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10.12.2019, Jamal Tuschick

Energie und Würde vermutet Charles Baudelaire bei ozeanischen Anthropophagen. Den zivilisierten Zeitgenossen hält er einen verätzenden Spiegel vor.

Un Bestiaire Poétique

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Charles Baudelaire überschreibt seine Ästhetik mit der übergriffigen Behauptung:

„Das Schöne ist immer bizarr.“

Er schult seine Anschauung an Edgar Allan Poe und bezieht sich zumal auf die extrem willensstrake Ligeia, für die Willensfreiheit noch ein geklärter Begriff ist. Europa erscheint Baudelaire dekadent. „Vitalität“ vermutet er anderswo. Der altweltliche Fortschritt ist ihm und seinen Brüdern im Geist suspekt. In der Lokomotive erkennt Baudelaire „den Sündenfall der Moderne“. Das erzählt Walburga Hülk in einem außerordentlich ergiebigen Geschichtsbuch.

Walburga Hülk, „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

Eine Ausstellung überseeischer Kunst veranlasst den prekär lebenden, als Kritiker notdürftig dazuverdienenden Dichter Charles Baudelaire in den 1850er Jahren Kosmopolitismus als „göttliches Geschenk“ zu feiern. Er rezensiert Stücke, „deren Formen dem akademisch geschulten Auge zuwiderlaufen“, Darstellungen von Personen, „deren Muskeln nicht gemäß dem klassischen Stil vibrieren“ und deren „Gang nicht den Kadenzen gewohnter Rhythmen folgt“.

Europa öffnet sich der „universellen Schönheit“.

Energie und Würde vermutet Baudelaire bei ozeanischen Anthropophagen. Den zivilisierten Zeitgenossen hält er einen verätzenden Spiegel vor. Er betreibt den preiswertesten Romantizismus, der einem Komfortzonenflüchtling zur Verfügung steht. Zugleich rennt er wie verrückt durch Paris. Die Stadt wird gerade aufgemotzt und tiefergelegt. Der bis zur Kaiserkrone selbstermächtigte Napoleon III. macht aus der Kapitale die Hauptstadt der Epoche (ungefähr Walter Benjamin). Die Kulturindustrie geht in den ersten Stunden des „Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) an den Start.

Landschaftsmalerei erscheint im Volle-Kraft-voraus-Modus der industriellen Revolution als oppositioneller (maschinenstürmender, antitechnischer) Ausdruck und wird so auch bewertet. Baudelaires Feinde im Establishment, die offiziellen Kunstrichter der Nation, begreifen die Propagandisten schroffer Küstenlinien und eines bretonisch-diffusen Blau-in-Blaus über Wiederkäuerweiden in der Nachbarschaft noch nicht überfischter smaragdgrüner Sardinenreviere als „bäurische Aufständische“.  

Die allegorisch nicht strapazierte Landschaft ist der denkbar niedrigste Gegenstand der Malerei, bis der Impressionismus neue Maßstäbe setzt, und mit der neuen Kunst auch Baudelaire als Kritiker ins Recht gesetzt wird.

Baudelaire steht nicht allein auf der Außenbahn. Die Brüder Edmond und Jules de Goncourt haben noch einen besseren Riecher für den heißesten Scheiß der Saison. Sie wollen, so sagt es Hülk, „die Malerei „in Zeiten der Erfindung der Fotografie konkurrenzfähig halten“. Von den Malern verlangen die Goncourts, dem „fotografischen Apparat“ in nichts nachzustehen.

Die Brüder verstehen sich als Gegner des Idealismus (und aller Esoterik). Im Grunde sind sie gegen alles, was der Mode im II. Kaiserreich entspricht. Die Halbwelt – le demi-monde biegt gerade von den Boulevards auf die Zielmagistrale ein. Alles ist Boulevard, ist frivol und Vaudeville. Als Star der Stunde geht ein Rheinländer an der Seine durch. Er heißt Jacques Offenbach und lebt, wie könnte es anders sein, „am Rande der Armut“. Der Kaiser aber fühlt seinen Reichtum als Vater eines Stammhalters.

Napoleon III. zeugte den „Sohn Frankreichs“ im Verlauf des Krimkrieges. Die Stadt Paris schenkt nun dem Knaben eine Wiege, die wie ein Segelschiff aussieht. Seine Amme kommt ihrem Amt in burgundischer Tracht nach.

Das Leben ist eine Operette, allerdings eine katholische. Die um sich greifende Restauration schmälert die Baudelaires, Flauberts und Goncourts. Sie gibt der Kirche ihre alte Macht zurück. Napoleon III. kuscht vor dem Papst. Jetzt kommt der Augenblick, da wir uns wieder Tomasi di Lampedusas „Leoparden“ zuwenden müssen. Die feudale Welt dreht sich um Fragen der Legitimität. Die Legitimität des zweiten französischen Kaisers ist absurd fadenscheinig, während Ferdinand II. als König beider Sizilien sowie als Chef des Fürsten von Salina - vom dynastischen Standpunkt aus betrachtet – vollkommen berechtigt herrscht. Das nutzt ihm indes wenig in Anbetracht seiner Schwäche. Ein alter Schlendrian rächt sich. Der Leopard Don Fabrizio Corbera verweigert ihm unerklärt die Gefolgschaft, um nicht mit dem schwachen König gemeinsam baden zu gehen. Er analysiert Ferdinands Gegenspieler Garibaldi als einen Mann, von dem sich Höherstehende etwas versprechen. Daraus schließt Salina, dass der Revolutionär an einer aristokratischen Leine liegt.

