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06.12.2019, Jamal Tuschick

Afan! So nannten wir die äthiopischen Soldaten, die in VW-Bussen in der Stadt patrouillierten, auf der Suche nach Widerstandskämpfern oder „Verrätern“. Sie waren bekannt für ihre Grausamkeit. Nur im äußersten Glücksfall töten sie ihre Opfer sofort.

Steingebet – Eine Geschichte von Elilta Mesmer - 6. Folge

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Wir sind evangelisch, meine Mutter hat uns in tiefem Glauben erzogen. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie in der ersten Zeit nach der Ermordung meines Vaters zum Beten vor die Tür ging, um Steine in den Himmel zu werfen.

Die Widerstandskämpferin Lula (Mihret) Gherezghiher*.

*Meine Mutter heißt nicht Mesmer, bei uns behalten die Frauen ihren Mädchennamen. Der Nachname ist immer der Vorname des Vaters. Mein Papa hieß Mesmer mit Vornamen.

Vorspann

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

*

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, den Film zurückspule, all die Stationen durchlaufe, einen Blick auf sämtliche Höhen und Tiefen werfe und mir die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis rufe, dann gibt es da einen roten Faden. Die Kontinuität lässt sich in einem Wort fassen. Es ist ein Eigenschaftswort, daß mir schon lange allgegenwärtig ist und über das ich ständig stolpere. Es scheint, als klebe es an mir wie Dreck am Schuh. Was auch immer mir widerfuhr, ob in der Konsequenz eigener Entscheidung oder in der Folge fremder Einflüsse.

Es ist maßlos.

Maßlos im Guten und im Schlechten. Die Wut und Zerrissenheit, die mich begleiten, wie auch das Misstrauen, sind maßlos. Die Liebe, die ich zu geben habe, ist ebenso maßlos, wie die, die ich fordere.

Riot Blues

Die Aufnahme entstand 1977 in einem bebenden Land. Wir lebten in der Hauptstadt Asmara und befanden uns im Epizentrum der Unruhen. Die eritreische Aufstandsbereitschaft erzeugte einen Ausnahmezustand, der sich gesetzlich kaum regeln ließ. Er war so etwas wie ein kollektiver Durchbruch – ein Zustand zwischen Ekstase und Depression.

Alle hatten den Riot Blues.

Was zuvor geschah

Die Handlung setzt im Oktober 1978 ein.

Mihret, die Mutter der Erzählerin, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Eritreas Hauptstadt Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden.

Schrei des Glücks/Prozessionen des Alltags

Nach einer Weile bemerkte ich eine Kutsche, die deutlich langsamer als unsere fuhr. Ich schaute genauer hin, es gab sonst nichts zu beobachten auf der Staubpiste. Als wir näherkamen, erkannte ich ein Tuch meiner Mutter. Vor Schreck und Freude blieb mir die Spucke weg. Ich vergaß zu atmen.

Meine Lebensgeister kehrten rasch zurück.

„Mama.“

Erst jetzt fiel eine Art milder Schockstarre von mir ab. Ich erlebte eine Befreiung, das Wunder der Erleichterung. Aufspringend schrie ich mein Glück in die Welt. Im Gegenlicht meines Glücks tastete eine Ahnung die Ränder des Abgrunds ab, an dem ich meine Schwester und mich bis eben vermutet hatte. Die mütterliche Eigenmächtigkeit, Mamas Flucht ohne Segen und mich, sollte sich künftig zwar als ständige Katastrophe vor den Prozessionen des Alltags verbergen, blieb aber als Manifestation des Ungeheuerlichen tödlich präsent. In mir hatte sich binnen Minuten ein Trauma eingenistet, dessen Glutkern bis heute nichts von seiner Virulenz verloren hat. Ich bin heute noch so verloren wie ich es war, als mich die Einsicht am Hals ergriff und zu würgen begann, dass meine Mutter mich unter gewissen Umständen im Stich lassen würde. Dass es Wichtigeres gab als mich. Ich erfror mit dieser Erkenntnis, die sich bald einstellen sollte. Selbst die Geburt meines Sohnes war als Zauber nicht stark genug, um mich aufzutauen.

Den Ereignissen vorgreifend, behaupte ich, alle waren steril vor Angst. Alle wählten den Kurs der Vermeidung und schalteten sich ab. Zugleich gingen wir zu einer Travestie der Lebhaftigkeit über, die uns Zombies bis in die Gegenwart besonders lebendig und tatkräftig erscheinen lässt.

Die Quelle meiner Energie ist die Vermeidung. Ich habe das Haus meines Lebens auf den Sand meiner Angst gesetzt. Ich bin mir einigermaßen sicher, dass meine Mutter mir vorbildlich voran gegangen ist, als Zimmerfrau eines unwirtlichen Lebens. Die Ermordung ihres Mannes und die Erkenntnis, uns nicht durchgreifend beschützen zu können, lösten sie von ihren Ankern und machten Treibgut aus ihr.   

Doch lag das nicht handgreiflich in meiner Kindheit, als ich (nach) Mama schrie und mich dabei wie vom Veitstanz geschüttelt, teuflisch verrenkte. Auf der Bühne des Kutschenbodens brachte ich meine wahnsinnige Angst sowie eine grauenhafte Zukunftsvision zur Aufführung.

Wir waren nun Flüchtlinge. Höre ich heute Leute in Ludwigsburg von Geflüchteten reden, weiß ich bestimmt, dass sie nicht wissen, wovon sie reden. Ich weiß, dass sie das Gefühl nicht kennen, einem mächtig ungnädigen Schicksal ausgeliefert zu sein.

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