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30.11.2019, Jamal Tuschick

Aleecia datiert das Anthropozän auf den Beginn der kolonialen Ausschlachtung Amerikas. Von allen Bildern des Grauens, die Aleecia in ihrer Widerstandspoetik zusammenfasst, ist dies das stärkste: In atlantischen Tiefen lässt sich das chemische Echo einer mörderischen Praxis feststellen. Im Zuge millionenfacher Deportationen afrikanischer Sklav*innen fanden unzählige Hochseemorde statt. Das Meer bestattete sie. Der Tod hallt nach in organischen Prozessen.

Pazifische Verheißung/Neue Kosmovision

Aleecia spricht von der dringenden Notwendigkeit, Klimawandel & Rassismus zusammenzudenken. Die Klimakrise gewinne da ihre Totalität zuerst, wo die Gesellschaften von kolonialen Hierarchien aus ihren ursprünglichen Verankerungen gezogen wurden. Der Klimawandel sei die Fortsetzung der weißen Gewalt mit anderen Mitteln. Aleecia vollendet mit einem Zitat von Stuart Hall:

„We are in but not of the west.“

Mit Amerika hatte Europa nicht gerechnet. Der Kontinent lag einer unhaltbaren Vorstellung von Welt und Handel im Weg. Nachdem klar geworden war, dass Kolumbus nicht in Westindien gestrandet war, wurden alle Kapitäne auf großer Fahrt dazu angehalten, einen Durchgang zum Pazifik zu entdecken.

Zwischen dem Start (Spanien/Portugal) und dem Ziel (den Molukken) war nicht nur viel mehr Wasser, sondern auch viel mehr Land als erwartet. Als Juan Díaz de Solís, erkrankt an Melancholie und Fernweh, 1515 sein Schiff in eine Bucht der südlichen Ostküste Amerikas steuerte, glaubte er die Wasserstraße seines Ruhms erreicht zu haben. „Entdeckt“ hatte er den Río de la Plata: ein Mündungsbecken. Überlebende der Mannschaft nannten die Gegend in ihren Erinnerungen „ungastlich“. Die örtliche Bürgerwehr begrüßte Solís mit Speeren.

„Mit dem Stolz des Entdeckers gab Solís dem Fluss seinen Namen: Río de Solís. Kaum aber hatte er den Fuß auf Land gesetzt, fingen die wölfischen Charrúas den Unglücklichen. Sie brieten und aßen ihn vor den Augen der in einer Schaluppe in vorläufiger Sicherheit zurückgebliebenen Gefährten. Irritiert überließ die führerlose Flotte das unfreundliche Ufer seinem Schicksal.“

Die Schilderung ignoriert, dass Solís nicht einsam als Spießbraten starb. Mit ihm starb sein Führungsstab.

Alle wollten dahin, wo der Pfeffer wächst. Königliche Erwartungen richteten sich auf den Seeweg nach Indien. Die Mündung hieß noch Solís-Fluss, als Sebastian Cabot sie zum Ankerplatz bestimmte. Er verbrauchte das Holz von zwei Schiffen für ein Fort. Er erkundete den Uruguay, in der Hoffnung, der Strom flösse vom Atlantik in den Stillen Ozean. Indigene Milizen zwangen Cabot immer wieder in sein Fort. Er revanchierte sich mit Strafexpeditionen am Río Paraná. Er folgte dem Zwilling des Uruguay. In die Gegend von Cara-Cara (heute Río Tercero) etablierte Cabot vorausschauend die nächste Usurpationsstation. Der Festungsbau zog die Stämme der Umgebung zusammen, die Spanier erschienen so exotisch wie Aliens auf einer Lichtung.

Da kommen Blechkameraden in den Wald und bauen erst einmal einen Riesenzaun um ihre Scheißhäuser. Wie verrückt sind die denn.

Alter Adel versus neues Geld. Der Raubritter- und Aufsteigerreichtum der Konquistadoren verschob in Spanien die Gewichte. Sprösslinge großartiger Familien bekamen Konkurrenz von Hinz und Kunz. Nun spielten Söhne von Reinigungskräften mit. Neue Allianzen bot sich an. Des Kaisers sagenhaft wohlhabender Oberschenk Pedro de Mendoza ging eine Geschäftsbeziehung mit dem Abenteurer Cabot ein.

