MenuMENU

zurück zu Main Labor

26.11.2019, Jamal Tuschick

Die Wahrheit hat es schwer im „Spiegel“ ans Licht zu kommen. Wer gut aufdeckt, kann auch gut verdecken. Ulrich Fichtner, für Juan Moreno der Mann im „Spiegel“, unterstellt dem Kollegen niedrige Beweggründe. Er zieht ihn erst grob und dann subtil in den Dreck; so sehr widerstrebt es ihm, Claas Relotius mit aufgeklärten Augen zu sehen. Gleichzeitig suggeriert er Gewissenhaftigkeit und verlangt, dass Moreno „einfach mal alles hinschüttet“, was er auf der Pfanne und noch im Horn hat, um das so trappermäßig zu erzählen, wie es sich zugetragen hat.

Höflich und fundiert

Juan Moreno hat in Hamburg keine Lobby. Claas Relotius legt eine Geschmeidigkeit ohne Beispiel an den Tag. Die Rednecks, auf die sich Moreno und Relotius gleichermaßen berufen, sind keine große Hilfe. Ich glaube, der Mond erschiene ihnen vertrauter als so eine hanseatische Redaktion jenseits des Atlantiks. Und dann streikt auch noch „das Personal der Deutschen Bahn“.

Nein, es sieht nicht gut aus für Moreno. Relotius lässt sich nicht stellen. Er rutscht nicht aus auf dem Parkett der Peinlichkeit.

„Wo einer seiner Stärke weiß, da kennt er keine Scham.“ Walter Benjamin

Moreno fragt sich: „War das alles Mut, Selbstvertrauen, Ignoranz, Hybris?“

Ich glaube, das Konzept der unterkühlten Abwehr, die als Kaltschnäuzigkeit wahrgenommen wird, liegt in unserer Natur. Sobald wir unter Druck geraten, offeriert uns eine freundliche Bodenstewardess die Option Flucht. Ziehen Sie das Ticket einer Veränderung.

Wer Jean Morenos „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ liest, erkennt, dass auch Relotius zuerst die Chancen der Vermeidung zu nutzen versuchte. Vermutlich unterschätzte er den Stress, den Morenos inkriminierende Äußerungen bereits in der Konfliktfrühphase auslösten. Wer will schon um einen Betrüger geworben und gern mit ihm in der Kantine geschnackt haben. Ich rede von all den Leuten, die Wert auf Relotius‘ Anerkennung legten; die geschmeichelt waren, wenn sie sich angemessen angesprochen fühlten; die stolz auf einen selbstverständlichen Umgang mit dem Starreporter waren. Ich behaupte, noch bevor das erste einschlägige Gerücht die Runde gemacht hatte, gab es bereits eine Unterströmung, die für Moreno zum Wasser des Grauens werden sollte.

Relotius unternahm Recherchereisen zu seinen Erfindungen. Er baute seiner Phantasie komplizierte Abdeckungen. Vielleicht wäre es manchmal leichter gewesen, journalistisch auf den Punkt zu kommen. Vielleicht kommt eine Zeit, da man alles bieder und gewöhnlich finden wird, was brave Spiegelredakteure einst in die Welt gesetzt haben. Allein Relotius erscheint dann genial. Was der mit dem Magazin gemacht hat. Wie er es einzusetzen wusste als literarisches Futteral und sowieso für seine Zwecke.

Relotius zeichnet die Bereitschaft aus, ungewöhnlichen Aufwand zu treiben.

In gewisser Weise krankt/krängt Moreno an der Originalität des anderen. Er ist der schlechtere Schüler, der es besser weiß. Was niemand will. Niemand will sich von Moreno etwas sagen lassen.

„Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt.“

Vermutlich bedurfte es eines Außenseiters, der sich selbst mit Schnellschüssen in Schwierigkeiten gebracht hatte und den niemand am Trog halten wollte, um Relotius auch nur zu erkennen. Alle anderen wähnten sich ja auf einer Linie mit dem angehenden Ressortleiter. Relotius wäre in dieser Rolle kaum noch zum Schreiben gekommen. Seinen Fälschungen stand eine Karriere als Denkmäler bevor.

Links: Vor der Santa María la Real de La Almudena. Rechts: Magritte im Museo Reina Sofia

„Kümmern Sie sich vor allem um die Sachen, die funktionieren.“

Das rät Ronan Farrows Chef Noah Oppenheim und kontaminiert den Schlag mit einer schwulenfeindlichen Invektive. Zugleich wirft er dem jungen Investigator vor, auf seiner Mission gegen Harvey Weinstein übers Ziel hinaus zu schießen.

„Sie sind zu nah an dieser Sache dran.“

Er unterstellt Farrow unlautere Motive und, wenn ich das richtig lese, eine unangemessene Hartnäckigkeit. Oppenheim psychologisiert perfide.  

...

Es kommt der Tag, da verliert Farrow die Unterstützung seines Arbeitgebers NBC.

„Er steht mit dem Rücken zur Wand und hat eine Menge zu verlieren … Es wird Krieg geben.“

Höflich und fundiert

In einer Geschichte von Claas Relotius betreibt eine Amerikanerin Exekutionstourismus in ihrem Land. Sie fährt von einer Hinrichtung zur nächsten und verhält sich unterwegs so unwahrscheinlich, dass es in Deutschland eine Studienrätin nötig fand, Relotius höflich und fundiert auf ihre Zweifel hinzuweisen. Relotius gelang das Kunststück, auf dem Sockel solider Skepsis ein Denkmal der Genauigkeit zu errichten. Er konterte den Angriff mit einem Konsortium aus Links und Querverweisen.

Er lieferte ab, wie man unter Journalisten sagt.

Die Rechtfertigung bestätigte seinen Rang. Die Studienrätin gab sich überzeugt geschlagen. Ihre Einwände landeten in der Schublade mit den zurückgewiesenen Unterstellungen. Dann flog der Schwindel auf, und Relotius sah sich genötigt, ganz anders Rede und Antwort zu stehen.

Man muss den Lügner erkennen, um die Lüge zu sehen.

Relotius hatte die Geschichte mit einem Foto beglaubigt. Angeblich zeigte es die vigilante Halsgerichtsordnungshüterin.

Also fragte man in der Redaktion: Wer ist das auf dem Foto, wenn es doch diese Person in der Geschichte gar nicht gibt?

„Irgendjemand“, antwortete Relotius in der Darstellung von Juan Moreno. Zitiert aus „Tausend Zeilen Lüge. Das System (Claas) Relotius und der deutsche Journalismus“.

Ich finde, in diesem irgendjemand steckt alles: das ganze Molly Bloom’sche Er/Sie so gut wie jede(r) andere.

Befragte Bekannte des hochgegangenen Reporterdarstellers Relotius erinnern einen blassen, allenfalls blass-blasierten Zeitgenossen, der ungern widersprach und seinem gewaltigen Prestige kaum Geltung verschaffte.

Gleichzeitig beschreibt Moreno den Scheinkollegen als aggressiven Lügner, der sich mit unredlichen Mittel strategisch Vorteile verschaffte, dabei aber den Eindruck somnambuler Nachlässigkeit verbreitete.

Moreno erklärt Relotius‘ Erfolg zu einem Produkt der Skrupellosigkeit und des Kalküls; im Engtanz den Schweiß der Ruchlosigkeit verströmend. Angeblich hatte Relotius keine politischen Überzeugungen. In konservativen Publikationszusammenhängen lieferte er, was rechte Redakteure gebrauchen konnten, und so verlief er sich auch nicht in linken Fluren. Nichts soll ihn mit der Sache, dem Journalismus, verbunden haben. Er habe sich mit den Leitlinien seines Metiers nie verbunden gefühlt.

Warum konnte Ronan Farrow Harvey Weinstein in Schwierigkeiten bringen?

Ich will die Frage heute nicht beantworten. Ich stehe unter dem Eindruck einiger ausführlicher Aufdeckungen. Zweifellos hat Farrow das größte Kaliber gegen sich in der Verlaufsform seiner Schilderung. Er spricht mit dem Kollegen Ben Wallace, dessen investigative Reise ans Ende von Weinsteins Nights in white Satin eben nicht mit einem Durchbruch, sondern mit Abbruch endete. Wallace will kein schlechter Verlierer sein. Er schält für Farrow die Konturen eines Mannes mit olympischer Machtfülle aus künstlichen Nebeln.

„Sobald (Wallace) etwas in Erfahrung gebracht hatte, schien Weinstein davon zu wissen.“

„Jeder war ein Doppelagent.“

In Umkehrung eines Wortes von La Rochefoucauld sind alle Kopien schlecht, die von einem guten Original abgezogen wurden. Der Hochstapler Relotius vergriff sich an Spitzenprodukten seines Fachs. Er fälschte auf einer Folie der Wahrheit.

Warum erkannte niemand die Mäßigkeit seiner Arbeit?

