MenuMENU

zurück zu Main Labor

08.12.2019, Jamal Tuschick

In seinem Romandebüt „Goldman oder Der Klang der Welt“ erzählt Mirt Komel vom Wunder der Begabung und von der Dürftigkeit schierer Existenz.

Das russische Heimweh nach Paris

Die Tür von Pont Aven. Ein unbekannter Maler machte im ausgehenden 19. Jahrhundert aus einer Ateliertür ein Triptychon. Er reiste ab, ohne seine Urheberschaft anzumelden. Nichts Äußerliches bewog ihn in dieser Sache. Ist das nicht großartig?

Sie leben auf verschiedenen Wahrnehmungskontinenten und doch nur in einer Wohnung. Gabriel Goldman empfiehlt sich der Welt als mütterliches Loblied in höchsten Tönen. Natan Goldman erträgt keinen Gesang. Seine Leidenschaft gehört der akkuraten Schadensermittlung. Da kommt er auf seine Kosten, das Schicksal spielt ihm ein mieses Blatt nach dem anderen in die Hände; und stets ist Natan fix dabei, seine Verluste exakt festzustellen.

Mirt Komel, „Goldman oder Der Klang der Welt“, Roman, aus dem Slowenischen von Sebastian Walcher, Hollitzer Verlag, 202 Seiten, 23,-

Es gibt keine Unkosten, nur Kosten. Volksmund mit Abitur

Natan und Gabriel stehen im Verhältnis von Vater und Sohn zueinander. Der Sohn singt. Der Vater grimmt; ab und zu knallt eine Elster durch das Fenster und zerschlägt das Glas einer antiken Uhr. Daraufhin erhält Gabriel die Gelegenheit, das Verständnis seiner halbadligen Mutter Cecilia zu ernten. Er zieht sich in Falten ihres Rocks zurück. In den Zwischenräumen ist er akkreditiert als empfindsames Kind. Empfindsam kursiert in dieser Sphäre als Synonym für hochbegabt. Jahre später, die Symbiose ist perdu, findet sich Gabriel auf einer Rehabilitationsstation wieder und erinnert sich an bessere Tage.

So zieht Mirt Komel seine Geschichte auf. Gabriel wurde mit unklaren Symptomen eingeliefert. Er ist krank genug, um Anspruch auf ein Krankenhausbett zu haben.

Doch was fehlt ihm?

Offenbar hat er es als Pianist zu Starruhm gebracht. Wieder kehrt der Erzähler zu den Anfängen zurück – zum Spiel von Großvater Evgen, der in Russland heimisch war, als da „die Zaren ihre Stiefel am Volk abwischten und noch nicht die Revolutionäre“. Der Opa schmückte den Stammbaum mit einer „vollblütigen Aristokratin“. Sein Lieblingsinstrument folgte ihm eigenständig um die halbe Welt und bot sich ihm schließlich in New York als verschrammtes Stück zum Wiederkauf an.

Spätestens an dieser Stelle bemerkt der Leser Komels Surrealismus im Verein mit Gabriels Genie. Gabriel findet zu seinem Instrument wie von selbst. Der Künstler als kleines Kind betritt die Arena im Strahlenkranz des Berufenen, während Evgen sich in den „Delirien eines alten Trottels“ verstolpert.

Auf beiden Seiten herrscht Einsicht in die Konditionen des Gelingens nach historisch-materialistischen Maximen. Evgen ist dreifacher Schismatiker. Ein Bourgeois im Firlefanz der Revolution; ein Abtrünniger Stalins auf Montmartre am Kaschemmenklavier; und ein Unglücklicher in New York, voller russischem Heimweh nach Paris.

Träumender Bettler oder bettelnder Gott

Aber da ist noch mehr. Gabriel macht aus seiner Begabung eine Merkwürdigkeit: er murmelt mit Aspirationen von Gesang und begleitet so sein Spiel. Er gewinnt dem weitgereisten Pianino des Ahnen alles ab. Im Krankenhaus wird er vom Initiierten zum Initiator. Ihn stützt das fabelhafte Publikum der räudig Zukurzgekommenen. Abgesprengte vom Aufgalopp der Gesunden applaudieren ihm.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen