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11.12.2019, Jamal Tuschick

Zwanzig Jahre moderiert Matt Lauer die NBC Today Show. Der geborene New Yorker ist eine nationale Instanz und ein gern gebuchter Eröffnungsredner von Weltereignissen, als er sich in der Not sieht, Ronan Farrow nach dessen Sieg über Harvey Weinstein zu gratulieren. Brooke Nevils heißt in „Durchbruch“ jene Frau, deren Beschwerde Lauers Entlassung folgt. Eine Abfindung und eine Geheimhaltungsvereinbarung drosseln Nevils‘ Offenbarungsdruck im Gespräch mit dem Investigator. Es regnet wie aus Eimern. Der Regen schlägt gegen die Scheiben in Nevils New Yorker Wohnung. Die verängstigte Gastgeberin stammt aus Missouri und verbrachte eine Jugend als schalkhafter Schlacks ... groß, ungeschickt, lebensfroh ... im Glauben an den Journalismus, in dem Nevils eine Quelle der Wahrheit erkannte.

Hastige Wiederauferstehung

Matt Lauer steht im Zenit, als Nevils mit dem Status einer Stipendiatin in seine Nähe gerät. Sie bepflastert ein breites Spektrum mit ihrem Ehrgeiz. 2014 assistiert sie Meredith Vieira, die auch als Moderatorin von „Wer wird Millionär“ (im US-Format) berühmt wurde. Vieira und Lauer bilden eine verschworene Gemeinschaft. Nevils begleitet die Stars zu den Olympischen Spielen nach Sotschi. An der Bar eines Luxushotels räumt Lauer ein paar Distanzbarrieren zur Seite. Nevils unterliegt in einem Gelage mit den Altgedienten. Lauer macht Fotos von der Szene. 

„Lauer war bekannt dafür, dass er Feierabendfotos von Kollegen ins Netz stellte.“

Nevils fürchtet einen Kontrollverlust auf der ganzen Linie. 

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Eingebetteter Medieninhalt

Die Politikwissenschaftlerin und TV-Journalistin Rachel Maddow zählt zu den einflussreichsten US-Publizistinnen. Ihr gelingt es, am Vorabend der #Metoo-Debatte den Kollegen Ronan Farrow mit einer einzigen, als Feststellung verkleideten Frage von seinem Triumphgipfel zu ziehen und ihn härter in Bedrängnis zu bringen, als es Harvey Weinstein je vermochte.

Rachel Maddow attacks NBC over handling of misconduct allegations.

Maddow resümiert unumwunden: „Als Sie mit der Sache begannen, arbeiteten Sie für NBC News. Und am Ende haben Sie ihren Artikel im New Yorker veröffentlicht.“

Klar ist, was Maddow will: die Bloßstellung von NBC*. Der Sender ließ Farrow im Verlauf der Weinstein-Recherche fallen und sammelte ihn wieder auf, nachdem Weinsteins Untragbarkeit manifest geworden war. In der Zwischenzeit floss viel Wasser den Hudson herunter.

*„National Broadcasting Company (NBC) ist ein US-amerikanisches Hörfunk- und Fernseh-Netzwerk. Die Sendekette gehört zum Medienkonzern NBCUniversal und hat ihren Sitz im Rockefeller Center in New York City.“ Wikipedia

Gucken wir uns den Punkt genau an. NBC ist Farrows Mutterschiff. Amerikas Reporteradel steht an der Reling. Bewundernswerte Boomer figurieren als Veteranen von Demokratieschlachten. Farrows Rausschmiss in der Regie von Noah Oppenheim grenzte an einer traumatischen Erfahrung. Nun ist er wieder aufgenommen im Kreis der Auserwählten.

Farrow verschleiert in Interviews die Wahrheit. Er gibt nicht zu, dass NBC in der Weinstein-Sache auf dem Nichtverbreitungskurs in einem Zusammenhang mit erkennbar strafbarem Verhalten geblieben ist. Indirekt inkorporierte die Medienmuschel Weinsteins Interessen. Die Parteinahme erfolgte im Geist einer bestimmten Vorstellung von Establishment. Weinstein profitierte von seiner Zugehörigkeit und einer unerlaubten Toleranz, die aus einer unerlaubten Praxis resultierte.

Cirque du Soleil der Skepsis

Solange Weinstein Farrows Drache war, der ihm jederzeit gefährlich werden konnte, bestimmten die Modalitäten des schieren Überlebens das Verhalten. Mit dem Tod des Drachen verlor Farrow den Kampfgeist. Gewöhnliche Bedürfnisse übernahmen die Steuerung. Der Reporterstar Farrow ist bereit, im Namen einer Institution, die bewiesen hat, dass sie ihn verrät, zu lügen, um seine Stellung im Sender zu sichern.

Plötzlich geht er wieder den Weg des geringsten Widerstands. Er laviert, deutet sich in einem größeren Zusammenhang und ist wieder NBC-Korrespondent. Der Titel bezeichnet das „Abfallprodukt einer hastigen Wiederauferstehung“.

Farrow nimmt sich Zeit für eine Studie, in der er sich selbst zerlegt. Er charakterisiert die uneinnehmbare Maddow als „Cirque du Soleil der Skepsis“. Sie lässt ihn nicht vom Haken. Farrow windet sich, er sucht nach dem Notausstieg. Wieder und wieder schneidet sie ihm die Moderatorin den Weg ab. Sie presst die Komponenten eines publizistischen Desasters, dass für die Öffentlichkeit in einen strahlenden Akt der unbeugsamen Wahrheitsliebe umgedeutet wurde, aus der Angst, die von Farrow Besitz ergriffen hat.

Farrow sieht seine Felle davonschwimmen. Er fürchtet den Lohn aller Mühe, ein Platz an der NBC-Sonne, nicht mehr einstreichen zu können. Die herausgequetschte und glanzlos zu Protokoll gegebene Preisgabe eines Versagens von Farrows Vorgesetzten löst „einen Flächenbrand“ aus. Ein weltweit Gefeierter wird zuhause von Chefs bearbeitet, die selbst unter Druck stehen. Einem droht die Weinsteinigung.

Die Zeit der offenen Geheimnisse endet

Ich rede von Matt Lauer. Zwanzig Jahre moderiert er die NBC Today Show. Der geborene New Yorker ist eine nationale Instanz und ein gern gebuchter Eröffnungsredner von Weltereignissen, als er sich in der Not sieht, Farrow nach dessen Sieg über Weinstein zu gratulieren.

„Im Scheinwerferlicht … beäugte mich Matt Lauer wie eine Dynamitstange mit brennender Zündschnur.“

Wochen später verliert er alles.

Eine Ikone stürzt ab.

Bespoke tailoring - Wenn aus Recherche Kampf wird

Eingebetteter Medieninhalt

Die dramatischen Entwicklungen reißen nicht ab, plötzlich ist X abgeschnitten von jeder Geläufigkeit. Die Erinnerungen verlieren ihre Farben. Die Wirklichkeit fühlt sich anders an. Nichts erscheint mehr selbstverständlich.

X dreht frei. Fragt man ihn, wer er sei, weiß er es oft nicht mehr. Eine Tür ist ins Schloss gefallen, oder archaischer und deshalb zutreffender, ein Durchgang verschüttet worden. Zeitgenössisch dahergeredet: X hat auf der Jagd nach Y den Zugangsberechtigungscode seines Lebens vergessen.

Er lässt nicht mehr einfach so sein Smartphone auf dem Tisch liegen, wenn er sich vom Tisch entfernt. Jeden Aus/Eingang passiert er mit dem größtmöglichen Abstand zum Rahmen. Er taxiert alle möglichen Abstände und stellt Berechnungen an. Im öffentlichen Raum rechnet er ständig mit einem Angriff.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Vor dem Fall Relotius hätte ich dieses Repertoire Ronan Farrow als psychologisches Profil unterstellt. Schließlich hat mich Farrow auf all das gebracht, während ich sein Buch gelesen habe. Nur darum geht es: Ein Journalist beweist vor einem Himalaya der Drohungen größere Hartnäckigkeit als seine Vorgänger. Er bleibt am Ball, lässt sich nicht einschüchtern. Er gewinnt Statur. Aus einem Verfolger wird ein Verfolgter. Harvey Weinstein dreht den Spieß um. Er untergräbt Farrow. Er baut Druck auf und tastet sich zur Schmerzgrenze vor. Weinstein sorgt dafür, dass sein Widersacher bei NBC gefeuert wird.

Der Mogul spielt auf dem Krähenklavier. Er wähnt sich einigermaßen sicher unter lauter Verstrickten. In diesem Geflecht hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus. Viele haben Grund, Angst zu haben.

Vermutlich kriegt man die meisten über die Trigger Angst & Verstrickung.

Farrow behauptet, im Nachrichtenunterdrückungsgeschäft gäbe es mächtigere Spieler als Donald Trump. Auch Trump sei angreifbar und müsse von Abwehrspezialisten der Medienbranche geschützt werden. Das glaubt doch keiner, bis einem wieder Jeffrey Edward Epstein einfällt.

