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29.11.2019, Jamal Tuschick

Ronan Farrows Drachentöter-Saga „Durchbruch“ erscheint wie eine hochgefahrene, den Horizont des Klassikers grandios überbietende Fortsetzung von Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten.

Israelische Effizienz

Eingebetteter Medieninhalt

Harvey Weinstein fehlt jede Reserve. Er explodiert aus dem Stand. In ihm wütet ein Sturm. Genauso gut könnte man sagen: In ihm arbeiten Reaktoren. Seine Performance spottet jeder Beschreibung. Ablehnung in der Preisklasse einer hochgezogenen Braue kriegt er gar nicht mit.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Ihn hält keiner auf. Das sagen alle, die Ronan Farrow kontaktiert. Sobald er Unrat wittert, setzt Weinstein seine Truppen in Gang. Prophylaktisch lässt er Türen einrennen. Kollateralschäden gehen ihm am Knie vorbei.

Weinstein setzt Black Cube-Agenten ein.

„Black Cube ist ein privater Nachrichtendienst mit Niederlassungen in London, Madrid und Tel Aviv und der Handelsname von BC Strategy Ltd. Das Unternehmen wurde 2010 von den ehemaligen israelischen Nachrichtendienstoffizieren Dan Zorella und Avi Yanus gegründet.“ Wikipedia

Die Agentur wirbt mit israelischer Effizienz. Das Konzept leuchtet ein. Die im Dauerkriegszustand erworbene Kampfkompetenz macht aus jeder zivilen Angelegenheit ein weiches Ziel. Weinsteins Kommunikationsstil ist den Virtuosen aus dem industriell-militärischen Komplex ein Gräuel. Der Selbstbeherrschungsmangel, die Raging Bull-Attitüde und das Brecheisen-Image sind super kontraproduktiv. Ronan Farrow schildert Szenen, in denen BC-Akteure als regungslose Zeugen des Weinstein-Vulkanismus Meisterwerke der Kontraintuition abliefern. Sie sind viel zu abgeschliffen, um konsterniert zu reagieren; es sei denn, das Drehbuch verlangt Emotionalität.

„Weinstein (beginnt) zu brüllen … Dylan Howard (grinst). Der Mitarbeiter von Black Cube (verzieht) keine Miene.“

Am selben Abend schickt Avi Yanus Weinsteins Zahlstelle die nächste Rechnung. Der Mogul blecht dafür, dass Black Cube ein Bild von der Wirklichkeit designt, dass mit der Wahrheit konkurrieren kann. Der berühmte, so ziemlich an allen Hollywood-Großereignissen der letzten zwanzig Jahre maßgeblich beteiligte Mandant bleibt horrender Abwehrkosten zum Trotz unfähig das Angebrachte zu begreifen. Anstatt die gigantische Fläche zu verkleinern, die er Angreifern als Arena anbietet, bläst er sich weiter auf. Er bedroht und vernichtet Randfiguren noch, als das Schild seiner Unantastbarkeit zu splittern - und die Kloake seiner Niedertracht zu rinnen beginnt. 

Weinstein investiert ein Vermögen in seine Fehler, um die Fehler nicht wahrhaben zu müssen. Er arbeitet nicht an seiner Exkulpation, sondern an einer Apologetik.

Sein Jäger weiß das. Farrow beschreibt die vor Drohungen zurückgeschreckten, oder an juristischen Bollwerken zerschellten, oder von Weinsteins guten Verbindungen, langem Atem und raumgreifend-blendendem Wesen erschöpften Vorgänger als Protagonisten einer zersetzenden Praxis.

Die Einschläge kommen näher.

Weinstein gerät aus der Offensive in die Defensive. Die Söldner auf seiner Liste sehen das natürlich, sie begreifen den Prozess, in dem sich Weinstein wie ein großer Fisch am Haken gebärdet, noch lange mit der Idee, den Angler vom Steg in die Tiefe zu ziehen, um bald befreit auftauchen zu können.

Nur für Farrow hat es eine Bedeutung, derjenige (gewesen) zu sein, welcher. - Und der Journalist, das ist das Besondere, ist nicht zu eitel, uns diese Tatsache zu unterschlagen. Zwar war es an ihm, den Mantel der Geschichte zu erhaschen. Aber wahr ist auch … 

 

