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13.12.2019, Jamal Tuschick

Ein Mann behauptet, verfolgt zu werden, und muss erleben, dass ihm keiner glaubt. Das ist die Spielanordnung in einem Maigret, der so wenig ein Kriminalroman ist, dass ich mich dazu entschlossen habe, ihn im Mainlabor als die Geschichte eines Verfolgten vorzustellen. „Maigret und sein Toter“ entstand im Dezember 1947 wieder in Rekordzeit.

Tote Zeit

„Um halbzwei waren nur noch Maigret und Lucas in der Gaststube. Die tote Zeit begann.“

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Ein Mann behauptet, verfolgt zu werden, und muss erleben, dass ihm keiner glaubt. Das ist die Spielanordnung in einem Maigret, der so wenig ein Kriminalroman ist, dass ich mich dazu entschlossen habe, ihn im Mainlabor als die Geschichte eines Verfolgten vorzustellen. „Maigret und sein Toter“ entstand im Dezember1947 wieder in Rekordzeit. Die Episode einer in Jahrzehnten nicht aufgegebenen work in progress erzählt von einem kindlich gebliebenen und deshalb kindisch wirkenden Mann namens Albert Rochain. Bis zu seiner Ermordung führte der Rennbahn-Filou gemeinsam mit seiner Ehefrau Nine eine Schankwirtschaft. Nine hielt den Laden zusammen – mit einer gut-bodenständigen Küche und einem exzellenten Gedächtnis für die Vorlieben ihrer Gäste. Das Paar bildete eine natürliche Barriere vor dem Treibgut, dass sich in Kneipenreusen zwangsläufig verfängt. Stammgäste spekulierten über einen Wohlstandsvorsprung der Frau. Die verdoppelte Fähigkeit zur Konsolidierung ständig bedrohter Verhältnisse stellte sich als Rätsel im sozialen Schlamm dar.

Georges Simenon, „Tote Zeit“, Roman, aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Sophia Marzolff, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe, 282 Seiten, 12,-

Wie machen die das? Warum kippen die nicht aus den Latschen? Haben Albert und Nine heimliche Verbündete? Stehen sie unter dem Schutz eines umstürzlerischen Syndikats?

Solche Fragen stellte man sich in Charenton-le-Pont. Da mündet die Marne in der Seine. Paris liegt vor der Tür. Man fand zu Simenons Zeiten noch lauter Kontaktstellen zwischen Dorf und Vorstadt. Eine unterschwellige Negation des Überkommenen fusionierte mit Transitphänomenen. Für Maigret ergibt diese Milieu-Melange eine ideale Kulisse. Er ist das alles in Fleisch – ein zur Stadt metastasiertes gallisches Dorf – Reihenhausfestung und Marktplatz in einer Person.

Maigret raucht wie ein Schlot, er nimmt (noch) einen Calvados, bevor er sich zu einem Toten chauffieren lässt. Man schickt dem Chef ein Taxi, wenn er es eilig hat.

Leute, die Maigret auf Augenhöhe begegnen, sind oft starke Raucher und neigen zu gebildetem Schwachsinn in der Preisklasse „Tabak sei das beste Antiseptikum“.

Mich erinnert Maigrets bramarbasierende Plaudereien an Simenons tarzan’esken Selbstbespiegelungen als Journalist auf Recherche bei der Pariser Polizei. Maigret hat seinen Schöpfer am Hals. Simenon setzt sich ständig selbst ins Bild und raschelt in den Falten der Ereignisse.

Au Petit Albert heißt das Lokal der Rochains. Der Kommissar findet es nach der Ermordung des Wirtes verlassen vor. Nine ist verschwunden. Maigret besetzt die vakanten Rollen mit einem untergebenen Kollegen und dessen Frau.

Emilé und Irma Chevrier spielen die professionellen Gastgeber. Ihnen wird sofort mächtig zugesetzt. Die einkehrenden Malocher beanspruchen die Kneipe als öffentliches Wohnzimmer und Kiezzentrale. Wer nicht aus ihrem Viertel ist und nicht als wandernder Mauer einen brauchbaren Leumund besitzt, muss sich bohrende Fragen gefallen lassen. Nicht von hier zu sein, ist ein Malus.  

Bald mehr.

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