Ich möchte an dieser Stelle einen Verwandten erwähnen, mit dem ich vor ein paar Tagen in der Paris Bar saß. Nennen wir ihn Bill Costigan.

In der Gegenwart von vor ein paar Tagen

Beim Nachtisch, einer Mousse Superb, fängt Costigan von seiner Jacke an, die ihm ein Maler zukommen ließ: als Anerkennung für einen Essay, den allein er als Meta-Text seiner Kunst gelten lässt.

Es gibt einen Kampf der Kunst gegen die Kultur und einen Affekt gegen eine allzu rasche (penetrierend-penetrante) Auffassungsgabe oft forciert eskapistischer Überflieger*innen. Zugleich gibt es die Notwendigkeit Kunst in Begriffe zu fassen und unfassbar schnell und mutwillig einerseits und so luzide wie der Statiker auf einen Staudamm andererseits auf Kunst zu reagieren. Dieser Widerspruch schafft einen kleinen Markt für charismatische Diagnostiker*innen à la Bazon Brock: für Spezialist*innen, die sich selbst ad hoc zu widersprechen geneigt sind. Von ihnen lernt man eine Differenz, deren Schlagwort als Parole funktioniert. In diesem Kontext ist die Savile Row in Mayfair schön und gut, aber Costigans Schneider residiert in der St George Street nahe der Oxford Circus Tube Station und heißt D. Wilkinson. Den Maßschneider können Sie nicht einfach aufsuchen, auch nicht nach Vorabsprache. Sie müssen empfohlen werden, und Wilkinson muss es gefallen, mit Ihnen Tee zu trinken. Costigan verdankte seine Empfehlung, wie man sich denken kann, dem Maler. Jedes Jahr reist er nach London, um sich eine Jacke machen zu lassen. Ein Band sorgt für den besonders guten Sitz des Knopflochinventars.

Einmal im Jahr nimmt Wilkinson Kontakt mit dem Festland auf. Er steigt in einer Berliner Suite ab, und zwar auf Kosten von jemandem, dem das eine Ehre ist und der so auch seinen Freunden einen Dienst erweist. Das Frankfurter Geld kommt an zur Maßnahme.

Begegnen sich die Künstler und ihr solventes Publikum, erkennen sich Herrschaften am Tweed. Die brauchen keinen performativen Identitätsbegriff. Sie sagen: Wenn du zu blöd für die Marie (Geld) bist, kannst du auch keinen Aufsatz schreiben, der mich weiterbringt. So einfach geht die Ableitung. Kommt dann aber der Journalist aus der Kälte einer prekären Existenz, sagt der Künstler: Ich bin Sozialist und mein Galerist ist das auch. Kaum ist der Journalist weg, geht es wieder um den guten Stoff, so richtig knistig, kleinteilig und engmaschig. Nicht selten verkörpert der größte Schattenwerfer eine Mischung aus Chefringer und Romabaron, und sollte seine Geliebte vierzig Jahre jünger sein, bestünde zur Verwunderung kein Anlass.

Warum konnte einer der mächtigsten Medienmänner Amerikas einen jungen, allenfalls aufstrebenden Journalisten, der ihm offensiv ans Leder wollte und daraus gar kein Hehl machte, nicht einfach umnieten und plattmachen? Bis zum Schluss war Farrow von Weinsteins Buddys abhängig. Ein in dem System der absoluten Medienmachtverhältnisse nachrangiges Periodikum brachte den Stein mit einer Veröffentlichung ins Rollen, die, gemessen an den Paukenschlägen, die möglich gewesen wären, nicht lauter als ein Räuspern hinter vorgehaltener Hand war.

Kurz gesagt, Farrow wurde für Weinstein mit Ansage zur Gefahr, weil er den richtigen Schneider hatte. Den Sohn berühmter Eltern konnte man nicht einfach im Müllschlucker verschwinden oder wenigstens von dependenten Deppen aus der Fassung drehen lassen.

Forensische Schleimspur

Es kommt der Tag, da verliert Ronan Farrow die Unterstützung seines Arbeitgebers NBC.

„Er steht mit dem Rücken zur Wand und hat eine Menge zu verlieren … Es wird Krieg geben.“

Harvey Weinstein mobilisiert eine Armee von Dreckschleuderkoryphäen. Er beschäftigt promovierte Zuhältertypen, die akademische Inkontinenz im Plural ihrer mediokren Erscheinungen: furchtbar gewundene, sich wegduckende, sadistische, den Harn der Häme versprühende Feiglinge mit superdiversen Geheimdienstportfolios. Auf der forensischen Schleimspur wird aus Secret Sekret Service. Hochdotierte Schmierlappen tanzen um das goldene Kalb der uninspirierten Inkompetenz. Viele wissen nicht, was die Autor*innen der Menschheitsmythen längst wussten: Wenn eines Weinsteins Zeit gekommen ist, dann fällt er auch dann, wenn er die weltweit fähigsten (käuflichen) Fighter*innen zu seinem Ensemble gemacht hat. Wir wissen aus der Literatur, dass die Besten der Besten nicht einmal mehr so tun, als würden sie etwas anderes als unverschämt teure Spirituosen auf Kosten ihrer Arbeitgeber in raffiniert verspiegelt und ausgeleuchteten Hotelbars verkosten. Sie haben schon so viele Walking Deads gesehen. Ihnen brennt nichts mehr unter den Nägeln. Sie träumen von den Offenbarungen des Todes in den Nachtwäldern des Lebens. 

In den Nachtwäldern des Lebens

Noch erinnert Harvey Weinstein an eine Harvester, an eine Vollholzerntemaschine. Er kauft sich ein Konsortium professioneller Destabilisierer*innen zusammen. Viele Kolleg*innen sind stolz auf einen Geheimdiensthintergrund. Doch bleibt der Dreck, mit dem Ronan Farrow beworfen wird, nicht haften.

Warum nicht?

Weinstein ist kein Baumeister Potemkin’scher Dörfer; kein genialer Architekt des Bösen. Wiederholt schildert er sich als Getriebenen. Einige Zeugnisse legen die Vermutung nah, dass Weinstein von seinen Opfern Verständnis verlangte. Dass er nach Erlösung schrie, während er durch die Gegend ejakulierte wie ein großer Hund im Markierungsrausch.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Nicht delegierte Delegitimation

Weinstein kann nicht delegieren. Er kann nicht sagen, du bist die beste Dreckschleuder, die man für Geld kriegt, also mach und ich funk dir nicht in dein Business. Stattdessen hängt er sich überall rein und mischt inkompetent mit. Er hat Hollywood wie ein wilder Stier erobert. Er glaubt, so läuft der Hase geradeaus immer mit dem Kopf durch die Wand. Er pfuscht den Puppenspieler*innen ins Handwerk. Er stört den von ihm in Gang gesetzten und kostspielig geschmierten Betrieb der klandestinen Zersetzung. Der einzige, der Farrow wirklich beschützt, ist Weinstein in seiner Dummheit. Ohne Weinsteins Irrationalität hätte der Investigator keine Chance gegen eine See von Plagen, wie es im Hamlet heißt, der zur Belehrung der Gegenwärtigen noch immer herangezogen werden kann.

Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, ist das Theater in der Gegenwart nicht angekommen. Ungefähr Heiner Müller

Raging Bull - Wie ein wilder Stier kam Harvey Weinstein nach Hollywood und markierte da den Unaufhaltsamen. Das beeindruckte eine implodierte Gesellschaft. Die Hooker und Ghostdogs der privaten Dienste ließ die Attitüde kalt. Sie begriffen schnell, dass Weinstein nicht zu helfen war. Er war zu impulsiv, so wie Robert De Niro als Jake LaMotta in Raging Bull. LaMotta war nicht nur ein überzogen emotionaler Champion. Vor allem verstand er nicht, was die Binse bedeutet: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. LaMotta hat versucht, der Mafia gegenüber halbautonom zu bleiben. Das geht nicht. Entweder du übereignest dich oder du lässt es bleiben. Vielleicht stirbst du dann früher. 

Nachrichtenagenturen, die wie Müllschlucker funktionieren

Akteure auf dem Nachrichtenmarkt kaufen inkriminierende Geschichten, die danach schreien, veröffentlicht zu werden – nur um sie in der Versenkung verschwinden zu lassen. Donald Trump entlastet sich so systematisch, sagt Farrow. Im Auftrag Mächtiger ergattern als Journalisten getarnte Lobbyisten Signaturen unter Verschwiegenheitsverpflichtungen. Dies vollziehe sich in virtuellem Pulverdampf.

Virtueller Pulverdampf

Farrow beobachtet einen „Bürgerkrieg der Geheimdienste“. 

Im Textstahlkocher

Investigativjournalismus - Ronan Farrows Drachentöter-Saga „Durchbruch“ erscheint wie eine hochgefahrene Fortsetzung von Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“.

