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03.12.2019, Jamal Tuschick

Sie zählte zu den namhaften Angries um John Osborne und Alan Sillitoe. Ihre literaturgeschichtliche Bedeutung oszilliert zwischen Meilenstein und Ikone: Shelagh Delaney führte ein exemplarisches Leben im Epizentrum und zu der Hochzeit des Kitchen Sink Realism – dem Bonjour Tristesse des britischen Non-Establishment der konkreten Nachkriegszeit.

Retardierende Freiheitsrhetorik

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„Süß singt der Esel“ heißt die erste Geschichte. Die halbwüchsige Erzählerin,

groß, dünn und düster,

berichtet wie eine Reporterin aus einem konfessionell geführten Erholungsheim. Es herrscht die eisige Atmosphäre einer Krankenstation. Die Internierten sind bleich. Aufgeschwemmt und … die einen. Hohlwangig und … die anderen. Beinah jede Lebensfreude verdunstet in einem Nonnenregime.

Shelagh Delaney, „A Taste of Honey“, Erzählungen und Stücke, herausgegeben von Tobias Schwartz u. André Schwarck, aus dem Englischen von Tobias Schwartz, AvivA Verlag, 398 Seiten, 22,-

Die Zöglinge verwelken in Rekordzeit. Die Erzählerin reibt sich an der mutwilligen Verschwendung von Lebenskraft. Sie verweigert sich den naheliegenden Arrangements und sucht Zuflucht im Protest. Delaney jubelt ihr eine retardierende Freiheitsrhetorik unter – einen ebenso entlarvenden wie zementierenden Text.

Es sieht so aus, als (er)fasse die Erzählerin einen wehenden Schoß vom Mantel der Geschichte. Auf der Strecke zwischen Manchester Kapitalismus und British Invasion kulminiert - und kollidiert ein historischer Augenblick in drangvoller Enge mit seinem pietistischen Antagonisten. Die Verlorenheitsästhetik von Deep End bis Quadrophenia spricht sich in den Bildern ursprünglich aus.

Dies ist ein Anfang – ganz und gar konzentriert in der Ästhetik. Die häuslichen Verhältnisse sind marode. Die Gesellschaftsordnung bietet keinen Trost. Die Idole der nachrückenden Akteure des avancierten Jetzt, als deren Sprecherin die Erzählerin erscheint, sind Partygänger und Stilikonen.

Musik und Mode transportieren das Avantgardeprogramm.

Mit Steckrüben und Milchpulver halten die Nonnen dagegen. Ihr reaktionärer Widerspruch formuliert sich nicht weniger vehement-forciert als die Modernitätsattitüde der Erzählerin. Delaney erlaubt ihrer Heldin einen psychologischen Leuchtturmausblick. Die Autorin hebt ihre Girliegöre an bis in die Sphäre des Begreifens:

Die Nonnen, das sind nicht bloß Schreckschrauben, die sich selbst verriegelt haben.

Die Erzählerin startet eine Einfühlungsexpedition. Sie entdeckt ihre poetischen Potentiale in der halbklösterlichen Verbotsordnung. Sie erdichtet sich einen männlichen Gegenstand der Verehrung, dem ein Strandreiter Modell steht. Solange der Sportler sich weit genug weg im Gegenlicht tummelt, taugt er als Projektionsfläche. In einer zufälligen Annäherung verliert er seine Attraktivität und der Reiz wechselt von der Person zu dem Gespräch über die Person.

Die Erzählerin erdichtet sich einen männlichen Gegenstand der Verehrung, dem ein Strandreiter Modell steht. Solange der Sportler sich weit genug weg im Gegenlicht tummelt, taugt er als Projektionsfläche. In einer zufälligen Annäherung verliert er seine Attraktivität und der Reiz wechselt von der Person zu dem Gespräch über die Person.

Ein Traum von Kartoffelbrei mit Tunke

Die Erzählerin hat lange vor der Internierung, die den Erzählanlass liefert, gelernt, mit allem Möglichen vorlieb zu nehmen. Ihre Devisen könnten kaum altbackener sein. Trotzdem ergeben sie den Hintergrund zu einem Jugendaufstand.