Narrative Sülze wirkt in der Kombination mit einer glaubwürdigen Wahrheitsbehauptung so anziehend wie das alltäglichste Angebot in einer gekonnt ausgeleuchteten Fleischtheke auf Nicht-Vegetarier*innen. Die Wahrheitsbehauptung verleiht abgegriffenen Wendungen und verbrauchten Formulierungen eine merkwürdige Rasanz. Gefühlvoll Klapperndes und eine abgestandene Intensivität beglaubigen die Recherche in einem magischen Vorgang. Eine als beste Reportage des Jahres ausgezeichnete Geschichte fiele in einem literarischen Zusammenhang wahrscheinlich durch.  

Das war mal anders. Marie-Luise Scherer veröffentlichte vor Jahrzehnten im „Spiegel“ ein unendlich gut geschriebenes Porträt über einen, der beides war: reich und begabt. Keinem fiel auf, dass die von Old Augstein bewunderte Autorin den Surrealisten Philippe Soupault in einem Altenheim besucht hatte. 

Heute würde man ihr die Diskretion nicht mehr durchgehen lassen. Das heißt, die Stücke müssen so klappern wie ein echter Relotius. Im Journalismus verhält sich der Inhalt zur Form wie das Schnitzel zur Panade. Schreibt der Wirt „Wiener Art“ auf die Karte, rechnet er vielleicht damit, dass sich der Unterschied zum „Wiener Schnitzel“ dünn macht. Denkt man den von jeder Arglist freien Biedersinn in die andere Richtung, begreift man überhaupt erst den Mangel an Unrechtsbewusstsein, für den Relotius über Nacht sprichwörtlich wurde.

Man träumt von einem Shakespeare-Reporterstück, in dem die höhere Wahrheit der Kunst von Rechercheergebnissen hieb- und stichfest bestätigt wird. Etwas, dass alle Erwartungen überframt, weil es alle Erwartungen bestätigt – weil es direkt aus der Pipeline des Lebens kommt. Nichts ist so heiß wie die Wahrheit.

Die Vermeidung der Wahrheit ist keine Kleinigkeit. Sie verlangt den Aufwand einer Insolvenzverschleppung. Ich habe Leute beobachtet, die sich in der Vermeidung ihrer Arbeit bis zum Burnout verausgabt haben. Hätten sie nur ihre Arbeit gemacht, wären sie bei Weitem nicht so strapaziert worden.  

Relotius produzierte von jeder Geschichte zwei Versionen. Nicht weniger wichtig und im Einzelnen sogar aufwendiger als die publizierte Fassung war der redaktionelle Teil: die Story für die Kolleg*innen. Juan Moreno legt wieder und wieder den Finger auf die Wunde der unerlaubten Arglosigkeit.

Wie kann man als Journalist, der den Hasen so oft laufen sah, sich so hinters Licht führen lassen, wie es die größten Kaliber sich nachsagen lassen müssen?

Perfekte Performance

Juan Moreno hat nichts Belastbares gegen Claas Relotius in der Hand, als er, gemeinsam mit dem Fotografen Mirco Taliercio, von Las Vegas nach Arivaca fährt. Das Kaff an der mexikanischen Grenze lieferte 2006 einer Geschichte den Titel (als Gipfel der Lakonie), die genauso reißerisch geschrieben ist wie die hochdekorierte Relotiusreportage an sich. Moreno steht unter Druck. Er recherchiert um sein Leben, wenigstens um seine soziale Existenz. Er muss beweisen, was zu behaupten er sich erst einmal besser verkniffen hätte: dass Relotius kein Reporter, sondern ein Produzent von Simulationen ist. Allgemein herrscht die Neigung vor, einschlägige Indizien zu ignorieren; Relotius erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen perfekt. Die Performance stimmt, er ist das, was gebraucht wird: groß, schlank, zurückhaltend, freundlich und der Konkurrenz um Lichtjahre voraus.

Jean Moreno, „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, 285 Seiten, 18,-

Wir tendieren alle dazu, mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten unserer Lieblingsdönerbude wahlweise Insane-Sushi-Instanz so wie unserem Stamm-Späti die Treue zu halten. Wir sympathisieren mit uns selbst wegen unserer Bodenständigkeit und Geschmacksoriginalität, und weil wir trittsicher Typen und Bars zu schätzen wissen, die von jeher nur unter Kennern richtig gewürdigt werden. Ornament & Verbrechen: sobald es Nacht wird in Berlin, kennen wir die Kriterien.