Eingebetteter Medieninhalt

Jahrzehnte arbeitet sich jeder Zauberlehrling an zwei alt- und großmeisterlichen Feststellungen ab, die in der einschlägigen Literatur seit Jahrtausenden kursieren.

Alle Kämpfe sind Zweikämpfe.

Der schwerste Gegner ist man selbst.

Man dringt vor bis zu einem Kern, wird abgelenkt, kehrt zurück, nimmt eine Bohrprobe, wird wieder abgelenkt. Nun glaubt man, einen anderen Punkt priorisieren zu müssen. Man zerreißt hundert Schleier, nur um zu erkennen, dass die Irrtümer nicht aufhören.

There is nothing to fight against it

Frei nach Claas Relotius

Eines Tages ist es so weit. Ein seelisch ausgelaugter Mann mit schweren Zweifeln an der eigenen Realitätstüchtigkeit folgt einem Diskretionsdarsteller in die Katakomben der Midtown Bank of America bis zu einem Tresor in der Gestalt einer Taucherglocke im Jules Verne-Stil. Der Angestellte offeriert dem längst paranoiden Journalisten Ronan Farrow ein Schließfach mit der Nummer 666 und nimmt sogleich abergläubisch Abstand von der Offerte.

„Wissen Sie was?“ sagt er. „Ich suche Ihnen eine andere“ einbruchssichere Verwahrstelle mit dem Nimbus des Bankgeheimnisses. Für den Fall seiner Ermordung oder anderer durchgreifender feindlicher Interventionen deponiert Farrow dies und das und so auch „einen Memory-Stick mit der Audiodatei von der verdeckten Polizeiermittlung“. Er versiegelt das Belastungsmaterial mit einer dramatischen Notiz. Farrow ist so heruntergerockt, dass er wie in einem schlechten Krimi formuliert:

„Wenn Sie das hier lesen, dann liegt das daran, dass ich die folgenden Informationen nicht mehr selbst publik machen kann.“

Farrow schwitzt. Er hat schlecht geschlafen. Seine Beziehung leidet unter der Besessenheit, mit der Farrow den großen weißen Hai wahlweise Wal oder - in der Extinction Rebellion-Lesart des Lebens - Kapitän Ahab jagt. Letztlich ist das wurscht.

Als Farrow vor das Portal des Traditionshauses tritt, findet er sich im Regen wieder. Der schöne Investigator beeilt sich, ein Starbucks zu entern.

Fragen an den Nachwuchs. Gibt es nahe dem Bank of America Tower einen Starbucks? Warum steht im Buch Midtown Bank of America (siehe Seite 149), so als sei dies der Name einer Bank? Tatsächlich heißt die Gegend Midtown. Haben wir es mit einem Übersetzungsfehler zu tun? Sind wir nicht alle ein bisschen Relotius? Jedenfalls die Interessanteren unter uns?

Farrow lockert vor seinem Kaffee den Krawattenknoten. Kurz lenkt ihn der Anblick eines selbst nach New Yorker Maßstäben superb-alerten Kriegers ab. Er könnte genauso gut Kurator wie Broker sein. Fest steht, der Knabe macht was mit Geld. Sonst würde er nicht so gut aussehen.

Überall da, wo Geld im Spiel ist, geht es um nichts anderes. Als Exzellenzerzeugnis weiß Farrow das beinah von jeher. Es wurde ihm vorgelebt. Die Sendung gehörte zu jeder gemeinsam eingenommenen Mahlzeit. Der diskrete Charme der Bourgeoisie spielte stets mit; er wartete wie ein Chauffeur am Saum der zivilisatorischen Abbruchstellen.

Farrow wurde in eine Klasse hineingeboren, die lange mit der Gewissheit lebte, sich alles erlauben zu können.

Ich nenne sie die Kennedy-Klasse

Nur deshalb konnte Farrow Harvey Weinstein in einem Spiel schlagen, in dem es vor allem um Distinktion ging. Dass wir heute Leute per Hashtag viral weinsteinigen können, hat viel damit zu tun, dass es zwischen Farrow und dem noch potenten Weinstein kein soziales Gefälle gab.

Farrow war zwar angeschlagen, aber selbst, wenn er die Jagd nicht überlebt hätte, wäre es so und nicht anders gewesen, als hätte er eine Runde unter Ebenbürtigen auf dem Golfplatz verloren. Shit happens.