Etwas anderes als Mitleid und Ablehnung empfindet die Erzählerin für die jüngste Nonne. Veronica ereifert sich im Spiel. Sie schmeißt sich unter die Zöglinge.

„Auch wenn sie blass ist, sieht sie aus, als hätte sie noch ein wenig Leben in sich.“

Rust Belt Romantik

Jeder kennt Ewan MacColls Evergreen „Dirty Old Town“. Die Wenigsten wissen, dass das Lied als Hommage an MacColls und eben auch Shelagh Delaneys Geburtsstadt Salford entstanden ist. MacColl ehrte das Gemeinwesen in der Munizipalität von Manchester ursprünglich nur, um mit der Leiernummer einen Szenenwechsel in seiner Show glatt über die Bühne gehen zu lassen. Die Rede ist buchstäblich von einer Übergangslösung. MacColl half sich so aus einer Verlegenheit. Daraus wurde ein Klassiker. Spekuliert man auf industrielle Tristesse und Rust Belt Romance, dann übertrifft Salford das zur Metapher eines obsoleten Lebensgefühls im Spektrum negativer Großartigkeit avancierte Manchester. 

A Taste of Honey: The Smiths - This Night Has Opened My Eyes

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Darf man Morrissey noch gut finden?

Es wäre die richtige Frage gewesen für eine öde Debatte, in der sich im akuten Jetzt alle möglichen Leute als Aktivist*innen zu erkennen geben, um sich im Fusel-Furor der richtigen Gesinnung zu echauffieren und zu distanzieren. Aber Tobias Schwartz stellte den Zwiespalt seiner Empfindungen dann doch nicht zur Diskussion. Der edierende Übersetzer einer unter dem Titel „A Taste of Honey“ gehaltenen Textsammlung aus dem Werk von Shelagh Delaney hielt es sogar für möglich, dass im Publikum nicht jeder mitbekommen hatte, weshalb Morrissey auf einer weltweit kursierenden Ächtungsliste gelandet ist.

Shelagh Delaney, „A Taste of Honey“, herausgegeben von Tobias Schwartz u. André Schwarck, aus dem Englischen von Tobias Schwartz, AvivA Verlag, 398 Seiten, 22,-

Schwartz präsentierte den Band im Rahmen einer Wohnzimmerlesung. Die Delaney verlegende Gastgeberin Britta Jürgs sekundierte dem The Smiths- und im Besonderen Morrissey-Aficionado.

Wikipedia weiß: Shelagh Delaney (* 25. November 1938 in Broughton, Salford, Lancashire; † 20. November 2011 in Suffolk, East Anglia, England) war eine britische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die vor allem durch ihr Theaterstück Bitterer Honig (Originaltitel A Taste Of Honey) bekannt wurde.

Der sperrige und stachelige Musiker aus Manchester half mit seinen Liedern dem Referenten am Leben zu bleiben. Morrissey stellte den Kontakt zu Delaney her, ohne sich persönlich zu bemühen.

Von Delaney erfahren wir, wie Manchester wirklich war … damals als überall die Ratten durch die Wände brachen.

Schwartz kennt seit fast dreißig Jahren Texte von Delaney auswendig, war sich dessen jedoch lange nicht bewusst. Der Fan reagierte auf Morrisseys lyrische Landnahmen extrem verzögert. Er realisierte einfach nicht jede Fremdvers in seiner übernommenen Wörtlichkeit. Zwar habe Morrissey fremde Quellen in seinem Werk stets angegeben, doch sei der Ursprung in der Aura des Idols verschwunden.

Das ist eine interessante Beobachtung. Morrissey überstrahlte Delaney in der Wahrnehmung des jungen Schwartz, bis sich die Schriftstellerin in dieser Wahrnehmung von ihren Nebenrollen emanzipierte und Morrissey zu ihrem Sidekick machte.