„Sein Gruß kam einer Beförderung gleich.“

Mendoza konnte eine eigene Flotte auf den Grund des Meeres schicken, ohne Pleite zu gehen. Am 24. August 1534 spuckte er zum letzten Mal in das Hafenbecken von Sevilla. Er startete mit vierzehn „stolzen Gallionen“. Mendoza brachte zweiundsiebzig Pferde, hundertfünfzig Deutsche und Holländer unter dreitausend gemeinen Männern, achtzehn Missionare und die Blüte seines Landes in die Neue Welt. Mit ihm fuhren zweiunddreißig Mayorazgo – blanker Uradel; nicht einer sollte den Spaß überleben. Mendoza hatte einen Freibrief. Ihm waren Länder versprochen. Er lebte mit der Aussicht auf eine Prämie für jeden erschlagenen Kaziken.

Ich muss hier abbrechen, um die Kurve zu kriegen. Aleecia zählt eine von Mendoza geschwängerte Charrúa zu ihren Ahninnen. Die genealogische Rechnung ist verwickelt.

Aleecia und ich unterhalten uns auf Sumatra über die vielen Anläufe der Spanier, Portugiesen und Genuesen einen Seeweg nach Indien zu finden. Nach den Begriffen der Zeit war die Wasserstraße in Gottes großartigem Schöpfungsplan eingezeichnet. Es konnte gar nicht anders sein. Jedes atlantische Mündungsdelta war ein Tor der pazifischen Verheißung.

Wir führen unser Gespräch in bewaldeten Mulden unter rauchenden Vulkanschloten. Wir unterbrechen es bei Tauchgängen in einem Randmeer.

Randmeere sind Nebenmeere, die an oft steilabfallenden kontinentalen Riffkanten liegen. Archipele trennen sie in perforierter Linie vom Ozean. Die Fauna diversifiziert sich wie mitten im Pazifik und bietet dem amphibisch operierenden Betrachter sensationelle Einblicke. Fische scheinen zu schweben.

Unser peripherer Ozean breitet sich in einem Becken aus, das an Stellen über sechstausend Meter Tiefe erreicht. Das ist eine umso beeindruckendere Größe, wenn sie unter einem noch lange nicht endet.  

Wieder an Land reden wir weiter über Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Klimakrise. Der Abendhimmel spottet jeder Übertreibung. In den Tropen geht alles Schlag auf Schlag. Eben noch färbt sich der Horizont dramatisch, im nächsten Augenblick leuchten die Sterne so, dass man sich in den Weltraum gezogen fühlt.

Von allen Bildern des Grauens, die Aleecia in ihrer Widerstandspoetik zusammenfasst, ist dies das stärkste: In atlantischen Tiefen lässt sich das chemische Echo einer mörderischen Praxis feststellen. Im Zuge millionenfacher Deportationen afrikanischer Sklav*innen fanden unzählige Hochseemorde statt. Das Meer bestattete sie. Der Tod hallt nach in organischen Prozessen.

Als mythische Konstante des ozeanischen Transfers ging das Echo in die Literatur ein. Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber das Sujet pendelnder Freier, die sich vor der Flugzeugära auf den Routen der Sklavenschiffe den Schmerz der Ahnen zwischen den Kontinenten vergegenwärtigen mussten, hat mich schon einmal mitgenommen.   

Die Gewalt hört nicht auf. Der Klimawandel ist die Fortsetzung der weißen Gewalt mit anderen Mitteln.

Im Bett spricht Aleecia von einer dringenden Notwendigkeit, Klimawandel & Rassismus zusammenzudenken. Die Klimakrise gewinne da ihre Totalität zuerst, wo die Gesellschaften von kolonialen Hierarchien aus ihren ursprünglichen Verankerungen gezogen wurden. Der Klimawandel sei die Fortsetzung der weißen Gewalt mit anderen Mitteln. Aleecia vollendet mit einem Zitat von Stuart Hall:

„We are in but not of the west.“

Zwanzig Jahre wusste ich so gut wie nichts von meiner PoC-Identität. Jetzt hat sie den Wert einer Zugangsberechtigungskarte.

Wir brauchen eine neue Vision von der Stellung des Menschen im Kosmos, sagt Aleecia so aufgebracht wie eine Piratenkogge in der Ära ihres berühmten Ahnen. Mendoza ließ Widerständler zur Abschreckung an Pranger stellen und in den Vorrichtungen verrotten. Mendozas hochnäsiges Terrorregime stachelte seine Leute zu Gewalttaten gegen die Bevölkerung auf. Er erzog sie zu Marodeuren; zu Henkern aus eigenen Entschlüssen.