Es kommt der Tag, da verliert Ronan Farrow die Unterstützung seines Arbeitgebers NBC.  „Er steht mit dem Rücken zur Wand und hat eine Menge zu verlieren … Es wird Krieg geben.“ Harvey Weinstein mobilisiert eine Armee von Dreckschleuderkoryphäen. Er beschäftigt promovierte Zuhältertypen, die akademische Inkontinenz im Plural ihrer mediokren Erscheinungen: furchtbar gewundene, sich wegduckende, sadistische, den Harn der Häme versprühende Feiglinge mit superdiversen Geheimdienstportfolios. Auf der forensischen Schleimspur wird aus Secret Sekret Service. Hochdotierte Schmierlappen tanzen um das goldene Kalb der uninspirierten Inkompetenz. Viele wissen nicht, was die Autor*innen der Menschheitsmythen längst wussten: Wenn eines Weinsteins Zeit gekommen ist, dann fällt er auch dann, wenn er die weltweit fähigsten (käuflichen) Fighter*innen zu seinem Ensemble gemacht hat. Wir wissen aus der Literatur, dass die Besten der Besten nicht einmal mehr so tun, als würden sie etwas anderes als unverschämt teure Spirituosen auf Kosten ihrer Arbeitgeber in raffiniert verspiegelt und ausgeleuchteten Hotelbars verkosten. Sie haben schon so viele Walking Deads gesehen. Ihnen brennt nichts mehr unter den Nägeln. Sie träumen von den Offenbarungen des Todes in den Nachtwäldern des Lebens.

In den Nachtwäldern des Lebens

Noch erinnert Harvey Weinstein an eine Harvester, an eine Vollholzerntemaschine. Er kauft sich ein Konsortium professioneller Destabilisierer*innen zusammen. Viele Kolleg*innen sind stolz auf einen Geheimdiensthintergrund. Doch bleibt der Dreck, mit dem Ronan Farrow beworfen wird, nicht haften.

Warum nicht?

Weinstein ist kein Baumeister Potemkin’scher Dörfer; kein genialer Architekt des Bösen. Wiederholt schildert er sich als Getriebenen. Einige Zeugnisse legen die Vermutung nah, dass Weinstein von seinen Opfern Verständnis verlangte. Dass er nach Erlösung schrie, während er durch die Gegend ejakulierte wie ein großer Hund im Markierungsrausch.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Nicht delegierte Delegitimation

Weinstein kann nicht delegieren. Er kann nicht sagen, du bist die beste Dreckschleuder, die man für Geld kriegt, also mach und ich funk dir nicht in dein Business. Stattdessen hängt er sich überall rein und mischt inkompetent mit. Er hat Hollywood wie ein wilder Stier erobert. Er glaubt, so läuft der Hase geradeaus immer mit dem Kopf durch die Wand. Er pfuscht den Puppenspieler*innen ins Handwerk. Er stört den von ihm in Gang gesetzten und kostspielig geschmierten Betrieb der klandestinen Zersetzung. Der einzige, der Farrow wirklich beschützt, ist Weinstein in seiner Dummheit. Ohne Weinsteins Irrationalität hätte der Investigator keine Chance gegen eine See von Plagen, wie es im Hamlet heißt, der zur Belehrung der Gegenwärtigen noch immer herangezogen werden kann.

Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, ist das Theater in der Gegenwart nicht angekommen. Ungefähr Heiner Müller

Raging Bull - Wie ein wilder Stier kam Harvey Weinstein nach Hollywood und markierte da den Unaufhaltsamen. Das beeindruckte eine implodierte Gesellschaft. Die Hooker und Ghostdogs der privaten Dienste ließ die Attitüde kalt. Sie begriffen schnell, dass Weinstein nicht zu helfen war. Er war zu impulsiv, so wie Robert De Niro als Jake LaMotta in "Raging Bull". LaMotta war nicht nur ein überzogen emotionaler Champion. Vor allem verstand er nicht, was die Binse bedeutet: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. LaMotta hat versucht, der Mafia gegenüber halbautonom zu bleiben. Das geht nicht. Entweder du übereignest dich oder du lässt es bleiben. Vielleicht stirbst du dann früher. 

Nachrichtenagenturen, die wie Müllschlucker funktionieren

Akteure auf dem Nachrichtenmarkt kaufen inkriminierende Geschichten, die danach schreien, veröffentlicht zu werden – nur um sie in der Versenkung verschwinden zu lassen. Donald Trump entlastet sich so systematisch, sagt Farrow. Im Auftrag Mächtiger ergattern als Journalisten getarnte Lobbyisten Signaturen unter Verschwiegenheitsverpflichtungen. Dies vollziehe sich in virtuellem Pulverdampf.

Virtueller Pulverdampf

Farrow beobachtet einen „Bürgerkrieg der Geheimdienste“. Dazu bald mehr.

Der Schöne und das Biest

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Die erste Besprechung

Wussten Sie das?

Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, unliebsame Zeitgenoss*innen aus der Bahn zu werfen, indem sie Dreck ausgraben. Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Dreck zu erfinden, und es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, herauszufinden, ob die Dreck-Ausgräber*innen und -Produzent*innen von einer Agentur im Counter-Strike-Modus ins Visier genommen werden. Aus diesen Modulen ergeben sich komplexe Über-Bande-Konstellationen. Virale Figurationen formieren sich zu sozialen Skulpturen.