Weinstein startete eine Invasion, als er merkte, was vor sich ging. Er erhöhte von Schema F auf mit allen Mitteln. Er performte den Violence Swing. Krieg ich dich nicht hier, dann krieg ich dich da. Ich zerstöre deine Beziehungen, ich greife dir ins Portemonnaie. Ich lasse dich schlecht aussehen.

Der Dreitakt geht so: Destabilisierung, Delegitimierung, Isolation.

Toxischer Microtext

Zurück in die Verlaufsform. Wir sind noch in Action:

Farrow beschränkt sich auf Infiltration. Er hackt Weinstein: so wie er von Weinstein gehackt wird. Aber im Gegensatz zu Weinstein verlässt er sich auf die Virulenz eines toxischen Microtextes.

Längst befindet sich Harvey Weinstein im Textstahlkocher.

Farrow weiß:

„It does not need to offer force.“

Weinstein weiß es nicht. Er sucht die Konfrontation. Er engagiert vom Mossad promovierte Agent*innen, die zu Farrows Vorzüglichkeit womöglich aufschließen könnten, aber dazu angehalten sind, „der Negativkampagne gegen Weinstein ein Ende (zu) setzen“, ohne auf Weinstein pädagogisch einwirken zu dürfen.

We train young men to drop fire on people, but their commanders won‘t allow them to write fuck on their aeroplanes because it‘s obscene. Colonel Kurtz in Apocalypse Now

Es ist ihnen nicht erlaubt, dem stierhaft Wütenden und mit hochrotem Kopf Herumbrüllenden beizubiegen, warum jeder für sich der härteste (und gefährlichste) Gegner ist.

Warum ist das so?

Das ist deshalb so, weil man mit Wut Widerstände aufbaut, die der Feind wie eine Kletterwand nutzen kann. Jeder Widerstand ist ein Anker.

Wahres Chishou geht über den ersten Kontakt nicht hinaus. Auf dem Metaplateau braucht man noch nicht mal die physische Konkretion.

Was man dem Feind anbieten muss, ist

nothing to fight against it.

Versuchen Sie mal, so einem unbeherrschten Durchmarschierer wie Weinstein das zu erklären. Black Cube*-Chef Yanus knallt ihm eine Rechnung von sechshunderttausend Dollar hin.

Nimm das und verschluck dich.

„Black Cube ist ein privater Nachrichtendienst mit Niederlassungen in London, Madrid und Tel Aviv und der Handelsname von BC Strategy Ltd. Das Unternehmen wurde 2010 von den ehemaligen israelischen Nachrichtendienstoffizieren Dan Zorella und Avi Yanus gegründet. Die Belegschaft umfasst frühere Mitarbeiter israelischer Geheimdienstbehörden wie Aman, Mossad und Shin Bet sowie Rechts- und Finanzexperten.“ Wikipedia

Man verständigt sich auf eine noch aggressivere Vorgehensweise. Intelligent ist das nicht. 

*

„Wir stießen immer wieder auf Quellen, die uns auf eine falsche Fährte locken wollten.“

Das erkennt Farrow. Er bewahrt gleichwohl einen kühlen Kopf. Zwar zeigt er sich erschöpft, aber nicht beeindruckt.

Warum bleibt Farrow cool? Das Geheimnis lüften wir in der nächsten Folge von Farrow versus Weinstein.

 

Israelische Effizienz

Ronan Farrows Drachentöter-Saga „Durchbruch“ erscheint wie eine hochgefahrene, den Horizont des Klassikers grandios überbietende Fortsetzung von Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten.  Ich bin sicher, die meisten Leser werden von der Lektüre überrascht sein. Fortsetzung meiner Besprechung vom 20.10.

Eingebetteter Medieninhalt

Harvey Weinstein fehlt jede Reserve. Er explodiert aus dem Stand. In ihm wütet ein Sturm. Genauso gut könnte man sagen: In ihm arbeiten Reaktoren. Seine Performance spottet jeder Beschreibung. Ablehnung in der Preisklasse einer hochgezogenen Braue kriegt er gar nicht mit.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

Ihn hält keiner auf. Das sagen alle, die Ronan Farrow kontaktiert. Sobald er Unrat wittert, setzt Weinstein seine Truppen in Gang. Prophylaktisch lässt er Türen einrennen. Kollateralschäden gehen ihm am Knie vorbei.

Weinstein setzt Black Cube-Agenten ein.

