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27.11.2019, Jamal Tuschick

Es kommt der Tag, da verliert Ronan Farrow die Unterstützung seines Arbeitgebers NBC. „Er steht mit dem Rücken zur Wand und hat eine Menge zu verlieren … Es wird Krieg geben.“ Harvey Weinstein mobilisiert eine Armee von Dreckschleuderkoryphäen. Er beschäftigt promovierte Zuhältertypen, die akademische Inkontinenz im Plural ihrer mediokren Erscheinungen: furchtbar gewundene, sich wegduckende, sadistische, den Harn der Häme versprühende Feiglinge mit superdiversen Geheimdienstportfolios. Auf der forensischen Schleimspur wird aus Secret Sekret Service. Hochdotierte Schmierlappen tanzen um das goldene Kalb der uninspirierten Inkompetenz. Viele wissen nicht, was die Autor*innen der Menschheitsmythen längst wussten: Wenn eines Weinsteins Zeit gekommen ist, dann fällt er auch dann, wenn er die weltweit fähigsten (käuflichen) Fighter*innen zu seinem Ensemble gemacht hat. Wir wissen aus der Literatur, dass die Besten der Besten nicht einmal mehr so tun, als würden sie etwas anderes als unverschämt teure Spirituosen auf Kosten ihrer Arbeitgeber in raffiniert verspiegelt und ausgeleuchteten Hotelbars verkosten. Sie haben schon so viele Walking Deads gesehen. Ihnen brennt nichts mehr unter den Nägeln. Sie träumen von den Offenbarungen des Todes in den Nachtwäldern des Lebens.

Forensische Schleimspur

Der schöne Investigator im Kampf mit dem Biest von Hollywood 

In den Nachtwäldern des Lebens

Noch erinnert Harvey Weinstein an eine Harvester, an eine Vollholzerntemaschine. Er kauft sich ein Konsortium professioneller Destabilisierer*innen zusammen. Viele Kolleg*innen sind stolz auf einen Geheimdiensthintergrund. Doch bleibt der Dreck, mit dem Ronan Farrow beworfen wird, nicht haften.

Warum nicht?

Weinstein ist kein Baumeister Potemkin’scher Dörfer; kein genialer Architekt des Bösen. Wiederholt schildert er sich als Getriebenen. Einige Zeugnisse legen die Vermutung nah, dass Weinstein von seinen Opfern Verständnis verlangte. Dass er nach Erlösung schrie, während er durch die Gegend ejakulierte wie ein großer Hund im Markierungsrausch.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Nicht delegierte Delegitimation

Weinstein kann nicht delegieren. Er kann nicht sagen, du bist die beste Dreckschleuder, die man für Geld kriegt, also mach und ich funk dir nicht in dein Business. Stattdessen hängt er sich überall rein und mischt inkompetent mit. Er hat Hollywood wie ein wilder Stier erobert. Er glaubt, so läuft der Hase geradeaus immer mit dem Kopf durch die Wand. Er pfuscht den Puppenspieler*innen ins Handwerk. Er stört den von ihm in Gang gesetzten und kostspielig geschmierten Betrieb der klandestinen Zersetzung. Der einzige, der Farrow wirklich beschützt, ist Weinstein in seiner Dummheit. Ohne Weinsteins Irrationalität hätte der Investigator keine Chance gegen eine See von Plagen, wie es im Hamlet heißt, der zur Belehrung der Gegenwärtigen noch immer herangezogen werden kann.

Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, ist das Theater in der Gegenwart nicht angekommen. Ungefähr Heiner Müller

Raging Bull - Wie ein wilder Stier kam Harvey Weinstein nach Hollywood und markierte da den Unaufhaltsamen. Das beeindruckte eine implodierte Gesellschaft. Die Hooker und Ghostdogs der privaten Dienste ließ die Attitüde kalt. Sie begriffen schnell, dass Weinstein nicht zu helfen war. Er war zu impulsiv, so wie Robert De Niro als Jake LaMotta in "Raging Bull". LaMotta war nicht nur ein überzogen emotionaler Champion. Vor allem verstand er nicht, was die Binse bedeutet: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. LaMotta hat versucht, der Mafia gegenüber halbautonom zu bleiben. Das geht nicht. Entweder du übereignest dich oder du lässt es bleiben. Vielleicht stirbst du dann früher. 

Nachrichtenagenturen, die wie Müllschlucker funktionieren

Akteure auf dem Nachrichtenmarkt kaufen inkriminierende Geschichten, die danach schreien, veröffentlicht zu werden – nur um sie in der Versenkung verschwinden zu lassen. Donald Trump entlastet sich so systematisch, sagt Farrow. Im Auftrag Mächtiger ergattern als Journalisten getarnte Lobbyisten Signaturen unter Verschwiegenheitsverpflichtungen. Dies vollziehe sich in virtuellem Pulverdampf.

Virtueller Pulverdampf

Farrow beobachtet einen „Bürgerkrieg der Geheimdienste“. Dazu bald mehr.

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