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27.11.2019, Jamal Tuschick

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar. Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

Steingebet – Eine Geschichte von Elilta Mesmer - 5. Folge

Wir sind evangelisch, meine Mutter hat uns in tiefem Glauben erzogen. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie in der ersten Zeit nach der Ermordung meines Vaters zum Beten vor die Tür ging, um Steine in den Himmel zu werfen.

Die Widerstandskämpferin Lula (Mihret) Gherezghiher*.

*Meine Mutter heißt nicht Mesmer, bei uns behalten die Frauen ihren Mädchennamen. Der Nachname ist immer der Vorname des Vaters. Mein Papa hieß Mesmer mit Vornamen.

Vorspann

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, den Film zurückspule, all die Stationen durchlaufe, einen Blick auf sämtliche Höhen und Tiefen werfe und mir die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis rufe, dann gibt es da einen roten Faden. Die Kontinuität lässt sich in einem Wort fassen. Es ist ein Eigenschaftswort, daß mir schon lange allgegenwärtig ist und über das ich ständig stolpere. Es scheint, als klebe es an mir wie Dreck am Schuh. Was auch immer mir widerfuhr, ob in der Konsequenz eigener Entscheidung oder in der Folge fremder Einflüsse.

Es ist maßlos.

Maßlos im Guten und im Schlechten. Die Wut und Zerrissenheit, die mich begleiten, wie auch das Misstrauen, sind maßlos. Die Liebe, die ich zu geben habe, ist ebenso maßlos, wie die, die ich fordere.

Was zuvor geschah

Die Handlung setzt im Oktober 1978 ein.

Mihret, die Mutter der Erzählerin, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Eritreas Hauptstadt Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden.

Mussolinis Traum

Meine Schwester war wieder an meiner Schulter eingeschlafen. Ich vermied jede Bewegung, um Segen in einem Zustand zu halten, der mir Zeit zum Nachdenken ließ. Solange meine Schwester schlief, gehörte ich mir selbst.

Ich war fünf und zerbrach mir den Kopf.

Ich versuchte zu verstehen, was gerade passierte. Der Kutscher pfiff Melodien, die ich nicht kannte. Er ignorierte mich nicht unfreundlich. Heute glaube ich, dass er sich den Schuh der Sorge um uns nicht anziehen wollte. Zweifellos hatte er genug mit seiner eigenen Familie zu tun. Zudem zermürbte ihn die Ohnmacht des Unterdrückten so wie sie alle Erwachsenen zermürbte. Die äthiopische Herrschaft war blasiert. In den Augen der Äthiopier war Eritrea eine aufmüpfige Provinz, ohne Anspruch auf Souveränität. Wir Eritreer litten nicht nur unter einer Okkupation, die sich selbstverständlich als legitim begriff, sondern auch unter institutionalisierten Herabsetzungen, die eine disziplinierende Grundierung hatten.

Der Kutscher warf nur ab und zu einen Blick auf die Kinder in seiner Kutsche.

Die Wahrheit ist, auch wenn ich sie in der Gegenwart von 1978 nicht kannte, daß nicht wenige Eritreer ihr italo-koloniales Erbe glorifizierten, während sie die Dominanz des Nachbarn Äthiopien auf eine idiosynkratische Weise nicht vertrugen.

Asmara gleicht an manchen Stellen einem Architekturmuseum Mussolinischer Sehnsüchte. Die faschistisch-futuristische Moderne hat sich als ästhetische Phantasmagorie in Piccola Roma vortrefflich erhalten. Der große feuchte italienische Traum im Geist des revitalisierten römischen Imperiums hielt sich als Ahnung. Von meiner Ludwigsburger Warte sehe ich - wie ein postumes Menetekel des Scheiterns - die vom Wind bewegte Seide eines von Ästen zerfetzten, in einer Krone zerstört hängengebliebenen Fallschirms – eine Evokation.

Die Schlacht von Adua

Eritrea war im ausgehenden 19. Jahrhundert zum Schauplatz einer forcierten, von neuen Ideen befeuerten, europäischen Politik geworden; während das Kaiserreich Abessinien (Äthiopien) sich von kolonialer Herrschaft heroisch freihielt. 1896 besiegten äthiopische Truppen ein italienisches Expeditionsheer bei Adua. Das Ereignis entfaltete Signalwirkung bis in die Karibik. Es erzeugte den Mythos von einem Kampf mit Speeren und Schwertern gegen Kanonen. Fresken und bemalte Kirchenfenster widerlegen die Legende. Die Italiener selbst lieferten den Äthiopiern Schusswaffen, begriff man Äthiopien doch als Reservoir der Hilfsbereitschaft im kolonialen Kampf. Das Land bot ein festgefügtes, christlich-orthodox grundiertes Staatswesen. Ein europäischer Irrtum des 19. Jahrhunderts bestand eben darin, zu glauben, Jesus mit Afrika bekannt gemacht zu haben. Während er da längst angekommen war. Von Äthiopien gingen befreiungstheologische Impulse um die Welt. Die Schlacht von Adua führte Kaiser Menelik II. mit einer landesweit mobilisierten Miliz, die sich selbst versorgte, soweit sie nicht von ihren Anführern ausgestattet wurde. Mitunter kamen komplette Familien, die Frauen richteten Feldküchen ein und sangen Kampflieder. Sie trieben ihre Männer an, indem sie deren Tapferkeit rühmten. Freiwillige erschienen unbewaffnet auf dem Schlachtfeld, dabei sein war alles. Auf der anderen Seite gab der Tiroler Oreste Baratieri die Befehle. Das Scheitern der Invasion garantierte die äthiopische Unabhängigkeit als eine Sonderform der Regierung im kolonisierten Afrika.

Freiheitsbewegungen schöpften von daher Mut. Die Sache hatte einen Haken. Der Haken hieß Eritrea. Die vormals äthiopische Provinz wurde zur Kolonie der gescheiterten Invasoren. Es bieten sich verschiedene Lesarten der Preisgabe Eritreas an, jedenfalls erlebte Italien die Niederlage von Adua als nationale Schande. Der afrikanische Sieg war ein Schock für Europa. Illustrationen in französischen Magazinen zeigen Kaiser Menelik als Weißen im Strahlenkranz. Die Tatsache, dass Schwarze Weiße schlagen, schien so abwegig, dass man sie in Darstellungen ignorierte.  

Bruno Latour beschreibt den Faschismus als ein Amalgam von Traum & Technik. Die Protagonisten der faschistischen Keimzeit verbanden „die Rückkehr zu einer erträumten Vergangenheit (Rom, Germania) mit revolutionären Idealen und der industriellen Modernisierung“. Futuristen stellten Mussolini den Wecker. Der Faschismus überlebte in Betoneruptionen - in Tankstellen, die mitten in Afrika wie Ufo-Landeplätze aussehen. 

Nach einer Weile erblickte ich eine Kutsche, die deutlich langsamer als unsere fuhr. Ich schaute genauer hin, es gab sonst nichts zu sehen auf einer Staubpiste.

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