„Black Cube ist ein privater Nachrichtendienst mit Niederlassungen in London, Madrid und Tel Aviv und der Handelsname von BC Strategy Ltd. Das Unternehmen wurde 2010 von den ehemaligen israelischen Nachrichtendienstoffizieren Dan Zorella und Avi Yanus gegründet.“ Wikipedia

Die Agentur wirbt mit israelischer Effizienz. Das Konzept leuchtet ein. Die im Dauerkriegszustand erworbene Kampfkompetenz macht aus jeder zivilen Angelegenheit ein weiches Ziel. Weinsteins Kommunikationsstil ist den Virtuosen aus dem industriell-militärischen Komplex ein Gräuel. Der Selbstbeherrschungsmangel, die Raging Bull-Attitüde und das Brecheisen-Image sind super kontraproduktiv. Ronan Farrow schildert Szenen, in denen BC-Akteure als regungslose Zeugen des Weinstein-Vulkanismus Meisterwerke der Kontraintuition abliefern. Sie sind viel zu abgeschliffen, um konsterniert zu reagieren; es sei denn, das Drehbuch verlangt Emotionalität.

„Weinstein (beginnt) zu brüllen … Dylan Howard (grinst). Der Mitarbeiter von Black Cube (verzieht) keine Miene.“

Am selben Abend schickt Avi Yanus Weinsteins Zahlstelle die nächste Rechnung. Der Mogul blecht dafür, dass Black Cube ein Bild von der Wirklichkeit designt, dass mit der Wahrheit konkurrieren kann. Der berühmte, so ziemlich an allen Hollywood-Großereignissen der letzten zwanzig Jahre maßgeblich beteiligte Mandant bleibt horrender Abwehrkosten zum Trotz unfähig das Angebrachte zu begreifen. Anstatt die gigantische Fläche zu verkleinern, die er Angreifern als Arena anbietet, bläst er sich weiter auf. Er bedroht und vernichtet Randfiguren noch, als das Schild seiner Unantastbarkeit zu splittern - und die Kloake seiner Niedertracht zu rinnen beginnt. 

Weinstein investiert ein Vermögen in seine Fehler, um die Fehler nicht wahrhaben zu müssen. Er arbeitet nicht an seiner Exkulpation, sondern an einer Apologetik.

Sein Jäger weiß das. Farrow beschreibt die vor Drohungen zurückgeschreckten, oder an juristischen Bollwerken zerschellten, oder von Weinsteins guten Verbindungen, langem Atem und raumgreifend-blendendem Wesen erschöpften Vorgänger als Protagonisten einer zersetzenden Praxis.

Die Einschläge kommen näher.

Weinstein gerät aus der Offensive in die Defensive. Die Söldner auf seiner Liste sehen das natürlich, sie begreifen den Prozess, in dem sich Weinstein wie ein großer Fisch am Haken gebärdet, noch lange mit der Idee, den Angler vom Steg in die Tiefe zu ziehen, um bald befreit auftauchen zu können.

Nur für Farrow hat es eine Bedeutung, derjenige (gewesen) zu sein, welcher. - Und der Journalist, das ist das Besondere, ist nicht zu eitel, uns diese Tatsache zu unterschlagen. Zwar war es an ihm, den Mantel der Geschichte zu erhaschen. Aber wahr ist auch … 

Palais de justice de Rouen

Der Schöne und das Biest

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Ronan Farrows Drachentöter-Saga „Durchbruch“ erscheint wie eine hochgefahrene, den Horizont des Klassikers grandios überbietende Fortsetzung von Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten.  Ich bin sicher, die meisten Leser*innen werden von der Lektüre überrascht sein. 

Wussten Sie das?

Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, unliebsame Zeitgenoss*innen aus der Bahn zu werfen, indem sie Dreck ausgraben. Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Dreck zu erfinden, und es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, herauszufinden, ob die Dreck-Ausgräber*innen und -Produzent*innen von einer Agentur im Counter-Strike-Modus ins Visier genommen werden. Aus diesen Modulen ergeben sich komplexe Über-Bande-Konstellationen. Virale Figurationen formieren sich zu sozialen Skulpturen.

Ronan Farrow ermittelt im Mantel einer grauen Unauffälligkeit. Natürlich erscheint er so spektakulär wie ein Artist. Farrow verkörpert den exzellenten Sohn berühmter Eltern nach den Regeln seines Herkunftsmilieus. Doch genau dieses Programm wirkt wie eine altenglisch verrußte Backsteinmauer, die Farrows Unversöhnlichkeit verbirgt.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

„Den mach ich zum Gespenst, der meinem Willen trotzt“, sagt Shakespeare durch irgendeine Blume der Narration. Während Farrows Gegenspieler Harvey Weinstein ständig mit einem martialischen Repertoire kollert und sein Durchsetzungsvermögen unappetitlich zur Schau stellt, verhehlt der Investigator die affektive Ladung seines Engagements. Er gibt wenig preis, selbst da, wo er über seine missbrauchten Geschwister spricht.

