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01.12.2019, Jamal Tuschick

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Unrecht & Widerstand

Links: Geburtstag meiner Cousine, rechts außen meine Schwester, daneben sitze ich. Die Aufnahme entstand kurz nach der Ermordung meines Vaters. Rechts: Ich als Baby.

Kindheit in einem besetzten Land - Elilta Mesmer erinnert sich

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

Links: Meine Mutter, die Widerstandskämpferin Lula (Mihret) Gherezghiher*.

*Sie heißt nicht Mesmer, bei uns behalten die Frauen ihren Mädchennamen. Der Nachname ist immer der Vorname des Vaters. Mein Papa hieß Mesmer mit Vornamen.

Rechts seht ihr mich. 

Steinzeitlicher Freestyle

Die Gesetze der Straße

Weil wir weder Vater noch Bruder haben, zählt es zu den Aufgaben der Älteren, meine Schwester zu verteidigen. Segen ist zwar nur ein Jahr jünger als ich, aber so sind die Regeln. Daran lässt sich nicht rütteln.

Die Gesetze der Straße lehren mich, unter verschärften Bedingungen klarzukommen. Ich kämpfe in steinzeitlichem Freestyle. Ich wehre mich gegen eine nachbarschaftliche Herabsetzungslogik. Der ältere Bruder fehlt so sehr in dieser Hackordnung.

Ich wäre zerstört und vernichtet worden, ohne meinen Kampfgeist, und ohne das vorbildliche Wesen meiner Mutter.

Natürlich war ich bereit, alles zu geben.

Einmal traf ein Stein aus meiner Hand einen älteren Jungen so effektiv am Kopf, daß man heute noch die Narbe auf seiner Stirn sieht. Inzwischen ist der Streetfighter orthodoxer Pfarrer. Vor wenigen Wochen schrieb er mich auf Facebook an und schickte mir Bilder von seiner Familie. Daniel heißt er.

Jetzt können wir Freunde sein. Damals wäre ich nur als Beute und Opfer in Frage gekommen. Nicht mit mir, lautete vermutlich die Devise jeder Einzelkämpferin in den Straßen von Asmara.

Ich wuchs in einer Idylle auf, die jederzeit zur Vorstadthölle werden konnte. Die Kapitale Asmara verliert ihre Gravitation an lauter Vor- und Außenposten mit ruralem Gepräge. Man ist zwar noch in einer Großstadt, doch das Ländliche und Dörfliche bestimmt die Szenen.

Wir hatten einen Kater, bevor wir Flüchtlinge wurden. Meine Mutter gab ihm den Namen kulu jihalif - das alles geht vorbei. Es muss für sie schrecklich gewesen sein. Sie konnte mit keinem Menschen über ihre Not und Verzweiflung reden. Sie war wie abgesperrt und ständig in Sorge. Man muss das auch einmal so sehen. Sie war ja nicht nur eine Gläubige, eine Lehrerin, eine Kombattantin im Befreiungskampf. Sie war eine junge Frau, die der Mord an meinem Vater vom Leben abgeschnitten hatte.

Meine Schwester hing am Kater. Mich interessierte er nicht besonders.

Bald mehr.

Aus dem im Mainlabor erstmals in Fortsetzungen veröffentlichten Roman von Elilta Mesmer:

An einem heißen Nachmittag im Oktober 1978

Meine vierjährige Schwester und ich sollten uns hinlegen, wie jeden Tag um diese Zeit. Ich war nur ein Jahr älter, fühlte mich jedoch zu alt für den Mittagschlaf und diskutierte täglich auf das Neue. Meine Mutter blieb unbeeindruckt. Sie sagte, ich solle jetzt ruhig sein und schlafen. Dann machte sie unsere Schlafzimmertür, die direkt zum Hof führte, hinter sich zu. Sie machte Feuer und setzte den Tonkrug auf, den sie sich schon für ihren nachmittäglichen Kaffee vorbereitet hatte. Die Aromen frisch gerösteten Kaffees breiteten sich in unserem Zimmer aus. Mit dem Duft in der Nase und dem Frust einer Fünfjährigen, die sich nicht ernstgenommen fühlt, schlief ich ein.

Meine Mutter war Lehrerin an einer evangelischen Schule. Sie hatte einen anstrengenden Tag und genoss die einkehrende Ruhe. Während der Kaffee über dem Feuer sein eigenes Schicksal zu haben schien, band sie ein Mokombia aus Palmblättern. Mokombia bezeichnet einen traditionell-dekorativen Korb. Meine Mutter entschied sich für die Farben des Widerstandskampfes der EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front). Blau steht für den Himmel, grün für die Erde, rot für das Blut der im Krieg Gefallenen. Der gelbe fünfkantige Stern steht für die Naturressourcen, seine Kanten symbolisieren Gleichheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit, Einheit und Wohlstand.

Aromaorgie

Meine Mutter arbeitete seit mehreren Wochen an der Sache. Sie genoss den Fortschritt und erfreute sich an der allmählichen Formvollendung. Die Arbeit näherte sich dem Ende.

Kraftvoll zog meine Mutter am gelben Faden. Der Kaffee kochte auf. Sie legte das Mokombia auf die Seite, goss Kaffee in eine Tasse und wieder zurück in den Tontopf. Dreimal ließ sie den Kaffee „aufstoßen“, so sagt man in Eritrea, wenn der Kaffee aufkocht und hochkommt. Jedes Mal fing sie den überlaufenden Kaffee mit einem Behälter auf und goss ihn wieder zurück. Dann löschte sie das Feuer aus und überließ es dem Kaffee, sich in einer Aromaorgie zu setzen. In der Zwischenzeit flocht sie weiter. Ich glaube, in dieser Konstellation erfüllte sich, was meine Mutter unter Ruhe und Freizeit verstand.

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