Schwartz zählte die Helden auf, die Delaney ihre Reverenz erwiesen. Wie zum Beispiel die Beatles, deren Magical Mystery Tour-Soundtrack, so Schwartz, von einer Delaney-Geschichte namens „The White Bus“ inspiriert wurde.  

Die Literatur- und Theaterkritik habe sich förmlich an Delaney vergangen, die Schriftstellerin „aufs Frausein reduziert“ und einen Grottenolm-Sexismus gefeiert.

Britta Jürgs und Tobias Schwartz

Britta Jürgs gestattete sich die Bemerkung:

„Delaney war zu rebellisch.“

Vielleicht wollte man ihr den Widerstand, den sie (mit dem sie Leute gegen sich) aufbrachte, heimzahlen mit fiesen Rezensionen.

Goethe furios: „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“  … ein nichts könnender Alleswisser.

Zu Delaneys Zeiten war Manchester ein Hotspot des Prä-Swinging London-Appeals. Die Kapitale der industriellen Revolution bot in den 1950er Jahren als Muster einer kaputten Industriestadt den Nighthawks malerische Schauplätze und Kulissen. Schwartz behauptete, dass Delaney Salford der großen Stadt den Rang ablief, soweit es den Dirty-Old-Schick- und Charme betraf.

Delaney sei eine 24/7-Partygängerin gewesen, die sich oft auf dem federnden Boden im Tanzsaal des Ritz ausgelassen habe. Die Rezeption ihrer Prosa und der dramatischen Sachen verlief im Takt der Epochensichtungen vergleichsweise angemessen. In jeder Angry Young Men-Bestandsaufnahme tauchten Pinter und Osborne - und Sillitoe mit seinem wunderschönen Titel The Loneliness of the Long-Distance Runner …

Ein Satz meiner auf Sportplätzen absolvierten Jugend:

The can't kid me, the bastards. Alan Sillitoe

… und Delaney auf. Man lobte die „spröde und ungestüme Schönheit“ ihrer Sprache. Heute würden die späten Fünfzigerjahre literarturwissenschaftlich vernachlässigt. Das steuerte Mitherausgeber André Schwarck bei:

„Es liegt ein Schleier auf dieser Zeit.“

Aus der Ankündigung

… möchte ich Dich schon jetzt sehr herzlich zum Presseempfang anlässlich des Erscheinens von »A Taste of Honey« von Shelagh Delaney einladen. Der Herausgeber und Übersetzer Tobias Schwartz präsentiert am Mittwoch, dem 30. Oktober 2019 um 19.30 Uhr den am 16. Oktober erscheinenden Band, der die Erzählungen und Stücke der britischen Autorin in vollständiger Neu- und Erstübersetzung versammelt. Die Veranstaltung findet … statt. Die 1938 in Salford bei Manchester geborene Shelagh Delaney ist die einzige Frau unter den »Angry Young Men« der britischen Nachkriegsliteratur – und weit mehr als nur eine feministische Fußnote. Shelagh Delaney verkörpert eine neue, aufstrebende und radikale Autor*innen-Generation und auch den Zorn einer wirtschaftlich und kulturell vernachlässigten Schicht. Sie entwickelt sich zu einer Ikone der Popkultur im Vereinigten Königreich.»A Taste of Honey« lädt nun dazu ein, das facettenreiche Werk Delaneys, die in Großbritannien längst zur Klassikerin geworden ist, endlich auch im deutschsprachigen Raum zu entdecken. Die Schauspielerinnen Franziska Melzer und Mareile Metzner und der Schauspieler Jon-Kaare Koppe präsentieren an dem Abend Passagen aus Delaneys Erzählungen und Stücken. Tobias Schwartz erzählt, wie er dazu kam, Shelagh Delaney zu übersetzen; im Anschluss geben Franziska Melzer und der Musiker Marc Eisenschink ein kleines Live-Konzert mit Songs von Elvis, den Beatles, Joy Division und The Smiths – Songs also, die weitestgehend aus dem Delaney-Kosmos stammen.

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