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24.11.2019, Jamal Tuschick

Kindheit in einem besetzten Land - Elilta Mesmer erinnert sich

Gezana

Wir sind evangelisch, meine Mutter hat uns in tiefem Glauben erzogen. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie in der ersten Zeit nach der Ermordung meines Vaters zum Beten vor die Tür ging, um Steine in den Himmel zu werfen.

Elilta Mesmer

Aus dem im Mainlabor erstmals in Fortsetzungen veröffentlichten Roman von Elilta Mesmer:

An einem heißen Nachmittag im Oktober 1978

Meine vierjährige Schwester und ich sollten uns hinlegen, wie jeden Tag um diese Zeit. Ich war nur ein Jahr älter, fühlte mich jedoch zu alt für den Mittagschlaf und diskutierte täglich auf das Neue. Meine Mutter blieb unbeeindruckt. Sie sagte, ich solle jetzt ruhig sein und schlafen. Dann machte sie unsere Schlafzimmertür, die direkt zum Hof führte, hinter sich zu. Sie machte Feuer und setzte den Tonkrug auf, den sie sich schon für ihren nachmittäglichen Kaffee vorbereitet hatte. Die Aromen frisch gerösteten Kaffees breiteten sich in unserem Zimmer aus. Mit dem Duft in der Nase und dem Frust einer Fünfjährigen, die sich nicht ernstgenommen fühlt, schlief ich ein.

Meine Mutter war Lehrerin an einer evangelischen Schule. Sie hatte einen anstrengenden Tag und genoss die einkehrende Ruhe. Während der Kaffee über dem Feuer sein eigenes Schicksal zu haben schien, band sie ein Mokombia aus Palmblättern. Mokombia bezeichnet einen traditionell-dekorativen Korb. Meine Mutter entschied sich für die Farben des Widerstandskampfes der EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front). Blau steht für den Himmel, grün für die Erde, rot für das Blut der im Krieg Gefallenen. Der gelbe fünfkantige Stern steht für die Naturressourcen, seine Kanten symbolisieren Gleichheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit, Einheit und Wohlstand.

Aromaorgie

Meine Mutter arbeitete seit mehreren Wochen an der Sache. Sie genoss den Fortschritt und erfreute sich an der allmählichen Formvollendung. Die Arbeit näherte sich dem Ende.

Kraftvoll zog meine Mutter am gelben Faden. Der Kaffee kochte auf. Sie legte das Mokombia auf die Seite, goss Kaffee in eine Tasse und wieder zurück in den Tontopf. Dreimal ließ sie den Kaffee „aufstoßen“, so sagt man in Eritrea, wenn der Kaffee aufkocht und hochkommt. Jedes Mal fing sie den überlaufenden Kaffee mit einem Behälter auf und goss ihn wieder zurück. Dann löschte sie das Feuer aus und überließ es dem Kaffee, sich in einer Aromaorgie zu setzen. In der Zwischenzeit flocht sie weiter. Ich glaube, in dieser Konstellation erfüllte sich, was meine Mutter unter Ruhe und Freizeit verstand.

Lieber Herr Tuschick,

Kaffee ist ein Zentrum meines Lebens. Den Duft von frisch gerösteten Kaffeebohnen liebe ich heute noch sehr.

Zeremonie und Ritual

Wenn es irgendwo eritreischen Kaffee gibt, suche ich stets einen Platz nahe der Person, die den Kaffee zubereitet. 

Ein Lied, dass mir aus meiner Kindheit in Erinnerung blieb, heißt Gezana.

Gezana heißt unser Haus. Die Verse verherrlichen das Geburtshaus des Sängers. Er memoriert seine Kindheit und spricht von seiner Sehnsucht.

Magische Kaffeemomente

Herr Tuschick,

Sie fragen nach meiner Kindheit. Da ist sie. Meine Kindheit steckt ist in diesem Lied. Sie wird für mich begreiflich in gewissen Konstellationen – in magischen Kaffeemomenten. Ich bin so froh, dass Sie mich danach fragen.

Ornament und Religion

Ich erinnere mich an eine Teppichillustration. Das Stück lag im Schlafzimmer meiner Mutter und zeigte Jesus mit einem Schaf auf dem Arm, umringt von Schafen. Ich assoziiere die Szene mit meiner nächtlichen Angst. Die Maserungen im Holz des Kleiderschranks hatten Muster, die mir nachts wie monströse Gesichter erschienen. Nachts hätte ich es nie gewagt, den Jesusteppich anzuheben.   

Wir sind evangelisch, meine Mutter hat uns in tiefem Glauben erzogen. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie in der ersten Zeit nach der Ermordung meines Vaters zum Beten vor die Tür ging, um Steine in den Himmel zu werfen. 

Ein weiteres wichtiges eritreisches Lied: oft sang meine Mutter mit ihren Kindern: Jifetweka Jesusey. Ich liebe dich, mein Jesus. Manchmal war es tröstend, aber oft fragte ich mich, warum ich Jesus lieben sollte. Es gab da eine Plausibilitätslücke, die, bei Licht betrachtet, schon so etwas wie eine Krise war. Einerseits war der Glaube zwingend und Gott eine Realität. Andererseits ließ sich nicht immer erkennen, dass Gott auf unserer Seite war. Wir lebten in einem besetzten Land. Wir waren Deklassierte in unseren eigenen Häusern. Ich weiß nicht, ob Sie sich das wirklich vorstellen können. Sie gucken so verständnisvoll. Vielleicht wollen Sie ein Nickerchen machen.   

Bald mehr.  

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