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26.11.2019, Jamal Tuschick

Hawk heißt von Haus aus Herbert. Der Held in Sonja M. Schultz‘ Roman „Hundesohn“ zählt zur Riege der glücklichen Verlierer. Das ist eine zu selten besungene Variante.

Matte Reue

Mit fünfzehn entgeht Hawk häuslicher Gewalt in ein Seemannsheim. Bald beherrscht er den Sankt-Pauli-Nachtjargon. Ein Mentor stellt sich mit Lob und Tadel ein. Pik-Johnny zeigt dem Novizen der Nacht, „wie man (richtig) aus der Deckung kommt“. Über dem Boxkeller wabert der Heißmangeldampf einer Chemischen Reinigung.

Sonja M. Schultz, Hundesohn“, Roman, Kampa Verlag, 314 Seiten, 22,-

Als linksauslegender Boxer ist Hawk kurz vielversprechend. Pik-Johnny weiß, dass Linkshänder auf der Straße länger überleben. „Mach deine Linke zum Hurricane“, rät er Hawk. Irgendwann bricht der aufsteigende Ast. Vorübergehend beteiligt sich Hawk an „modrigen (Knast-)Gesprächen über Frauen“, geführt von Männern mit „ausgebombten Gesichtern“.

Auf den Knast folgt ein Kiez-Verbot. Nun führt Hawk das Leben eines Verbannten. Nach einem Attentat auf seinen Alfa macht er sich noch einmal gerade. Aus einer Provinzdiaspora kehrt er geradewegs zurück in jenes Hamburger Nachtjackenrevier, in dem er gewogen und für zu leicht befunden wurde.   

Hawk sei als „Kleinkrimineller fix und fertig in ihr“ zur Welt gekommen.

Das erklärte die Autorin bei einer Lesung. Hawks Charakter habe sich nicht modellieren lassen. „Dankbar“ fand Schultz das Milieu an der Wasserkante, aus dem Hawk als kleiner Fisch zappelnd herausgezogen wurde. Die Autorin diagnostizierte ihrem Helden eine „unzuverlässige Selbstwahrnehmung“.Hawks „toxische Männlichkeit“ stelle niemanden vor größere Probleme als ihn selbst. Der Selbstbegnadigung zur Hilfe eile die Vergesslichkeit. Auch Alkohol hülfe beim Ausbau einer Scheinrealität. Der Süchtige „vergisst ganze Strenge seiner Biografie.“

Geboren wurde Hawk um das Jahr 1946. Die Autorin legt sich nicht fest. Hawk erscheine ihr retrocharmant als Kind der konkreten Nachkriegszeit, „in einem Westdeutschland ohne mobile Telefone und Internet“.

Sperrig bis zum Schluss

Der Ausgestoßene wagt sich auf das Terrain seiner sozialen Hinrichtung. So beginnt der Roman. Hawk peilt eine Kneipe an. Früher hieß sie schlicht „Keule“. Heute heißt sie Les fleurs du mal

An den Leser (aus Les fleurs du mal – Die Blumen des Bösen von Charles Baudelaire)

In Dumpfheit, Irrtum, Sünde immer tiefer
Versinken wir mit Seele und mit Leib,
Und Reue, diesen lieben Zeitvertreib,
Ernähren wir wie Bettler ihr Geziefer.

Les fleurs du mal - das steht so auf der Säuferampel zum Beweis eines Ehrgeizes, für den der Hamburger Hafen vielleicht doch nicht der richtige Schauplatz ist. Am Kaschemmencharakter ändert die Übernahme des epochalen Titels nichts. Das Sein bestimmt das Bewusstsein; am Tresen verwesen die üblichen Verdächtigen. Daran wird sich nie etwas ändern. Das Personal wechselt, aber das Repertoire steht fest.

 

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