Sonst hätte man Garibaldi nicht zum Zug kommen lassen. 

Das erzählt Tomasi in seinem Meisterwerk „Der Leopard“. Er schildert den Reichseiniger als Gassenhauer Turiner Herrschaften. Er nennt Garibaldi einen Mazzinianer.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Jene, die im frühen 19. Jahrhundert auf die Einigkeit Italiens spekulierten, erachteten ein Wort von Giuseppe Mazzini als ihre Parole:

„L’Italia farà da se.“

Italien wird es allein schaffen.

Der Fürst von Salina zieht seine Schlüsse aus einfachen Überlegungen. Er ermutigt seinen Neffen, sich den Nationalisten um Garibaldi anzuschließen. Seinen Lehnsherrn, den König beiden Sizilien, Ferdinand II., abschätzig das Fränzchen genannt, lässt er hängen, ohne ein aufklärendes Wort zu verlieren. Er zieht lautlos seine Mittel aus einer verlorenen Position und investiert genauso lautlos in eine Partei, der nichts an ihm liegt. Der Fürst verzahnt sich mit dem Feind und bewahrt dabei die Gemütlichkeit des Mittagsschläfers.

Links: Der aus Quimper gebürtige Max Jacob als Maler. Rechts: Le Père Maunoir obtient miraculeusement le don de la langue bretonne, gesehen in der Kathedrale Saint-Corentin von Quimper 

Im Schutt der alten Zeit

Mit Baudelaire beim Boulanger - Walburga Hülk lädt den Leser zu Räuschen und trockenen Illuminationen auf den Magistralen des kaiserlichen Paris zwischen Farce und Tragödie ein.

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Louis Napoleon Bonaparte (1808 – 1873) leitete die letzte durchgreifende Restauration seines Landes im 19. Jahrhundert ein. Als Napoleon III. erneuerte und finalisierte er das französische Kaisertum nach einem Staatsstreich. Gleichzeitig führte ein Putschist den Triumphzug der Moderne an. Der „kleine Napoleon“ (Victor Hugo) machte Paris zum „Epizentrum des Aufbruchs in die Zukunft“.

Walburga Hülk, „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

Walburga Hülk beseelt die Metropole an der Seine mit Zeitgenossen, denen der Kaiser lächerlich erscheint. Die Romanistin zeigt die größten Geister der Epoche im Morgenmantel ihrer Bedeutung. Flaubert schlägt sich mit Studien zu Madame Bovary herum. Baudelaire schlägt sich als Kunstkritiker durch. Er bespricht Ingres und Delacroix. In einen Kalender der Genauigkeit trägt Hülk die Marken ein, die den um 1855 breit geschätzten Ehrenlegionär und Akademievirtuosen Jean-Auguste-Dominique Ingres von seinerzeit Missachteten und heute höher als Ingres eingestuften Künstler*innen in den Augen der Gegenwärtigen von Damals unterschieden.

Keine Konjunktur für Nostalgiker

Bonapartes Bauwut kostet Langschläfern und Schwerhörigen das Leben. Wer nicht schnell genug räumt, fliegt mit seinen vier Wänden in die Luft und endet im Schutt der alten Zeit. Hülk überfliegt ihre eigene Metaphorik. Sie prescht durch die Register; jeder Erzähleinfall steigt im Turbopaternoster auf. Kein Heutiger kann moderner sein als es Baudelaire in der Haussman(n)ia ist. Ihm liegt Delacroix‘ erzählende Malerei, in der Dante, Shakespeare, Stendhal und Byron aufkreuzen. Indem Baudelaire dem Maler ein „Übermaß an Imagination“ attestiert, gewährt er sich selbst den üppigsten Kredit bei la reine de facultés – der Königin der Fachbereiche.

Enragé et engagé

Allgemein geht man hart miteinander ins Gericht. Die Kunst ist noch nicht enteilt. Für ihre Elfenbeintürme existieren erste Entwürfe. Künstler mischen mit, hassen und verachten offensiv, so wie der Oberkiffer Théophile Gautier den Malerathleten Gustave Courbet hasst und verachtet.

Der eine aufgeschwemmt, der andere muskulös: so treffen sich die Kontrahenten im „Pavillon des Realismus“. Courbet begreift sich als Unabhängiger im Vergleich mit den Vertretern der offiziellen Malerei. Er malt in der Opposition und in den Farben seiner bäurischen Herkunft. Das Publikum hält Courbet selbst für einen Bauern, Baudelaire nennt ihn einen „kraftvollen Arbeiter … mit aufständischer Gesinnung“. Baudelaire begreift Courbet als Kombattant in „einer Schlacht um den Realismus“.

Der Stemmschwung meiner Zeilen wiederholt Hülks retroschicken Elan. Wir werden noch viel Freude mit ihren leichthändigen Anverwandlungen haben.

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