Hat man erst einmal mit dem Schlachten angefangen … ich habe Männer kuriert, die vom Töten so deformiert waren, dass ihnen die Welt nichts mehr sagte.

Horden gereizter Guarani kreisten die Entdecker weiträumig ein. Mendoza kannte nur ein Rezept. Der Kriegsherr schickte Fußvolk und Ritterschaft, vierhundert Mann im Ganzen. Die Expedition führte sein Bruder Diego an. Drei Tage später kehrten zwölf Klägliche zurück, alle anderen bereiteten den Geiern ein Fest in der Pampa. Die Guarani hatten einen Sumpf genutzt, eine Engstelle, die dem Korps geringen Spielraum bot. Da entfalteten sich die Nachteile komplizierter Waffen und die Vorteile unterkomplexer Lösungen. Die Pulverpfannen wurden nass, die Musketen versagten. Die dem Zügel auf der Überfahrt entwöhnten Pferde bockten. Umsonst warf sich Diego mit seinen Kavalieren auf den Feind. Mehr als ein altes Geschlecht erlosch an diesem Tag.

Wie die Germanen kämpften die Guarani mit ihren Leibern mehr als mit anderen Streitmitteln. Sie zerschellten dann an der Monotonie eines Mannes, der es für seine Aufgabe hielt, einen Posten nach dem nächsten in ihrem Gebiet aufzustellen. Es waren Verhungernde, mit denen er Nuestra Senora Santa Maria del Buen Aire gründet. Man sagt, Pedro de Mendoza habe das Fleisch vom Leichnam einer Geliebten nicht verschmäht, so heruntergekommen sei dieser „zum Herrschen geborene“ Kolonist endlich gewesen. Die Guarani rannten gegen den Zaun, den die Neubürger in die Landschaft gepflanzt hatten. Sie zerlegten Buenos Aires erst einmal. Die Spanier wichen und gründeten Corpus Christi an der Stelle, wo Cabot, sein Eldorado direkt vor der Palisade vermutend, den Solís-Fluss in Rio de la Plata (Silberfluss) umbenannt hatte.  

Der Dreck und die Krisen des Westens werden in den Globalen Süden exportiert. Aleecia diskutiert mit mir auf Sumatra die rassistischen Dimensionen sozialer Probleme. Als besonders drastisches Beispiel nennt sie einen Stadtteil von Accra in Ghana. Europäischer Müll verursacht bei den Bewohner*innen von Agbogbloshie schwerste gesundheitliche Schäden.

Bereits in den 1980er Jahren wurde in einer Graswurzelrecherche ein Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung und Rassismus hergestellt. Zweidrittel aller US-amerikanischen Mülldeponien stanken/stinken in Schwarzen Nachbarschaften.

Nimby - not in my backyard: Die weiße lobbyistisch flottgemachte Devise wies/weist dem Müll, Gestank und Lärm seine Plätze zu.   

Der Dreck und die Krisen des Westens werden nicht nur in den Globalen Süden exportiert, sondern auch in die von Migration und Schwarzer Armut geprägten Territorien der exportierenden Staaten.

Als drastisches Beispiel führt Aleecia Agbogbloshie an. Das Quartier ist eine Deponie. Eine wildwestliche Gewinnung von Rohstoffen macht die Leute krank.

„Luftverschmutzung tötet viel mehr Menschen als Malaria und Aids zusammen“, meldet Aleecia. Auch in der Umweltzerstörung beweise sich „koloniale Kontinuität“.

Aleecia beschreibt die kleine Eiszeit ab 1610 (bis ins 19. Jahrhundert) als direkte Folge des Kolonialismus. Eine paläoklimatologische Hypothese nimmt an, dass der spanische und portugiesische Auftritt in Amerika großflächig die ursprüngliche Landwirtschaft zum Erliegen brachte. Diverse Genozide und eingeschleppte Krankheiten könnten eine breite Wiederbewaldung begünstigt und im Geleit eine Verminderung der (die kleine Eiszeit auslösenden) CO2-Konzentrationen bewirkt haben.

Aleecia datiert das Anthropozän auf den Beginn der kolonialen Ausschlachtung Amerikas.

„Wir müssen uns alle dekolonisieren und eine neue Kosmovision entwickeln.“

„Wir brauchen ein neues Menschenbild.“

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