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12.12.2019, Jamal Tuschick

Wieder braucht Tomasi nicht viel, um eine Metamorphose im Sozialen zu schildern. Wieder stören die parteiischen Charakterisierungen der Antagonisten nicht. Wer sich als Leser gegen den Fürsten einnehmen lässt, hat erst mal nichts, wovon er ausgehen kann. Da ist im Übrigen nur Gewimmel.

Traditionslinien des Elends

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„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Mit dieser Binse bestürmt Tancredi seinen Onkel und Vormund, den Fürsten Salina. Mit dem Elan eines Lauffeuers bemüht sich der Neffe kurz vor Garibaldis Durchmarsch um einen Platz an der Spitze des Aufstands gegen den König beider Sizilien und folglich auch gegen den Chef seines eigenen Hauses, dessen Wappen Pardelkatzen zeigen, die als Leoparden interpretiert werden. Die Metaphorik ist meisterhaft: Der Leopardus sieht aus wie eine Raubkatze, ist aber keine. Das entspricht der Lage des Fürsten aufs Haar.

Don Fabrizio Corbera erscheint als großer Mann, steckt jedoch bis zum steifen Hals in der Krise seiner Klasse. Der Neffe bringt die Sache auf den Punkt:

„Wenn wir bei (den Aufständischen) nicht mitmischen, dann bescheren sie uns die Republik.“

Salina versorgt den Pseudo-Renegaten mit einer Rolle Goldunzen. Der Adel muss sich arrangieren, auch wenn das König Ferdinand II. den Kopf kosten sollte.

Die Konfliktanordnung könnte kaum reizvoller sein. Der König ist ein Kasper auf dem Thron. Die Garanten seiner Herrschaft sind Lebemänner, Sex Pistoleros, Zocker, Florafreunde und Liebhaber volkstümlicher Belustigungen. Sie haben es mit der Mafia von Corleone zu tun: Paten unter sich.

Heute wäre Tancredi ein Hipster mit der Beretta* im Holster. Um das Jahr 1860 zieht er grün wie ein Jäger im Jugendstil seiner Zeit Epochenaufregungen entgegen. Unterwegs träumt er von (der seinem Namen Klang gebenden Insel) Salina. Im Verein mit Lipari, Vulcano, Filicudi, Alicudi, Panarea und Stromboli vervollständigt Salina im Tyrrhenischen Meer vor dem sizilianischen Nordkap den Archipel der Äolischen Inseln.

*In Brescia beweist ein Dokument, dass der Schmied Bartolomeo Beretta bereits in der Leonardo da Vinci-Ära Waffenläufe aus seiner Esse zog. Zur gleichen Zeit forderte Machiavelli ein stehendes Heer zum Nachteil des Söldnerwesens. In dieser Angelegenheit taten sich die Grafen von Savoyen hervor. Die Dynastie hielt sich besser als benachbarte Häuser, die nach der Renaissance und vor dem Risorgimento, dem historisch verbürgten Hauptereignis im „Leoparden“, ihre Bedeutung verloren. Jene Armee, die auf den angestammten Territorien des Geschlechts, namentlich Savoyen, Sardinien und Piemont, die Souveränität garantierten, bildete ab 1861 den Grundstock des italienischen Heeres. Alle Könige des vereinigten Reiches waren bis 1946 Nachfahren von Leuten, die einen allgemeinen Niedergang italienischer Patrizierhochburgen als Ausnahmen von der Regel mit Autonomie zu verbinden wussten.

Auch dem Fürsten von Salina und seinem Neffen ist klar, wo der Hammer hängt. Sie gehören in alter Verbundenheit einem Verlierer an. Versucht Tancredi in den Bergen über Palermo an den Lagerfeuern der nationalistischen Freischärler den Familienkarren aus dem Dreck zu ziehen? Oder hält er seinen Onkel nur zum Narren, wenn er Salina in dem Glauben lässt, fürstliche Interessen in einem Rebellenhaufen zu wahren?

Der alte Don zieht sich die Schnurrbartspitzen auf vertrautem Gebiet lang. Tomasi zählt auf, was Salina im Vorrat hält – raue Mengen ruraler Erzeugnisse, abgestaubt von Lehnsgütern. Dem Autor gelingt es manchmal mit nur einem Satz eine Traditionslinie des Elends zu zeichnen. Die Verhältnisse auf den königlichen Gütern, die Salina ausbeuten darf, sind lediglich de jure nicht mehr leibeigentlich. Der Mezzogiorno hinkt ein Jahrhundert hinter dem industrialisierten Norden her.

Garibaldi ist auch ein Botschafter der Zukunft, kaum vierzig Jahre weg von der Ästhetik des Futurismus. 

Geistiges Stirnrunzeln

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Man zerreißt sich das Maul über den König beider Sizilien und der König duzt sich burlesk die Welt zurecht. Am Ende läuft für diesen Ferdinand alles Glück auf Erden hinaus auf einen Teller Makkaroni und etwas, wozu der Schenkelduft einer neapolitanischen Wäscherin gehört. Das Irdische triumphiert über das Göttliche als der Garantin des Königlichen. Anders gesagt, Ferdinand hängt in den Seilen und erinnert so derangiert, wie er nun mal ist, seinen Haus- und Hoffürsten Salina an die Potemkin’sche Kulissenhaftigkeit der Arrangements.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Der Fürst von Salina, bekannt auch als Don Fabrizio Corbera lässt ein geistiges Stirnrunzeln durchblicken. Er hängt an dem seidenen Faden einer fadenscheinigen Monarchie. Davon hängen auch seine Mätressenwirtschaft und eine lustvolle Überheblichkeit ab. Anders gesagt, Salina wurde zur Dekadenz erzogen und kommt jetzt, da es um seine Privilegienwurst geht, nicht aus den Pantoffeln der Lethargie. In gewisser Weise lässt er sich seine Entmachtung so gefallen wie ein Stück auf dem Theater.

Der Fürst wohnt einem Schauspiel bei. Er betrachtet sich in einer Inszenierung. Keine Beobachtung lässt ihn aus. Er malt sich in jedes Bild.

Salinas stutzerhafte Nonchalance ist ein Kernstück der Faszination, die von Giuseppe Tomasi di Lampedusas epochalem Zufallstreffer „Der Leopard“ ausgeht. Tomasi lässt Salina in Zeitlupe untergehen: und zwar in dem geradezu schizophrenen Zustand gleichzeitiger Hellsichtig- und Uneinsichtigkeit.

Salina erkennt die Schwächen des Systems, das ihn oben hält.

Eines Abends empfiehlt er sich seiner Familie und dem Vorzugsgesinde, insgesamt zählt er vierzehn Köpfe über seiner Tafel, und düst, in abdeckender Begleitung eines gedungenen Seelsorgers, zu Mariannina, die sich - in „resignierter Schamlosigkeit“ - einmal zu dem Ausruf „Du Riesenfürst“ hinreißen ließ. Unterwegs schubst der Don den Jesuiten aus der Kutsche. Die Furcht der Ordensleute vor den revolutionären Aufwallungen rund um Garibaldi, wir schreiben das Jahr 1860, übersteigt die Furcht der Fürsten vor dem Kommenden bei Weitem. Salina besucht Mariannina mit freiem Blick auf die revolutionären Lagerfeuer über Palermo und in Erwartung einer nationalen Erhebung. Er memoriert die Vorzüge der bäurischen Geliebten, findet sich selbst schwach und schweinisch …

„Und er selbst, was war er? Ein Schwein, nichts anderes“

… und ist in Gedanken doch viel mehr bei einem Vers, einem Pariser Zufallsfund, verfasst von „einem dieser Poeten, die Frankreich jede Woche hervorbringt und wieder vergisst“.

Salina mag in Augenblicken sich selbst geringschätzen, im Großen und Ganzen tut er es nicht. Befriedigt kehrt er im ehelichen Schlafzimmer ein und findet Stella zu seiner Zufriedenheit schlafend vor. Die Ehefrau und Mutter von sieben Salinas hat einen hysterischen Anfall mit Baldrian bezwungen.

Tomasi lässt sich Zeit mit seiner Zeitdiagnose. Er gewährt seinem aristokratischen Personal lange Ruhephasen im Müßiggang. Und doch. Sucht der Fürst sein Vergnügen, muss er den „städtischen Pöbel“ als Bedrohung in Kauf nehmen. Er bemerkt „im Volk eine stumme Gärung“. Die Hefe lässt sich nicht mehr so einfach nach dem fürstlichen Willen formen. Deshalb verliert Mariannina devote Zugänglichkeit das beiläufig Selbstverständliche. Das Handwerkliche der körperlichen Liebe, die erotische Verrichtung und das Manöver am Zuber verdienen sich ihre fürstliche Aufmerksamkeit mit dem Aufstandsfluidum vor der Schwelle.

