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08.12.2019, Jamal Tuschick

Alltag in einem besetzten Land - In „Der Schnee war schmutzig“ erzählt Simenon von einem auf Dauer gestellten Ausnahmezustand in einem besetzten Land. Im Nachwort zu einer neuen Ausgabe rückt Daniel Kehlmann den 1948 erstmals erschienenen und in Arizona weit weg von dem zerschlagenen Europa entstandenen Roman in eine Reihe mit den existenzialistischen Großtaten von Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Kehlmann findet den Non-Maigret politisch.

Georges Simenon als politischer Autor

Vage Welt

Eingebetteter Medieninhalt

Bei Timo verkehren die Leute mit den Leichen im Keller. Der Wirt dient ihnen als Vorbild in seiner Verworfenheit. Sein Lokal ist eine Brutstätte des Verbrechens in einem besetzten Land. Seine Gäste sind Kollaborateure und Repräsentanten des Usurpationsregimes.

Georges Simenon, „Der Schnee war schmutzig“, Roman, auf Deutsch von Kristian Wachinger, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 310 Seiten, 12,-

Georges Simenon bevölkert eine vage Welt mit schäbigen Figuren. Man weiß nicht, wann und wo das Schurkenstück spielt. Allerdings weiß man bald: wer mitmacht.

„Wenn ich aus meinem ganzen Werk nur einen einzigen Satz aufbewahren dürfte, dann wäre es ein Satz aus Der Schnee war schmutzig.“ Georges Simenon

„Der Schnee war schmutzig“ liefert Psychogramme der Entfremdung im Zuge eines allgemeinen moralischen Niedergangs. Simenon seziert Bedingungen, die das Böse zur Banalität erklären. Sein Held Frank Friedmaier strebt zur Gemeinheit mit dem Sinn des Strebers für das Opportune. Er kultiviert einen erniedrigenden Kommunikationsstil.

Soziale Kanalisation

In seinem Milieu, einer von den Okkupanten gekachelte soziale Kanalisation, will Frank einfach nur den Normen genügen und keineswegs den Bogen überspannen. Er beobachtet einen Militärpolizisten. Als „geiler Eunuch“ feiert der Besatzer seine Privilegien mit Sexarbeiterinnen. Lüstern lässt er sich von den Unterworfenen verachten. Sein Revolver wird für Frank zu einem Objekt der Begierde. Frank glaubt, dass ihn das Machtinstrument zu einem besseren Mann machen wird. Waffen erfüllen Fetisch- und Initiationsfunktionen.

Zunächst besorgt sich der Gewaltnovize ein Messer, dessen „intelligente Klinge“ einem Mord förmlich entgegen suggestiert. Unbekümmert geht er seiner Wege, während andere sich wegducken. Frank ahnt und vermutet biografische Katastrophen am Rand seiner Strecken in einem besonders verrufenen Quartier. Frank macht einen aus besseren Verhältnissen abgestiegenen Straßenbahnfahrer im Rebel without a Cause-Stil zum Mordzeugen; Simenon integriert Schilderungen der Halbstarken-Subkultur in seiner Nebelberg-Dystopie. Er diskutiert und platziert seinen Obsessionen im Text. Er imaginiert ein sexuelles Schlaraffenland.

Franks Mutter betreibt in ihrem Wohnzimmer ein Bordell. Frank hat Carte Blanche. Er ist der Herr im Haus und genießt den misogynen Rausch als ständigen Zustand. Natürlich spart er sich seine Verehrung für eine Jungfrau, für die im Übrigen nicht gut gesorgt wird.

Sissy verkörpert die Hauptrolle auf Franks innerer Theaterbühne als Trophäe. Der höchste Preis gebührt einem, der zu jeder Überschreitung bereit ist. Es geht darum, die Nachteile von Stromsperren und anderen Rationierungen zu vermeiden. Wertvoller als Geld ist eine „grüne Karte“. Diesen Passierschein besitzen Wenige.

Also bemüht sich Frank um die Karte. Er verkennt die Bedingungen seines ehrgeizigen Überlebens. Seine Dominanz in einem Winkel der Fremdherrschaft wird deshalb porös. Zu spät begreift er, von wem er abhängt. Franks Mauseloch der Macht bleibt nicht mehr lange ein Schauplatz der Selbstüberschätzung.

Frank gerät in die Zwangslage eines Internierten. In Kehlmanns Interpretation erlebt der Inhaftierte eine Katharsis. In einer christlichen Anordnung erführe Frank höchste Menschlichkeit in einer Verwaltungshölle, in der sogar der Tod kaserniert zu sein scheint. Ich finde Simenon inzwischen zu flach für eine existenzialistisch umgedeutete Erweckungseuphorie. Frank trotzt seinem Ende blind entgegen. Seine Verwandlung vom Analytiker, der alles daransetzt, die Gegenseite zu durchschauen, zum Fatalisten, der weiß, dass er nichts begriffen hat und ihm nichts Besonderes bevorsteht, folgt trivialen Einsichten. Die normative Kraft des Faktischen formt Frank in einer Erosion. Die Zersetzung wirkt naturhaft. Mich lässt Frank an einen gestürzten Bergsteiger denken, der in unwegsamer Einsamkeit von einem Knöchelbruch zum Tod verurteilt wurde und ob der Lächerlichkeit seiner Angelegenheiten sich vor sich selbst als Philosoph aufspielt.

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