Wir wissen, wer voran geht und wer hinterher.

Relotius ist die Herzdame im Spiel; eine bezaubernde Erscheinung. Ihre gute Figur macht sie unter allen Umständen. Sie versagt nicht an der Front des richtigen Zungenschlags. Sie versäumt nicht zu lächeln, wo es angebracht ist, um bei passender Gelegenheit ansprechend abwesend zu wirken.

Relotius reagiert solvent auf den Zustand der totalen Veräußerlichung. Anders gesagt, er lässt sich lange nicht erwischen.

Erschütterungen der konstituierenden Faktoren erschüttern die eigene Wenigkeit. Weil niemand erschüttert werden will, reagieren alle auf Verwüstungen, als seien sie Sehenswürdigkeiten einer teuer gebuchten Reise. Auf diesem Ticket reist Relotius. Er weiß, dass man ihm unbedingt Glauben schenken möchte.

Arivaca, Arizona

  1. April 2006, 14:00 Uhr/Editiert am 15. Oktober 2006, 9:13 Uhr/Quelle: DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15

„Die Jagd beginnt, als das letzte Büchsenlicht stockfinsterer Wüstennacht weicht. Aus dem Funkgerät schallt ein Halali: "Ein Dutzend Illegale an Posten fünf gesichtet, flüchten nach Süden." Joe Ziretta richtet sich kerzengerade in seinem Campingstuhl auf. Posten fünf ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Werden die Einwanderer nun versuchen, bei ihm, an Posten drei, durchzukommen ins Gelobte Land? Ziretta starrt in sein Nachtsichtgerät, das vor ihm auf einem Dreifuß steht. Für 1000 Dollar hat er es bei eBay im Internet gekauft. Dieselbe Qualität wie bei der US-Armee im Irak. Überhaupt ist Zoe Ziretta generalstabsmäßig auf die "Operation Grenzsicherung" vorbereitet. Neben dem Campingstuhl stehen zwei Gallonenbehältnisse voll Wasser. Taschenmesser und Taschenlampe liegen bereit, auch eine Videokamera, damit er Verhaftungen filmen kann. Seinen gewaltigen Bauch hält ein Pistolenhalfter zusammen, im Gürtel stecken Ersatzmagazine. Sein Auto parkt sichtgeschützt hinter einen Holzhaufen. Ohne zu wenden, kann er notfalls über den Staubweg entkommen.“

Moreno kann sich gerade überhaupt keinen Gefallen tun. Niemand wünscht sich ihn im Recht.

„Der Sohn eines Neapolitaners und der Sohn eines Andalusiers überführen einen hanseatischen Aufschneider.“

Das sagt der Fotograf am Ende einer aufregenden Strecke. Sie beginnt mit einem Sack voll Zweifel, den Moreno in eine „Wüstennichts“ schleppt, wo er den angeblichen Vigilanten Tim Foley in einem Trailer ohne Park außerhalb allen Außerhalbs trifft. An einem Endpunkt von Arizona wurde, so erzählt es Moreno, erst Gold, dann das Glück der Hippies und schließlich schlicht Ruhe gesucht.

„Foley ist freundlich, massiv tätowiert.“

Er verkörpert den Milizionär und Borderliner. In Foleys Gesellschaft lernt Moreno einen Spanier kennen: Lorenzo Murillo. Der Mann beherrscht die Madrider Mundart und lässt sich nicht in die Karten gucken.

„Ich ahne … nicht, dass er noch wichtig werden würde.“

Die Hamburger Hinrichtung

Vielleicht gab es einen Augenblick, in dem Redakteure den Ruf des „Spiegels“ am liebsten auch gegen die Wahrheit verteidigt hätten, während Claas Relotius um sein Leben log. Bevor Juan Moreno den Starreporterdarsteller enttarnte, stand er eine Weile allein auf dem Beziehungs- und Karriereflur. In meiner Kindheit kursierte der Spruch: Du kannst dir ein Schnitzel an die Backe tackern, dann spielt vielleicht ein Hund mit dir. So muss er sich gefühlt haben, der auf halbem Weg steckengebliebene Aufsteiger mit Migrationshintergrund, den man gern einsetzte, wenn Einwanderer zu befragen waren. Der Juan kann gut mit denen. Das war bekannt.

