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28.11.2019, Jamal Tuschick

Das Stockdale-Paradox

And when I lose, I want to go out fighting with my very last breath. Kimberlé Crenshaw

„James Bond Stockdale (* 23. Dezember 1923 in Abingdon, Knox County, Illinois; † 5. Juli 2005 in Coronado, Kalifornien) war (ein Offizier der United States Navy). Der Managementexperte Jim Collins entwickelte eine Leadership-Theorie, die er im Einklang mit Stockdales Erfahrungen während seiner Kriegsgefangenschaft im Hanoi Hilton als Stockdale-Paradox bezeichnete: Demnach sei es einerseits notwendig, der brutalen und oft niederschmetternden Realität ins Auge zu sehen und sich keinen Illusionen hinzugeben. Gleichzeitig dürfe man den Glauben an den schlussendlichen Erfolg nicht verlieren. Diese Einstellung allein könne das Abgleiten in Fatalismus einerseits oder einen naiven Optimismus andererseits verhindern.“ Wikipedia

Der Eine unter Zehntausend

„Wie lange?“

„Wie lange was?“

„Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“

„Zweiunddreißig Jahre.“

Mit der genauen Angabe pariert Luchterhand ein verächtliches Misstrauen. Es schlägt ihm in der sämigen Mundart seiner Kindheit (dem Kiesmühlensound) entgegen. Luchterhand soll sich wieder so fühlen wie ein Reiskorn in der Milchsuppe. Das war ein stehendes Bild. Allgemein wurde Hecht- mit Milchsuppe verwechselt. Es zog wie Milchsuppe. Man trat frühmorgens vor die Tür und verfing sich in einer herbstlichen Milchsuppe, einer städtischen Besonderheit, obwohl man gar nicht in der Stadt wohnte, sondern auf einem Dorf, das gegen den Willen und Widerstand der Ortsobristen eingemeindet worden war.

Die Stadt liegt in einem Kessel und die Gegend in einem Becken. Das Becken heißt so wie die Stadt. Das lernte Luchterhand von Frau Wagenbach in der Schule. Man war noch jung genug, um unbefangen berührt zu werden. Die mütterlichen Regungen der alles bestimmenden Klassenlehrerin stießen auf erotische Vermutungen; auf ein dezidiertes Nichtwissen. Noch fand in Luchterhands Nähe keine Straßenaufklärung statt. Auch die Grenzen seiner Ausdauer verloren ihre Konturen im Vermutungsnebel. Man schickte den Jungen auf die Hessenkampfbahn und verschaffte sich Klarheit. Man informierte sich. Jedes Talent in Reichweite, ob es nun bei einem Hund oder bei einem Pferd festgestellt wurde, unterlag eingehenden Erörterungen. Ausgangspunkt aller Überlegungen war die Gewissheit: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

In einer Nation von Bundestrainern verkörperte der Trainer den Mann der Stunde. Es gab ihn in einer HB- und in der Roth-Händle-Edition.

Die Fachleute kannte man nie nur als Spezialisten für eine Sache. Der Tischtennischeftrainer zum Beispiel war auch in der freiwilligen Feuerwehr, im Geschichtsverein und in der CDU aktiv. Die CDU-Ortsgruppe war aus dem Tabakclub von 1911 hervorgegangen.

Der Handballcheftrainer gehörte auch deshalb zur Vorbereitungskippe der Kirmes, weil ihm das Zusatzengagement einen Anspruch auf Plätze (für sich und die seinen) an der langen, strategisch günstig im Festzelt aufgebauten Tafel verschaffte. Selbstverständlich war es nicht jedermann gestattet, sich dazu zu setzen. Der traurige Haufen aus der Neubausiedlung, saß da, wo er hingehörte. Sobald der Alkohol sein Recht forderte, rückten die Dahergelaufenen aber vor. Das kannte man und wusste es im Voraus und schließlich veränderten sich die Frontverläufe und dann hatten eben die Russlanddeutschen ihre Epoche am Katzentisch.

Als Luchterhand seine Fühler im Dorf ausstreckte, war der siebzehnjährige Pfadfinderführer (auch so eine Art Trainer) Alwin-Siegmund Suhrkamp das Idol aller Zehnjährigen. Luchterhand folgte einer Anregung seiner Eltern, als er bei den Pfadfindern zur Probe mitmachte. Er nahm nicht nur seine jedem Knirps garantierte Schnupperstunde als Gelegenheit wahr, sich umzuschauen und Einblicke zu gewinnen. Er strapazierte die Unverbindlichkeit, die im Kern natürlich gar keine Unverbindlichkeit war, vielmehr das glatte Gegenteil, also eine altersgerechte Verbindlichkeit im Rahmen dörflicher Teilhabeverpflichtungen. Der zweite Pfadfinder-Termin führte Luchterhand im Tross der Wölflinge in den Wald. Unterwegs versuchte jemand, auf den es nicht ankam, witzig zu sein, indem er das römisch-infanteristische per pedes mit einem anderen P-Wort paarte. Luchterhand begriff, dass man als Mitläufer besser keine Witze riss. Er verinnerlichte die Lektion so sehr, dass er sich sein Leben lang enthielt und zu keiner Unterhaltung je etwas Amüsantes beitrug. Am Ende des Ausflugs verlangte Suhrkamp von Luchterhand die Entscheidung. Er formulierte es so: „Wir wollen hier keine losen Enden. Bei uns gibt es nichts zwischen dafür und dagegen.“

Eine Variation aus dem Repertoire dörflicher Jugendarbeit: „Wir ziehen uns keine Wackelkandidaten heran.“

„Geeiert wird nicht.“

Jetzt steht Suhrkamp haarklein genauso da wie weiland Suhrkamp Senior. Da steht der (grau und kraus gewordene) Sohn des alten Försters, Witwer inzwischen; Erbe eines Vermögens aus landwirtschaftlichem Besitz, aus Beständigkeit und Beharrungsvermögen und jeder Menge Schwein-gehabt. Suhrkamp hat viele Prisen und Prämien aus den Gnadenfonds der Zugehörigkeit eingestrichen. Er läuft aber rum wie ein Penner. Die Multifunktionshose war zur Jahrtausendwende modern. Die Parka stammt aus der. Was solls. Luchterhand registriert den Tarneffekt. In der Dämmerung hebt sich Suhrkamp kaum ab von den eingezäunten Erscheinungen einer halben Wildnis.

Suhrkamp wirkt immer noch so aggressiv-verstimmt wie in seiner Jugend. An ihm war es, die erste Pfadfinderführerin nach Einführung der koedukativen Pfadfinderschaft zu heiraten.

Als es hieß, jetzt können Mädchen mitmachen, band sich ein Strauß Reizloser und versammelte sich allwöchentlich im Glockenturm, ohne Sinn für das Pittoreske. Den Debütantinnen war nicht klar, dass sie als Kinder des Dorfes wie in einer Hutschachtel aufgehoben waren und das Glück der Exklusivität genossen. Unter Aufsicht bewegten sie sich frei und unbeholfen in der sakralen Aura. Es gab nur die evangelische Kirche. Wer katholisch war, gehörte ganz einfach und völlig komplikationsfrei nicht dazu. Und was anderes als evangelisch oder katholisch war undenkbar.

Auch die Pfadfinderinnen brauchten Führung. Die besonnene, vom Zeitgeist elegisch-unberührte Tochter des zugezogenen, isolationistisch agierenden, aber trotzdem lobenswerten Konzertgitarristen Ludwig Kiepenheuer, gebürtig aus Göttingen an der Leine, war eine Idealbesetzung. Luise Suhrkamp, geb. Kiepenheuer, ist auch schon wieder seit Jahren tot. Kinder, wie die Zeit vergeht. Suhrkamp ist heiser von jeher. Schon als adoleszenter Stammesführer hatte er diese Stimme, mit der sich Kommandos perfekt bellen lassen.

„Was hast du die ganze Zeit getrieben? fragt er vorwurfsvoll. Als sei Luchterhand von der Fahne gegangen und desertiert. Als sei er bloß ein reuiger, von allen fremden Höfen gejagter Heimkehrer; einer der nur noch irgendwo unterkriechen kann; einer der noch weniger annehmende Aufmerksamkeit verdient als die Flüchtlinge, die sich jetzt überall breitmachen.

Nicht, dass es nicht schon immer Flüchtlinge gegeben hätte. Es gab sogar eine Flüchtlingssiedlung im Ort, auch Paprikasiedlung genannt. Erbaut von Siebenbürger Sachsen, natürlich gegen den Widerstand der Obristen. Dass sie weiße Christen waren, ließ sie nicht weniger fremd erscheinen.

Luchterhand ignoriert die Frage. Luchterhand weiß, dass Suhrkamp weiß, wie er in den letzten Jahrzehnten unterwegs war. Das Pfadfinder-Chapter war immer schon halb mafiös und so investigativ wie ein Geheimdienst gewesen, lange bevor Suhrkamp und Luchterhand an der Reihe gewesen waren. Bei den Pfadfindern trennte sich der Spreu vom Weizen. Weizen war, wer blieb und das Dorf am Leben hielt. Die Spreu verstreute sich.

Luchterhand fällt mit der Tür ins Haus.

...

Bald mehr.

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