Ronan Farrow ermittelt im Mantel einer grauen Unauffälligkeit. Natürlich erscheint er so spektakulär wie ein Artist. Farrow verkörpert den exzellenten Sohn berühmter Eltern nach den Regeln seines Herkunftsmilieus. Doch genau dieses Programm wirkt wie eine altenglisch verrußte Backsteinmauer, die Farrows Unversöhnlichkeit verbirgt.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

„Den mach ich zum Gespenst, der meinem Willen trotzt“, sagt Shakespeare durch irgendeine Blume der Narration. Während Farrows Gegenspieler Harvey Weinstein ständig mit einem martialischen Repertoire kollert und sein Durchsetzungsvermögen unappetitlich zur Schau stellt, verhehlt der Investigator die affektive Ladung seines Engagements. Er gibt wenig preis, selbst da, wo er über seine missbrauchten Geschwister spricht.

Weinstein trommelt sich auf die Brust. Er kokettiert mit überzogenen Reaktionen und stilisiert sich als archaischen Durchbrecher des Reglements.

Es gelingt ihm nicht, seine Absichten zu Spekulationsobjekten zu machen. Jeder Depp kapiert, was Weinstein für erfolgversprechend hält. Sein Interventionsspektrum erlahmt zwischen den Polen schmeicheln & drohen. Schon sehen wir das Märchen von des Kaisers neuen Kleider reloaded.

Farrow schildert ein Defilee der Schäbigkeiten, mit gnadenlos berechnenden Akteuren aka Intriganten. Einmal ruft Harvey Weinstein einen Boss seines Feindes an und schmiert sich säbelrasselnd ein: Ich war nicht der Einzige, der in den Neunziger mit den falschen Frauen ausgegangen ist.

„Wir alle haben das gemacht.“

Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete sich Jesus auf und sprach: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein.

Farrow gelingen Studien wie von Honoré Daumier. Jene, die Jagd aufeinander machen, kennen sich wohl. Kein Typus kreuzt häufiger auf als der leptosom-leitende (das Körpergewicht ist eine Qualifikation) Angestellte mit Ivy League-Referenzen und WASP-Stammbaum. Sogar solche Herren des Universums (der amerikanischen Unterhaltungsindustrie) patzen und scheitern. Sie patzen und scheitern sogar fulminant. Aber im Gegensatz zu ihren Konkurrenten überleben sie in einem Golden-Boy-System ihre Niederlagen auf Dachterrassenniveau. Ihre Abstürze unterbrechen die Monotonie der Kamingespräche. Eine echte Deklassierung bleibt außerhalb des Erwartbaren. Daher kommt eine für Normalsterbliche unbegreifliche Überheblichkeit in der Kombination mit Leichtsinn.

Farrows Wort für das Phänomen ist sorglos. Während die Golden Boys schwindelfrei an Katastrophen vorbeischrammen, endet für viele Frauen die glänzende Zeit nach einem Zusammenstoß mit einem dieser sorglos lächelnden „Raubtiere“.

Sie alle und viele mehr werfen Harvey Weinstein sexuelle Gewalt vor: Rose McGowan, Ambra Battilana Gutierrez, Asia Argento, Lucia Evans, Ashley Judd, Emily Nestor, Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette, Emma de Caunes, Cara Delevingne, Zelda Perkins, Heather Graham, Zoë Brock.

Farrow nennt Harvey Weinstein ein „Raubtier“.

Noch einmal:

Weinstein, der einen bedrohlichen Kommunikationsstil pflegte und seinen Rivalen mitunter „mittelalterlich“ zusetzte, erschien in Hollywood als Urgewalt. Wer ihm in die Quere kam, konnte manchmal nur noch auf einem anderen Kontinent neu anfangen. Der Unantastbare hatte die Macht, seine Gegner*innen verbannen – zu zersetzen – zu verwüsten. Mal drehte er sie durch den Verleumdungswolf und machte Pariawürste aus ihnen. Dann wieder erschreckte er Leute mit erschreckenden Leuten.

Weinstein ließ sein Schattenreich von militärakademisch gebildeten Existenz-Vernichter*innen abschirmen.

Ich setze die Emissionen eines Schwefelatems in die Vergangenheit, weil Farrow von seinem Drachen ebenso spricht. Die Botschaft lautet: Weinstein gibt es nicht mehr, auch wenn er noch lebt.

Der Investigator geriet in der Zeit seiner Bewährung auf Kollisionskurs mit allen möglichen und sehr unterschiedlichen Koryphäen des Schmutzgeschäfts. Farrow schildert die Randfiguren und Peanuts Hunter: Chandler‘eske Chinatown-Detektive in der russischen Ausführung; Dienstleister*innen, die erfolgreich einen Volkshochschulkurs in Abhörtechnik absolviert haben; solistische Virtuosen mit dem mauvaise odeur der Gescheiterten.

Farrow begegnet wundersamen Gestalten: Agent*innen mit High End-Referenzen; Großmeister*innen in der Kunst der De-Legitimation und Destabilisierung. Man rät ihm, sich zu bewaffnen.

Farrow tritt lieber mit leeren Händen an. Karate bedeutet nichts anderes als leere Hände.

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