jahn (Roland). Manchmal behelfen sich die Dissidenten mit beredtem Schweigen. Das geht solange gut, bis man Schefke als Bauleiter absetzt und das Telefon wegnimmt. Von da an gehörte er zu den Prachtexemplaren im Bezirk Prenzlauer Berg, die als Friedhofsgärtner und Künstler Sand im Getriebe des realexistierenden Sozialismus sind.

„Unweigerlich landete man in einer der sechs Kneipen.“

Es sei „unkompliziert“ gewesen, „Leute kennenzulernen“.

Es ergibt sich eine geschlossene Gesellschaft, die das geschlossene Weltbild der DDR spiegelt. 

Es geht stets um Freundschaften, das heißt, es geht um Verrat.

Schefke erinnert den Tag der Gründung der Umweltbibliothek unter seelsorgerischer Aufsicht. Peter Simon heißt der Pfarrer.

„Es geschah am 4. September 1986.“

Alles vollzieht sich auf kurzen Wegen. Ein kleiner Kern dreht sich in einem wachsenden Kreis.

Geschlechtstarnung

Man kostümiert sich mit Decknamen und wechselt zur Tarnung das Geschlecht. Bärbel Bohley erscheint in der Szene als „der Italiener“. Wer sich hinter dem Italiener verbirgt, kapiert die Stasi nie bis zum Schluss.

Radio Glasnost sendet auf UKW 103,4 Text & Sound zum Widerstand.

„Ende 1986 sind in Berlin die Peilwagen unterwegs: Im Westteil der Stadt sucht die Bundespost, im Ostteil die Staatssicherheit nach einem illegalen Sender. Während der Osten auf der gewohnten Jagd nach Kritikern ist, befürchtet der Westen diplomatische Verwicklungen, sollte von West-Berlin aus illegal in den Osten gesendet werden. Dreimal geht der Piratensender Schwarzer Kanal auf Sendung.“

Quelle: Jugendopposition in der DDR

Der prolongierte Augenblick

Die Angst vor der Stasi war 1988 noch so groß, dass das Entrollen von Transparenten bereits einer Eskalation des zivilen Ungehorsams entsprach. Darüber unterhalten sich im Jetzt des prolongierten Augenblicks Annette Maennel und Siegbert Schefke im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung.  

Heimliches Leipzig – Als Leipzig der Stasi unheimlich wurde

Er hat Bauingenieur studiert. Das ist eine Geschichte für sich. Irgendwann wurde Siegbert Schefke vor allem als Dokumentarfilmer und Bürgerrechtler wahrgenommen. Er erhielt sich in einem Zustand der brotlosen Berufstätigkeit. Der Sonderstatus wirkte magnetisch auf andere Randgestalten und Prachtexemplare im Realsozialismus.

„Wir sind oft nicht bei einem Beruf geblieben“, erinnert sich Annette Maennel im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung. Sie moderiert einen Abend mit Schefke - dem Dokumentator eines historischen Augenblicks. - Im Herbst 1989 tricksten die Bürgerrechtler Schefke und Aram Radomski die Stasi aus und filmten aus einem Kirchturmversteck heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Die DDR war eine Arbeitsgesellschaft. Sie egalisierte sich an allen Ecken und Enden. Wer mitmachte, war eingespannt. Wer sich separierte, erlebte die soziale Ächtung mitunter als Befreiung. Dann war man eben Friedhofsgärtner und/oder Künstler im Bezirk Prenzlauer Berg.

Annette Maennel will wissen: „War dir klar, dass du das Ende der DDR filmst.“

Schefke: „Das hat keiner vorausgesehen.“

Heimliches Leipzig

Die Bilder prägten sich Europa ein. Sie zeigen, wie sich vermeintlich in Beton gegossene und aus Stein gemeißelte Verhältnisse zum Tanzen bringen lassen. Im Herbst 1989 stiegen Schefke und Aram Radomski auf bis zum Glockenturm einer Kirche; geführt von Quasimodo – dem Küster von Leipzig. Nein, nicht so. Wir machen ordentliche Berichterstattung. Der Pfarrer veranlasste seinen Hausmeister, den Bürgerrechtlern aus Berlin einen Weg zu weisen, den Fremde niemals ohne Führung zu nehmen gewusst hätten. Von oben filmten die Berliner heimlich Leipzig. Die Aufnahmen der Montagsdemonstrationen gingen als Kassiber über die Grenze, ich erzähle gleich, wer den am 9. Oktober von mehr als siebzigtausend Menschen erbrachten Beweis einer Volksbewegung in den Westen schmuggelte.

Die Oma im Osten

Am 10.10. Bilder erschienen die Bilder in einem ARD-Tagesthemen-Beitrag. Zum ersten Mal sahen Millionen Bürger*innen in beiden deutschen Staaten, was Erich Honecker allen zu verheimlichen versuchte. Ein Staat knickte ein und legte sich lang.

Das wars, Schefke hatte es immer schon gewusst. Wegen seiner Oma in Recklinghausen, die CDU wählte, weil nur die CDU auch in ihrem Herzen für die Wiedervereinigung war. Das war nicht dumm gefühlt. Die SPD hatte nämlich auf dem Territorium der DDR die Fusion mit der SED als einen historisch komplexen Vorgang zu verschmerzen.

Die Roten waren sich nicht grün.

Brandts „Annäherung durch Wandel“ und Schiller „Konvergenztheorie“ stellten sich dem schlichten Sozialdemokraten Waldauer Schule als Überbauphänomene dar. Man hatte nicht mit, sondern gegen die Kommunisten gekämpft, und stand den CDU-Kapitalisten näher als allen Kommunisten.

Schefke hatte eine Oma im Westen und eine Oma im Osten. Besuchte er die Ostoma in Prenzlau, war ihm alles klar. Er wusste, wo „die klebrigen Dropse“ im Vorrat gehalten wurden. Bei der Westoma konnte er darüber nur spekulieren. Er beschloss, die Wiedervereinigung herbeizuführen, um noch vor dem eigenen Einstieg in den Ruhestand, die Westoma besuchen zu können.

So geriet ein System ins Wanken, weil ein Brandenburger einen Westfälischen Küchenschrank inspizieren wollte.

„Einer musste den Job ja machen.“

Nach einem Zeitsprung gerät Schefke in eine Zwickmühle. Der Wehrpflichtige will Bauingenieur werden. Die Obrigkeit verknüpft das Studium mit einer Bedingung. Schefke soll sich verpflichten – drei Jahre NVA. Der Gefreite verbockt sich, mit der Konsequenz:

„Dann müssen Sie halt nehmen, was die Dreijährigen übriglassen.“

„Das war eine demütigende Erfahrung.“

Schefke ergatterte trotzdem einen Studienplatz in Cottbus. Auf einer Pankower Party unterschrieb er beschwingt den von Robert Havemann und Rainer Eppelmann verfassten Berliner Appell „Frieden schaffen ohne Waffen“. Am nächsten Tag wurde er exmatrikuliert und führte das blauäugig-verkatert auf eine nicht bestandene Prüfung zurück.  Niemand klärte Schefke auf, bis er Akteneinsicht erhält. Das war noch lange hin. Schefke hielt sich für einen Versager, der seinem Vater, einem stolzen Maurer, beichten musste. In der Relegation deckte er Dächer; er hat eine gute Zeit, die nach einem Jahr zu Ende war. Er lieferte beim Bauleiter einen Kasten Bier und eine Flasche Schnaps ab und erhielt im Gegenzug die Erlaubnis, sich seine Beurteilung selbst schreiben zu dürfen.

Dann durfte er fertigstudieren. Als Bauleiter in Hellersdorf hatte er sogar Telefon. 

Helden wie wir

Wir wussten, diese Bilder werden Europa verändern: Im Herbst 1989 tricksten Siegbert Schefke und Aram Radomski die Stasi aus und filmten heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Die Macht der Bilder - Die Kamera als Kalaschnikowa einer friedlichen Revolution - Gestern Abend sprach Annette Maennel im Berliner Hauptstützpunkt der Heinrich Böll Stiftung über ein antikes Beispiel für Empowerment.  

Als die Angst die Seite wechselte - und die Macht ihrer Ohnmacht gewahr wurde, hielten Siegbert Schefke und Aram Radomski den historischen Augenblick fest.

Sie kommen beide aus dem Osten und das verbindet. Moderatorin Annette Maennel meißelt an dieser Feststellung. Sie gefällt ihr, ich spüre die Rührung aus einem Impuls unmittelbarer Nähe, der früher einmal überall hin hätte führen können.

Doch ist früher lange vorbei.  

Maennel ist eingesprungen. Eine Kollegin konnte nicht. Zuständigkeit ergibt sich aus biografischen Umständen:

„Ich komme aus Leipzig.“

Das heißt, ich war dabei, als ein Regime von der Macht getrennt wurde und die Angst auf die andere Straßenseite wechselte.

Wenn Mächtige es mit der Angst zu tun bekommen, sind ihre Machtbehauptungen nur noch Makulatur. Sechstausend Mann unter Waffen warteten in den Zufuhrgassen der Revolutionsmagistrale auf den Befehl zum Angriff auf die Renegaten nicht nur mit Händen und Füßen und armseligen Festhaltegriffen, sondern mit heißem Besteck, wie man anderswo sagte, mit Feuer und Schießschwert für den realsozialistisch auf den Hund gekommenen Staat.

Ich weiß nicht mehr, bei welcher Demonstration die Zahl sechstausend eine mythische Dimension bekam. Bevor Zahlen zu statistischen Größen regredieren, werden sie erst einmal zu Symbolen. Auch die Bürgerrechtsbewegung operierte mit hochgerechneter Mannschaftsstärke, sobald es darum ging, die Fulminanz des Protests in einer Legende zu etablieren.    

Schefke und Radomski diskutierten im Glockenturm einer Leipziger Kirche über eine Zahl, die sie im Geleit ihrer Aufnahmen zu kolportieren gedachten. Sie entschieden sich für Siebzigtausend, um der Sache das richtige Gewicht zu geben.

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