Weinstein trommelt sich auf die Brust. Er kokettiert mit überzogenen Reaktionen und stilisiert sich als archaischen Durchbrecher des Reglements.

Es gelingt ihm nicht, seine Absichten zu Spekulationsobjekten zu machen. Jeder Depp kapiert, was Weinstein für erfolgversprechend hält. Sein Interventionsspektrum erlahmt zwischen den Polen schmeicheln & drohen. Schon sehen wir das Märchen von des Kaisers neuen Kleider reloaded.

Farrow schildert ein Defilee der Schäbigkeiten, mit gnadenlos berechnenden Akteuren aka Intriganten. Einmal ruft Harvey Weinstein einen Boss seines Feindes an und schmiert sich säbelrasselnd ein: Ich war nicht der Einzige, der in den Neunziger mit den falschen Frauen ausgegangen ist.

„Wir alle haben das gemacht.“

Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete sich Jesus auf und sprach: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein.

Farrow gelingen Studien wie von Honoré Daumier. Jene, die Jagd aufeinander machen, kennen sich wohl. Kein Typus kreuzt häufiger auf als der leptosom-leitende (das Körpergewicht ist eine Qualifikation) Angestellte mit Ivy League-Referenzen und WASP-Stammbaum. Sogar solche Herren des Universums (der amerikanischen Unterhaltungsindustrie) patzen und scheitern. Sie patzen und scheitern sogar fulminant. Aber im Gegensatz zu ihren Konkurrenten überleben sie in einem Golden-Boy-System ihre Niederlagen auf Dachterrassenniveau. Ihre Abstürze unterbrechen die Monotonie der Kamingespräche. Eine echte Deklassierung bleibt außerhalb des Erwartbaren. Daher kommt eine für Normalsterbliche unbegreifliche Überheblichkeit in der Kombination mit Leichtsinn.

Farrows Wort für das Phänomen ist sorglos. Während die Golden Boys schwindelfrei an Katastrophen vorbeischrammen, endet für viele Frauen die glänzende Zeit nach einem Zusammenstoß mit einem dieser sorglos lächelnden „Raubtiere“.

Sie alle und viele mehr werfen Harvey Weinstein sexuelle Gewalt vor: Rose McGowan, Ambra Battilana Gutierrez, Asia Argento, Lucia Evans, Ashley Judd, Emily Nestor, Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette, Emma de Caunes, Cara Delevingne, Zelda Perkins, Heather Graham, Zoë Brock.

Farrow nennt Harvey Weinstein ein „Raubtier“.

Noch einmal:

Weinstein, der einen bedrohlichen Kommunikationsstil pflegte und seinen Rivalen mitunter „mittelalterlich“ zusetzte, erschien in Hollywood als Urgewalt. Wer ihm in die Quere kam, konnte manchmal nur noch auf einem anderen Kontinent neu anfangen. Der Unantastbare hatte die Macht, seine Gegner*innen verbannen – zu zersetzen – zu verwüsten. Mal drehte er sie durch den Verleumdungswolf und machte Pariawürste aus ihnen. Dann wieder erschreckte er Leute mit erschreckenden Leuten.

Weinstein ließ sein Schattenreich von militärakademisch gebildeten Existenz-Vernichter*innen abschirmen.

Ich setze die Emissionen eines Schwefelatems in die Vergangenheit, weil Farrow von seinem Drachen ebenso spricht. Die Botschaft lautet: Weinstein gibt es nicht mehr, auch wenn er noch lebt.

Der Investigator geriet in der Zeit seiner Bewährung auf Kollisionskurs mit allen möglichen und sehr unterschiedlichen Koryphäen des Schmutzgeschäfts. Farrow schildert die Randfiguren und Peanuts Hunter: Chandler‘eske Chinatown-Detektive in der russischen Ausführung; Dienstleister*innen, die erfolgreich einen Volkshochschulkurs in Abhörtechnik absolviert haben; solistische Virtuosen mit dem mauvaise odeur der Gescheiterten.

Farrow begegnet wundersamen Gestalten: Agent*innen mit High End-Referenzen; Großmeister*innen in der Kunst der De-Legitimation und Destabilisierung. Man rät ihm, sich zu bewaffnen.

Farrow tritt lieber mit leeren Händen an. Karate bedeutet nichts anderes als leere Hände.

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