Macht und Mathematik

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Herzog von Palma und Montechiaro (1896 – 1957), schrieb in den 1950er Jahren ohne Vorlauf einen Bestseller, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. Nun soll Burkhart Kroeber dem „Leoparden“ als Übersetzer so zu Leibe gerückt sein wie einst Hans Wollschläger dem „Ulysses“. Ich fand das Werk auch schon in einer früheren Übersetzung großartig. Das Romanpanorama wird ohnehin von Luchino Viscontis Filmbildern aus dem Jahr 1963 und der Präsenz von Claudia Cardinale und Burt Lancaster bestimmt.

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Er erfreut sich bester Gesundheit. Zur Vitalität gesellt sich Intelligenz. Der Fürst kombiniert astronomische Interessen mit der Konfination aller Unbequemlichkeiten. Er ist der Erste seines (von der im Titel bereits aufgegriffenen Raubtierheraldik geschmückten) Geschlechts, der das Finanzgeschehen begreift, das seine Haushalte entfalten. Seine Vorgänger waren einfältige Despoten. Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina, erscheint wenigstens im Vergleich mit älteren Leoparden als brillanter Tyrann. Er unterhält ein Stadthaus in Palermo und diverse sizilianische Landsitze. Er pendelt mit Gefolge.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Der Fürst geriert sich als geistiger und geistlicher Führer in der Verkörperung überbordender Anachronismen. Im ersten Tableau wirft er sich auf dem Balkon seines Ranges in die Brust. Dies geschieht 1860 am Vorabend eines weit großartigeren Auftritts. Giuseppe Garibaldi rumort in den Kulissen. Das Risorgimento, die nationalstaatliche Vereinigung der italienischen Fürstentümer, entfaltet seinen Furor wider den separatistischen Neigungen provinziell-irrlichtender Potentaten.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Herzog von Palma und Montechiaro (1896 – 1957), schrieb in den 1950er Jahren ohne Vorlauf einen Bestseller, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. Nun soll Burkhart Kroeber dem „Leoparden“ als Übersetzer so zu Leibe gerückt sein wie einst Hans Wollschläger dem „Ulysses“. Ich fand das Werk auch schon in einer früheren Übersetzung großartig. Das Romanpanorama wird ohnehin von Luchino Viscontis Filmbildern aus dem Jahr 1963 und der Präsenz von Claudia Cardinale und Burt Lancaster bestimmt. Da steckt inzwischen ein biografischer Grundstock im Material.

Tomasi weist den Leser ein wie einen Blinden. Er liefert ihm eine Geruchsoffenbarung auf jenem schmalen Grat, der keinen Unterschied zwischen Leben und Tod mehr kennt. Die Opulenz zwischen Fülle und Fäulnis steigt dem Fürsten nach der Andacht auf einem Spaziergang in die Nase. Selbstverständlich bleibt er auf seinem Grund, den er, das ist dann schon Metaphorik, historisch gar nicht so einfach verlassen kann als Mächtiger der Königreiche beider Sizilien, zu denen, nach einem Papstwort von 1265, Neapel gehört. Gleichzeitig wird ihm der Teppich unter den Füßen weggezogen. Seine Entmachtung entspricht einem Akt der Konstitution eines italienischen Königreichs über viele Grenzen hinweg. Das Regime der Renaissance in der Vielzahl seiner florentinischen und venezianischen Erscheinungen endet gerade: auch im Garten des Fürsten, wo Rosen vulgär riechen und obszön aussehen infolge einer geradezu verbotenen Fruchtbarkeit des Bodens. „Schamlos“ nennt Tomasi den Duft. Er ist so schamlos wie das Leben - und der Tod, der sich einschleicht in Gestalt eines von Rebellen getroffenen Infanteristen. Zum Sterben zog sich der Soldat auf das fürstliche Anwesen zurück. Seine Leiche stinkt mit den Blumen um die Wette. Die Unterscheidung des einen vom anderen bedarf der kräftigsten Hinweise. Die Entdeckung des für Salinas Interessen Gefallenen und der Abtransport reihen sich als Gipfel der Pietätslosigkeit aneinander.

Kein Wert kommt dem Leben eines gemeinen Mannes zu. In der Geburtslotterie hat er die erste Niete gezogen und auf dem Schlachtfeld die letzte. Tomasi betrachtet den irdischen Verkehr, er schwelgt in den Farben der herausgekleckerten Eingeweide. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass einer vom Fünften Jägerbataillon im grünen Rock die Unverfrorenheit besaß, unter Don Fabrizios Zitronen ins Gras zu beißen.

Tomasis Held beginnt ein Selbstgespräch über die Ordnung, kurz bevor sein Schöpfer dem Leser die Ordnung zeigt – als eine hochtrabend verkommene Angelegenheit. Dazu bald mehr.     

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