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02.12.2019, Jamal Tuschick

„Eine militärische Supermacht, die das Leben auf der Erde hätte auslöschen können, verschwand einfach wie das Trugbild eines Illusionisten.“ Daran erinnern Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrer als „Abrechnung“ deklarierten Analyse „Das Licht, das erlosch“.

Gegengeschichtsschreibung

Hemingway beschreibt einen Kampf in der Haifischbar eines karibischen Strands. Die Gegner könnten nicht ungleicher sein. Der eine verkörpert die Gewalt in Kolossform, der anderer erscheint als Zausel im Zenit der Geringfügigkeit. Der Zausel gewinnt. Das ist die Moral von der Geschichte. Hemingway empfiehlt, bei sich anbahnendem Ärger jene vor allem zu beachten, die frei von allen Anzeichen der Grandiosität dem Geschehen beiwohnen. Da sitzt die Gefahr, wo sie unscheinbar wirkt. So trickst die Evolution mit kleiner Stimme und laufendem Rotz zum Beispiel. Ein Kindergartenschwarm im freien Lauf kann, richtig eingesetzt, größere Schäden anrichten ...

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Putin erlebt den Aufbruch von Neunundachtzig als „nationale Demütigung“. Den „unblutigen Wandel*“ deutet er als „unglückliche (nach Revanche schreiende) Niederlage im Kalten Krieg“. Die Konditionen der postkommunistischen Frühphase beschreibt er mit Schlüsselbegriffen aus dem revanchistischen Diktatfriedenvokabular militanter Kritiker des Vertrags von Versailles.

Seine Einschätzungen machen Putin zum großen Gegenerzähler. Die westliche Perspektive auf die Entzauberung des Warschauer Pakts geht von einer historischen Konsequenz aus, die Putin wie ein Kaugummi in die Länge zieht. In der Verlängerung triumphiert der aus Schaden klug gewordene Verlierer über die 89er-Sieger.

Das ist eine narrative Leistung nicht zuletzt. Für die Russen ist das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende schwerer als eine konkrete Nachkriegszeit. *Es wird gestorben „wie in einem offenen Krieg“.

„Man schätzt, dass allein in Russland zwischen 1989 und 1995 1,3 bis 1,7 Millionen Menschen vorzeitig starben.“ Vor allem Menschen mittleren Alters erliegen „psychischem Stress“ in Prozessen, die das Überkommene finalisieren.

Winner Take Nothing - Der Sieger geht leer aus

So heißt eine Sammlung Kurzgeschichten von Ernst Hemingway. Ivan Krastev und Stephen Holmes versäumten es, mit dem Titel zu punkten. Er überschreibt perfekt Putins Psychogramm nach ihrer Analyse.

Ivan Krastev, Stephen Holmes, „Das Licht, das erlosch“, aus dem Englischen von Karin Schuler, Ullstein, 366 Seiten 26,-

Putin erkennt den westlichen Kanon nicht an. Er hält die Sieger der Geschichte für korrupter und amoralischer als die Heloten des Ostens mit ihrem herausposaunten oder unter den Teppich gekehrten Egoismus/Zynismus. Er argumentiert wie Heiner Müller, der sagt:

„Was der Sozialismus hinter sich hat, das hat der Kapitalismus noch vor sich.“

In einem Müllergedicht geistert ein „alter Chirurg“ herum, der „für die Touristen … wie Hemingway“ aussieht. „Im Herzen ein totes Deutschland, sitzt er/Unter der Sonne wie ein alter Schnee.“ Seinen Traumspeerfisch sucht er auf einem Bierglasboden. Ich glaube, Müller hat ganz gern Hemingway gelesen. Das Ranzige und der Machomoder arbeiteten sich zwar zu Lebzeiten von Mr DDR („Du kannst DDR zu mir sagen“) durch die Filter der Wahrnehmung, doch ließ sich das (in beiden deutschen Staaten) einfach ignorieren. Irgendwo beschreibt Hemingway einen Kampf in karibisch-maritimem Milieu. Die Gegner könnten nicht ungleicher sein. Der eine verkörpert die Gewalt in Kolossform, der anderer erscheint als Zausel im Zenit der Geringfügigkeit. Der Zausel gewinnt. Das ist die Moral von der Geschichte. Hemingway empfiehlt, bei sich anbahnendem Ärger jene vor allem zu beachten, die frei von allen Anzeichen der Grandiosität dem Geschehen beiwohnen. Da sitzt die Gefahr, wo sie unscheinbar wirkt. So trickst die Evolution mit kleiner Stimme und laufendem Rotz zum Beispiel. Ein Kindergartenschwarm im freien Lauf kann, richtig eingesetzt, größere Schäden anrichten als ein Ringverein. Das Dilemma veranschaulicht eine Gazettenüberschrift der letzten Tage: Bubis verprügelten Mann

Man sollte das nicht falsch verstehen im Sinne von Mann beißt Hund.

Putin ist zu keinem Zeitpunkt bereit, die westliche Lesart von Demokratie etc. zu übernehmen. Für ihn liegt im Westen nicht die Freiheit, sondern das falsche Leben, das er mit dem Liberalismus identifiziert. Er weiß sich im Einklang mit vielen Russen, wenn er den Zerfall der Sowjetunion betrauert.

„Das Ende der UdSSR (ist) die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ Putin

Reaktionärer Nativismus

Für Putin ist alles klar. Er hält den „westlichen Universalismus (für) notdürftig getarnten Partikularismus“. Nach seinen geostrategischen Begriffen verschleiern die „Vorkämpfer der Freiheit“ ihren Expansionsdrang mit Moralgirlanden und mit auf Quarkfüßen stehenden Moralmonstranzen.

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Der Westen findet Putin trotzig und ignoriert dabei den größten Schock für jene, die in der Sowjetunion sozialisiert wurden. Der Schock folgte einer Erfahrung, auf die niemand vorbereitet war.

Die kampflose Preisgabe einer Domäne

Der Koloss Sowjetunion implodierte. Dem Zusammenbruch fehlte die Qualität einer militärisch-blutigen Niederlage. Beim Rüstungswettlauf war der UdSSR die Luft ausgegangen. Auf die Kondition des sterbenden Riesen waren Wetten abgeschlossen worden. Der Zynismus, mit dem man „das Reich des Bösen“ (Reagan) in die Knie zwang, prägte die russische Wahrnehmung des Westens. Das ist das Kernstück einer als akademische Abrechnung deklarierten Analyse von Ivan Krastev, Stephen Holmes, „Das Licht, das erlosch“, aus dem Englischen von Karin Schuler, Ullstein, 366 Seiten 26,-

Die Soziologen liefern eine Psychologie der Völker. Sie treffen Feststellungen von historischer Bedeutung. Zum Beispiel: Fast unbemerkt verpuppen sich die Kerngesellschaften des ehemaligen Warschauer Paktes wieder in der russischen Matrix. Sie kehren mit Beute heim, sie haben den Westen durchschaut. Auch wenn sie nie wieder unter russische Kuratel gestellt werden wollen, ankern sie seelisch in einem Anti-Westen. Wäre die Gravitation der neuen Bundesländer nicht gestört, sähe es auf dem alten DDR-Territorium anders aus. Sehr unwahrscheinlich, dass sich da die Vertreter*innen des Dritten Wegs sozialistisch durchgesetzt hätten.

In unserer Wahrnehmung bestimmt ein autoritärer Kapitalismus die Staaten jenseits der bundesrepublikanischen Ostgrenze. In der Wahrnehmung der postkommunistischen Gesellschaften, so Krastev/Holmes, erscheinen wir als die Verworfenen, die zwar Demokratie sagen, aber Hegemonie meinen, anstatt so transparent wie Putin staatsegoistische Ziele zu verfolgen.

Die Verlogenheit des Westens

ist ein Kernstück der Kritik, die auch mit verätzenden Spiegelungen und boshaften Parodien demokratischer Prozeduren vorgetragen wird.

Krastev/Holmes halten sich lange mit buchstäblich abwegigen Adaptionen westlicher Modelle auf. Das Übernommene unterliegt der Abwehr. Formate werden technisch eingesetzt. Man borgt Instrumente in beinah antinomischen Prozessen zwischen Einverleibung und Distanzierung. Die Entleihung der Mittel wirkt sich nicht auf die Identität aus.  

Es war ein utopisches Projekt, ganze Gesellschaften nach westlichem Vorbild umzuformen.

Am Rand: „2008/2009 verließen mehr Mittel- und Osteuropäer ihre Heimat Richtung Westeuropa, als (später dann syrische) Kriegsflüchtlinge dorthin kamen.“ 

Eine zweifache Angst des Ostens

ergibt sich aus dem Verhältnis von Ab- und Zuwanderung. Krastev/Holmes sprechen von einer doppelten „demografischen Panik“.

„Zwischen 1989 und 2017 verlor Lettland 27 Prozent seiner Bevölkerung, Litauen 22,5, Bulgarien fast 21 Prozent.“

„Alternde Bevölkerung, niedrige Geburtenraten, ein endloser Abwanderungsstrom“.

Unter solchen Bedingungen kommt es zu einer „Verschiebung“. Psychologen bezeichnen so einen „Verteidigungsmechanismus“, mit dem das Gehirn eine effektive „Bedrohung ausblendet“ und sie „durch eine ersetzt, die zwar ebenfalls ernst, aber doch viel leichter zu handhaben ist“.

Man blendet den „demografischen Kollaps“ aus und konzentriert sich auf die Migration.

An anderer Stelle bereits eingebaut:

Hütchenspiele mit der Verfassung

Heute ist es einfacher, sich über Staatsgrenzen hinweg mit der eigenen Kohorte zu verständigen als über Generationen hinweg mit den eigenen Eltern. Die Grunderfahrung der Quartiermacher ist der Verlust an Prägungskraft.

*

Was manche osteuropäischen Regierungen so treiben, nennen die Soziologen „Hütchenspiele mit der Verfassung“. Eine Variante ist die Übernahme westlicher Standards auf einer homophob-sexistischen Folie.

Antiliberaler Gegenschlag

Heute gibt es mehr Grenzen als zu Zeiten der Berliner Mauer. Der Optimismus des Westens lahmt. Das Vertrauen in Demokratie sinkt. Der Liberalismus erscheint als kranker Mann am Hudson.

Das vermeintliche „Ende der Geschichte“ erweist sich als der Beginn des „Zeitalters der Imitation“. Fast drei Jahrzehnte lang lautete der Imperativ für den Osten: „Imitiert den Westen!“ Dabei erwies sich, dass das Leben des Imitators zunehmend von Gefühlen der Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit und des Verlusts der eigenen Identität beherrscht wird.

*

Keine Erwartung finden Krastev/Holmes gründlicher enttäuscht als die Vorstellung, der (ab Neunundachtzig) eingenommene Osten verhielte sich wie die arme, aber willige Blumenmädchen Eliza Doolittle in G.B. Shaws Lehrstück „Pygmalion“ und übe gegenüber dem selbstherrlichen Professors Henry Higgins aka Mister West Ergebenheit. Stattdessen „bekam die Welt eine Bühnenfassung von Mary Shelleys Roman Frankenstein zu sehen“. Während sich der Osten in langen Linien als anti-neoliberales Bollwerk etabliert und auf unerwartete Weise angreift, rennt der globale Süden wie von der Tarantel gestochen auf die Hotspots des westlichen Wohlstands zu. Ihn agitiert primär nicht die Kritik an einer in amerikanischen Hochschulen vorbereiteten, modellhaft-menschenverachtenden Politik, sondern die Aussicht auf Teilhabe an den Resterampe-Angeboten der Überflussgesellschaften.

*

Egal sei es den Deutschen, womit sie die Welt schulmeistern. Auch mit dieser Begründung wehrten Repräsentanten der Visegrád -Staaten“ …

„Am 15. Februar 1991 trafen sich auf dem Schloss von Visegrád die Präsidenten von Polen (Lech Wałęsa), der Tschechoslowakei (Václav Havel) und Ungarn (József Antall) und vereinbarten Ziele, die ihre Länder als Gruppe erreichen wollten.“ Wikipedia

… die deutsche Willkommenskultur ab.

*

Die Globalisierung der Kommunikation installiert eine totalitäre Herrschaft der Vergleiche. Der Weltmaßstab entspricht dem Durchmesser eines Dorfplatzes. Im globalen Dorf liefern nicht mehr die informierte Nachbarschaft sämtliche Referenzpunkte einer Existenz.

*

Sie bezeichnen sich als proeuropäisch, obwohl sie erbitterte Gegner der EU sind. Viktor Orbán und Jaroslaw Kaczyński begreifen sich einvernehmlich als Helden im Widerstand gegen eine „islamische Invasion“. Beide spielen mit der Figur des Katechon, dem eine aufhaltende Funktion zukommt. Carl Schmitt hält sich mit dem „Aufhalter“ auf; Krastev/Holmes verweisen darauf mit einem Sobieski*-Zusatzlink.

*Johann Sobieski/Das polnische Amselfeld

Polen versteht sich als Sturmspitze der Christenheit. Von daher bezieht die Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość eine rauschhaft-ungehemmte, nicht einfach abstellbare Zustimmung. Die PIS arbeitet an einem Mythos, nach dem sich Polen von den Knien erhoben habe, um „die Rettung Europas vor sich selbst“ (Emilia Smechowski) als Kampf gegen die westliche Liederlichkeit und Permissivität zu führen. Die Nationalisierung des Warschauer Aufstandes verstärkt den Mythensockel. Die Hauptlast trage eine Verteidigungstat, die 1683 das Antlitz der Welt änderte. Die Septemberschlacht am Kahlenberg gilt als „das polnische Amselfeld“. Ein polnischer König beendete die osmanische Vorherrschaft in Europa. Siegreich führte Jan III. (Johann Sobieski) eine Allianz gegen die Belagerer Wiens. Aus diesem Ereignis macht Jarosław Kaczyńskis Partei patriotisches Theater. Zitiert nach Emilia Smechowski, „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“

„Für die PiS … wird der Staat nicht durch die Gesamtheit aller Bürger legitimiert.“ Emilia Smechowski

Orbán ignoriere „die vielen Vergangenheiten Ungarns“.

„Jedes Land hat viele Vergangenheiten und Traditionen, die sich oft widersprechen.“

Orbán und Kaczyński definieren sich als Bewahrer monoethnischer Gesellschaften. Sie binden Staaten an ihre Personen. Sie kritisieren die „westliche Preisgabe der Homogenität“ und betrachten sich als auch weiterhin die Hüter Europas.

Krastev/Holmes bezeichnen politische Führer wie Orbán und Kaczyński als „illiberale Demokraten“.

Orbán „macht Zeitungen und TV-Anstalten zu „Organen der Staatsmacht“. 

Bald mehr.

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