„Moreno ist kein Preispferdchen! Relotius ist das, was der Spiegel wollte. Und Moreno spielt die Putzfrau vom Dienst.“ Aus einem Kommentar zum folgenden Video

Eingebetteter Medieninhalt

Er fühlt sich professionell in Frage gestellt und menschlich zur Null gestempelt. Moreno demontiert das Christusvertrauen, mit dem „Spiegel“-Redakteur Matthias Geyer fernmündlich seiner Edelfeder Claas Relotius die Stange hält. Der Vorgesetzte unterstellt dem Intervenierenden unlautere Absichten.

Moreno sei vom Neid entzündet. Er gefährde den „Redaktionsfrieden“.

Geyer möchte Morenos Zweifel an der Echtheit jener Geschichte, die Relotius Hochstaplerkarriere beenden wird, am liebsten gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Er macht den Bock zum Gärtner und schlägt den Boten.

„Juan, das ist eine Hinrichtung.“

Zwar gibt es zwei Möglichkeiten, doch steht außer Frage, wen Geyer hängen (sehen) will.

Moreno bittet um eine Audienz in der Residenz. Er fährt nach Hamburg mit dem Gefühl, sein Leben bereits zerstört zu haben.

„Die Branche ist klein und sehr geschwätzig.“

Bisher war Moreno ein Hecht, auf den kein Hai scharf war. Jetzt ist es anders. Moreno erlebt sich „als die schrecklichste Version seiner selbst“.

„Ich war wie ein Tier, dass angeschossen worden war.“

*

Nora Bossong erzählt in „Schutzzone“ von einem UNO-Mitarbeitersport. Man schmuggelt das Wort „Nilpferd“ in einen Text, in dem es nichts verloren hat, und spekuliert darauf, wie viele Abzeichnungsinstanzen es durchläuft, bevor jemand das Nilpferd in seiner unpassenden Umgebung entdeckt. 

*

Relotius bringt ganze Herden in seinen Texten unter. Er hat tricksend angefangen. Ihm fehlen die Erfahrungen einer beschämenden Entwicklung und inneren Kurskorrektur. Vermutlich belastet ihn keine Korrumpierungsempirie. Moreno nennt Relotius mehrmals einen Lügner; als ergäbe sich daraus ein Alleinstellungsmerkmal. Ich bin mir sicher, dass sich Relotius nicht für verlogen, sondern für clever hielt. Dass er seine Integrität lange nicht von seiner Vorgehensweise angetastet wähnte.

Keine harte Zeit hat Relotius zerschlissen, als ihm Moreno auf die Spur kommt. Als zigfach ausgezeichneter Preisträger ist der Betrüger fett gepolstert. Nicht wenige müssten in sich gehen und sich kritisch betrachten, sollte sich eine vom Status quo abweichende Sicht Geltung verschaffen.

Es gibt die Tendenz an bestehenden Verhältnissen nicht zu rühren. Relotius profitiert von der Neigung zur Vermeidung. Aus Geyers Abfuhr spricht die Angst, der Laden könne ihm (so kurz vor einer Beförderung) und anderen Durchsetzungsfähigen auf seiner Etage um die Ohren fliegen.

Moreno weiß, im Zweifelsfall wird man sich gegen ihn entscheiden und für seinen Gegenspieler Ehrenerklärungen abgeben. Das ist einfacher als einem halben Außenseiter, dem die volle Anerkennung stets versagt blieb (allein darin steckt ein Makel), als Gewährsmann einer unschönen Wahrheit präsentieren zu müssen.

Anders gesagt, Relotius sieht auch besser aus als Moreno; Schönheit und Wahrheit treffen sich in unserer Vorstellung vom Gelingen.  

Bald mehr.

 

Lügner im Hauptberuf

Der Autor wundert sich. Er wundert sich seitenlang über die Ruhe, mit der Claas Relotius dem aufziehenden Sturm begegnet, der ihn wegfegen wird. In seiner Abrechnung „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ spekuliert Juan Moreno über die Gründe der Gelassenheit des großartigen, von der Fachpresse in den Himmel gejubelten Kollegen. Der Glashäusler Moreno zeichnet das Psychogramm …

Eingebetteter Medieninhalt

„Ist unser Geist ruhig, dann ist alles … ruhig.“ Japanisches Sprichwort

Der Autor wundert sich. Er wundert sich seitenlang über die Ruhe, mit der Claas Relotius dem aufziehenden Sturm begegnet, der ihn wegfegen wird. Juan Moreno spekuliert über die Gründe der Gelassenheit des Kollegen. Er zeichnet das Psychogramm eines Zockers. Er nennt Relotius einen Hochstapler. Vor allem jedoch schließt er ihn zünftig aus. Relotius sei nie Reporter gewesen, sondern Lügner im Hauptberuf. Moreno suggeriert, der tief gefallene Vorzeigejournalist habe Geschichten auch ohne Not erfunden. So soll Relotius dem „Spiegel“ gegenüber eine dem Krebstod geweihte Schwester ins Spiel gebracht haben, die es nicht gab.

Jean Moreno, „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, 285 Seiten, 18,-

Für die Erfindung der Schwester findet Moreno keine einleuchtende Erklärung. Seine Einlassungen sind im Ganzen kaum erhellend. Moreno erscheint als Miesepeter, Neidhammel und reizbarer Nebencharakter. Er liefert den typischen Vortrag des ewig zurückgesetzten, nie fest angestellten, nie vom Glanz einer perfekten Story illuminierten, nie an eine Führungsbrust gezogenen, seinen Beruf mit Klischeebegriffen feiernden, stets von unten nach oben guckenden Zeilenapostels. Im konkreten Fall dieser Abrechnung mit einem begnadeten Reporterdarsteller sinkt er noch tiefer bis auf das Niveau eines Füllselproduzenten, der den klärenden Text nicht liefern kann, weil alles klemmt. Der Leser braucht Stehvermögen, um auf Morenos unterschwelligen Jammerton nicht enerviert zu reagieren.

Stets auf der Suche nach der Story mit der Zugkraft eines Symbols

Der Hauptskandal besteht darin, dass die Spiegel-Sicherungen nicht aus ihren Fassungen geplatzt sind. Die in absurder Fülle ausgezeichneten Seifenopern des Claas Relotius spiegeln ein bundesrepublikanisches Selbstverständnis, das weit über den Journalismus hinausgeht. Man will glänzen, ohne etwas zu riskieren.

Relotius verkörpert einen Prototyp der Vermeidung. Sein Kitsch konnte nur deshalb Furore machen, weil sein Eskapismus dem Verhalten vieler gleicht. Man erschöpft sich in der Auswertung von Sekundärquellen, vertraut auf Hörensagen und nimmt das Gerücht für bare Münze.

Moreno hat nichts (mehr) zu sagen, was substanziell über das im Tagesgeschäft längst Abgebaute hinausgeht. Seine Rechercheleistungen sind bereits vergoldet worden. Das Buch trödelt den Ereignissen hinterher.

Moreno erzählt, wie er Relotius‘ gedruckten Lügen auf die Spur eines Nachweises kam, indem er Namen in Suchmaschinen eingab. Ich komme darauf zurück.

*   

In ihrer akademischen Abrechnung „Das Licht, das erlosch“ finden die Soziologen Ivan Krastev und Stephen Holmes keine Erwartung gründlicher enttäuscht als die Vorstellung, der (ab Neunundachtzig) eingenommene Osten verhielte sich wie die arme, aber willige Blumenmädchen Eliza Doolittle in G.B. Shaws Lehrstück „Pygmalion“ und übe gegenüber dem selbstherrlichen Professors Henry Higgins aka Mister West Ergebenheit. Stattdessen „bekam die Welt eine Bühnenfassung von Mary Shelleys Roman Frankenstein zu sehen“. Während sich der Osten in langen Linien als anti-neoliberales Bollwerk etabliert und auf unerwartete Weise angreift, rennt der globale Süden wie von der Tarantel gestochen auf die Hotspots des westlichen Wohlstands zu. Ihn agitiert primär nicht die Kritik an einer in amerikanischen Hochschulen vorbereiteten, modellhaft-menschenverachtenden Politik, sondern die Aussicht auf Teilhabe an den Resterampe-Angeboten der Überflussgesellschaften.

Alles gegenwärtig Grundsätzliche vollzieht sich in diesen beiden Stimmungen zum Nachteil saturierter Sieger. „Jaegers Grenze“ - In der Geschichte die Claas Reloitus zu Fall brachte, erzählt ein militanter Schreiner, der seinen richtigen Namen preisgibt, oder vorgibt, ihn preiszugeben, von diesen großen Bewegungen auf seine Weise. Chris Jaeger erscheint als bis auf das Fundament seiner Persönlichkeit enttäuschter Rächer einer (politisch verratenen) gerechten Sache.

Sein Idol ist der Anti-Politiker Trump, der, so sagt es Bob McKibben, Präsident wurde, um aus dem Amt Kapital zu schlagen und seine Buddies so reich wie möglich zu machen. Trump zeigt dem Volk prophetisch den Finger. Er weist damit gen Süden, wo die Armut mit den Füßen scharrt.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen