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03.12.2019, Jamal Tuschick

Mit Baudelaire beim Boulanger/Paris in der Literatur - Walburga Hülk lädt den Leser zu Räuschen und trockenen Illuminationen auf den Magistralen des kaiserlichen Paris zwischen Farce und Tragödie ein.

Im Schutt der alten Zeit

Eingebetteter Medieninhalt

Louis Napoleon Bonaparte (1808 – 1873) leitete die letzte durchgreifende Restauration seines Landes im 19. Jahrhundert ein. Als Napoleon III. erneuerte und finalisierte er das französische Kaisertum nach einem Staatsstreich. Gleichzeitig führte ein Putschist den Triumphzug der Moderne an. Der „kleine Napoleon“ (Victor Hugo) machte Paris zum „Epizentrum des Aufbruchs in die Zukunft“.

Walburga Hülk, „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

Walburga Hülk beseelt die Metropole an der Seine mit Zeitgenossen, denen der Kaiser lächerlich erscheint. Die Romanistin zeigt die größten Geister der Epoche im Morgenmantel ihrer Bedeutung. Flaubert schlägt sich mit Studien zu Madame Bovary herum. Baudelaire schlägt sich als Kunstkritiker durch. Er bespricht Ingres und Delacroix. In einen Kalender der Genauigkeit trägt Hülk die Marken ein, die den um 1855 breit geschätzten Ehrenlegionär und Akademievirtuosen Jean-Auguste-Dominique Ingres von seinerzeit Missachteten und heute höher als Ingres eingestuften Künstler*innen in den Augen der Gegenwärtigen von Damals unterschieden.

Keine Konjunktur für Nostalgiker

Bonapartes Bauwut kostet Langschläfern und Schwerhörigen das Leben. Wer nicht schnell genug räumt, fliegt mit seinen vier Wänden in die Luft und endet im Schutt der alten Zeit. Hülk überfliegt ihre eigene Metaphorik. Sie prescht durch die Register; jeder Erzähleinfall steigt im Turbopaternoster auf. Kein Heutiger kann moderner sein als es Baudelaire in der Haussman(n)ia ist. Ihm liegt Delacroix‘ erzählende Malerei, in der Dante, Shakespeare, Stendhal und Byron aufkreuzen. Indem Baudelaire dem Maler ein „Übermaß an Imagination“ attestiert, gewährt er sich selbst den üppigsten Kredit bei la reine de facultés – der Königin der Fachbereiche.

Enragé et engagé

Allgemein geht man hart miteinander ins Gericht. Die Kunst ist noch nicht enteilt. Für ihre Elfenbeintürme existieren erste Entwürfe. Künstler mischen mit, hassen und verachten offensiv, so wie der Oberkiffer Théophile Gautier den Malerathleten Gustave Courbet hasst und verachtet.

Der eine aufgeschwemmt, der andere muskulös: so treffen sich die Kontrahenten im „Pavillon des Realismus“. Courbet begreift sich als Unabhängiger im Vergleich mit den Vertretern der offiziellen Malerei. Er malt in der Opposition und in den Farben seiner bäurischen Herkunft. Das Publikum hält Courbet selbst für einen Bauern, Baudelaire nennt ihn einen „kraftvollen Arbeiter … mit aufständischer Gesinnung“. Baudelaire begreift Courbet als Kombattant in „einer Schlacht um den Realismus“.

Der Stemmschwung meiner Zeilen wiederholt Hülks retroschicken Elan. Wir werden noch viel Freude mit ihren leichthändigen Anverwandlungen haben.

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