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10.12.2019, Jamal Tuschick

Nach der Katastrophe - Der japanischen Neigung zum Isolationismus liefert Yoko Tawada eine weitere Versuchsanordnung. Auch so könnte es kommen …

Präpubertäre Hinfälligkeit

Yoko Tawada im Berliner Haus für Poesie

Eingebetteter Medieninhalt

Nach einer Katastrophe schottet sich Japan ab. Der Aussperrungsanlass findet keine Erwähnung. In der postapokalyptischen Gesellschaft schwächeln die Kinder bis zur präpubertären Hinfälligkeit. Sie strotzen aber vor Weisheit. Höchst alerte Greise turnen ihnen was vor. Die Alten werden immer älter, sie bleiben fit bis zum Schluss.

Yoko Tawada, „Sendbo-o-te“, Roman, aus dem Japanischen von Peter Pörtner, Konkursbuch Verlag, 200 Seiten, 12.90 Euro

Yoshiro erinnert sich an früher. Er stellt sich Reisen vor, die kein Mensch mehr macht. In zerfallenen Metropolen vermutet er eine „silbrige Stille“. In Gedanken besteigt der Autor von „Sendboote nach China“ einen „völlig verlassenen Expresszug (und fährt) von Shinjuku nach Narita“.

Yoko Tawada spielt mit unseren Vorstellungen von einer zum Erliegen gekommenen Zivilisation, deren Wurmfortsätze Schrumpf- und Rumpfformen eines aufgegebenen Lebensstils zulassen. Die Autorin verzichtet auf dystopische Genauigkeit. Ihre von verschrobenem Einfallsreichtum regierten Szenen wirken pointillistisch-verspielt.

Yoshiro beweist Gewöhnung an Verhältnisse ohne Haustiere, sieht man von Miethunden ab. Selbst Kaninchen existieren nur noch als Gerücht. Messer werden in Buchhandlungen als Bückware verkauft und kaputte Thermometer auf einem Dingfriedhof begraben. Man reichert Mehl für Kekse mit dem pulverisierten Fleisch von Pinguinen an.

Fremdwörter unterliegen einem Tabu.

Yoshiro nach kommt ewig fiebernd Mumey. Das kluge Kind hält den Urgroßvater auf einem Kurs der Fürsorge, der wiederum eine Verbindung mit der eigenen Familiengeschichte schafft. Anderenfalls wäre Yoshiro in der surrealen Gegenwart unbeschwert von allen Ankern.

Offensichtlich reagiert Tawada auf die Klimagerechtigkeitsdebatte im historischen Augenblick. Der Boomer Yoshiro verfügt über (wertlose) Informationen aus der Verschwendungszeit, als die globale Erwärmung noch mit Renditeerwartungen verknüpft wurde und sich bizarre Exploitationsallianzen wie ein letztes Aufbegehren gegen besseres Wissen bildeten. Nun gibt es nicht einmal mehr Espresso, um ihn sich zwischendurch hinter die Binde zu kippen, und das körperliche Repertoire des Urenkels suggeriert eine Entwicklung Richtung Krake.

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