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25.11.2019, Jamal Tuschick

Auch die Forschung betrachtet den islamischen Antisemitismus als Folge der israelischen Staatsgründung. Dieser These widerspricht Matthias Küntzel in seiner historischen Bestandsaufnahme „Nazis und der Nahe Osten“. In einem Vortrag an der Berliner Humboldt Universität regte er eine Revision „unseres Blicks auf den Nahostkonflikt“ an.

Keine Folgeerscheinung

In „Nazis und der Nahe Osten“ untersucht Küntzel ein Phänomen des 20. Jahrhunderts: die Verkopplung zweier antisemitischer Modelle, die zum islamischen Antisemitismus führte. Zum Gründungsmanifest des islamischen Antisemitismus erklärt Küntzel die 1937 in Kairo erstmals publizierte Schrift „Islam und Judentum“. Darin wird der Judenhass im Koran als religiöses Kernstück verankert.  

„Ein Konflikt um Land wird auf einer ideologischen Folie“ verschärft.

Das erklärte Küntzel in einem Vortrag an der Humboldt Universität zum Kern einer neuen Lesart.

Zum historischen Abriss nach Küntzel

Dem Israel-Palästina-Konflikt prägen sich toxische Muster und die Tendenz zur Unversöhnlichkeit bereits vor dem II. Weltkrieg ein: und zwar auf der Basis europäischer Interventionen. Bis dahin entfalten „anti-jüdische Invektiven im Koran“ keine besondere Virulenz, so Küntzel am Katheder. Die muslimische Majorität erhebt sich gleichsam gewohnheitsrechtlich in einem keineswegs mörderischen Herabsetzungskontext über die Juden, bevor eine Verkopplung zweier antisemitischer Modelle zu einem militant islamischen Antisemitismus führt. Als Gründungsmanifest des islamischen Antisemitismus begreift Küntzel die 1937 in Kairo erstmals publizierte Schrift „Islam und Judentum“. Darin wird der Judenhass im Koran als religiöses Kernstück verankert.  

Das Manifest von Kairo etabliert eine Reihe ahistorischer Stereotypen. Es kreiert einen geliehenen Begriff von Feindschaft zwischen Muslimen und Juden, der nicht aus der nordafrikanischen und vorderasiatischen Geschichte, sondern aus der nationalsozialistischen Ideologie geschöpft ist.

Küntzels Credo: „Die Araber (der Nakba-Ära) sind Anti-Israelis, weil sie vorher schon Antisemiten waren.“

Vordenker des Islam verkünden bereits in den Dreißigerjahren: Die Palästinafrage entscheidet über das Überleben des Islam. So mobilisiert man die „arabische Straße“ und „stachelt Millionen Analphabeten“ auf“. Ohne die angedeutete Amalgamierung gäbe es das Ermächtigungspotential nicht.

Räumlicher Ausgangspunkt der großen Umdeutung ist ein Ortsteil von Königs Wusterhausen namens Zeesen. Da steht von 1929 bis 1945 eine Funkfiliale. Ihre Tannenbaumantennen strahlen bis nach Zentralafrika aus. Antisemitische Propaganda auf Arabisch ist ein Herzstück der Kriegsführung „mit Radiowellen“. In Deutschland ruft man zum Dschihad auf und verbreitet indes die Legende, der Aufruf erfolge aus Kairo und entspreche einem ägyptischen Originalerzeugnis, während in Wahrheit eine Orientkommission mit manipulativen Kategorien experimentiert. Man spekuliert auch deshalb auf Massenwirksamkeit, weil Radiohören keine private, sondern eine gesellschaftliche Angelegenheit ist. Diesen Umstand macht sich zuerst Mussolini zunutze, indem er arabische Cafés flächendeckend mit Radioapparaten ausstatten lässt, deren Empfangsbereich eingeschränkt ist.

Alle hören nur Radiobari.

Die Auslandssendungen inkorporieren die faschistische Ideologie mit dem Ziel, den Holocaust zu exportieren. Auf einem Vorfeld wird „der volkstümliche Antisemitismus“ angereichert. Er nimmt nebenbei Judenhassmaterial auf und verändert sein Profil unmerklich. Den Antizionismus transportiert ein Vokabular, auf das Nazigegner nicht automatisch allergisch reagieren.

„Der Antisemitismus geht weit über den Faschismus hinaus“, sagte Küntzel im Hörsaal 2002. Man habe zunächst und außerdem eine antijüdische Lesart des Koran an eine „genozidale Rhetorik“ herangeführt. Die Ladung ließ sich mit und ohne antifaschistische Reserve zünden.  Von daher „ragt ein Stück NS-Geschichte in unsere Gegenwart hinein“, über dass bislang nur Küntzel ausführlich spricht.

„Im linken Blick liegt immer noch die Karl-May Perspektive.“ … Dazu bald mehr.

Aus dem Verlagsprogramm

1937 kam mit der Broschüre „Islam und Judentum“ eine neue Form von Judenhass in die Welt: der islamische Antisemitismus. Die Nationalsozialisten taten alles, um diese neue Hassbotschaft mithilfe ihrer arabischsprachigen Radiopropaganda zu verankern. Das Buch beleuchtet dieses bislang unbekannte Kapitel deutscher Vergangenheit. Es präsentiert neue Archivfunde, die belegen, wie sich das Judenbild im Islam zwischen 1937 und 1948 unter dem Einfluss dieser Propaganda und sonstiger Nazi-Aktivitäten veränderte.

Dieser neue Blick auf die Nahostgeschichte ermöglicht eine präzisere Beurteilung der Gegenwart: Was genau ist „islamischer Antisemitismus“? Wie tritt er gegenwärtig in Deutschland und Frankreich in Erscheinung? Was macht ihn besonders gefährlich?

Erst wenn wir begreifen, wie stark die moderne Nahostgeschichte von den Nachwirkungen des Nationalsozialismus geprägt ist, werden wir den Judenhass in dieser Region und dessen Echo unter Muslimen in Europa richtig deuten und adäquate Gegenmaßnahmen entwickeln können.

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