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13.12.2019, Jamal Tuschick

Zu den exquisiten Verstörungen, die der „Leopard“ bei seinen Lesern auslöst, zählt die undemokratische Parteinahme des Autors für einen Autokraten. Giuseppe Tomasi di Lampedusa schildert den Fürsten von Salina als liebenswerten Dinosaurier. Er findet ihn erhabener als den mediokren Rest. Selbst der allseits beliebte Tancredi schneidet schlechter ab als der Italo-Deutsche Kammerherr eines gestürzten Königs.

Atlantische Schaumkronen oder Das Amerika der Antike

US-Amerikanische Marinemaler stürzten sich in der Gegend von Pont-Aven in Abenteuer der Landschaftsmalerei. Sie reagierten auf das bretonische Licht, die malerische Küstenlinie und das rousseau'esk-romantisierte Landleben. Sie setzten der Maschinenmoderne etwas entgegen.

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Ich möchte einmal wieder von einer Bemerkung meines Großcousins Eckart Britsch ausgehen, der zuletzt Pablo Picassos Erkenntnis Gute Maler kopieren, großartige stehlen richtig einordnete und so gelehrt gegen den Strich des Landläufigen bürstete. Die meisten, so Britsch, lesen die Satz falsch. Es geht um das Begreifen in der Luft liegender Angelegenheit von erheblicher Tragweite. Großartige Künstler werden von dem Verlangen gesteuert, sich neuen Ideen hinzugeben, sich von ihnen mit- aus- und einnehmen zu lassen und sie gleichzeitig durchzuarbeiten (Sigmund Freud).

Mein Urgroßvater und Eckarts Großvater war Juwelier am Hof des dänischen Königs. Der schöne Emil Britsch ließ sich in einem weißen Smoking und in einem gläsernen Sarg beerdigen.

Die schöne Kollektivität, aber auch die Unvermeidlichkeit des Gemeinschaftlichen, fiel mir zuletzt im bretonischen Département Finistère ein: bei der Betrachtung einer sommerfrisch-schulmäßigen und doch ganz individuellen Landschaftsmalerei, die jeder, der im 20. Jahrhundert sozialisiert wurde, allenfalls als Vorstufe der brennenden Moderne im Geist einer Rebellion gegen alles versteht; da man sich zu lange nicht klargemacht hat, wie massiv und autonom die Einrede des Impressionismus gegen die Rücksichtslosigkeit der industriellen Revolution war.  

Links: Camille Pissarro, rechts: Paul Gauguin

Unter den Impressionisten von Pont-Aven waren nicht wenige amerikanische Marinemaler, die eine von den offiziellen Kunstrichtern auf der niedrigsten Stufe angesiedelte Freiluftmalerei mit den drei Facetten Landleben, Strandansichten und Wettertheatralik feierten. Sie rückten Bretoninnen in ihren Trachten vor schroffe Küstenlinien und atlantische Schaumkronen. Manches erinnert an die sowjetische Malerei des frühen sozialistischen Realismus. Manches spielt mit Gauguin-Konstellationen. Manches lässt an Van Gogh denken und stammt doch von Gauguin und Camille Pissarro. Die Moderne suchte sich ihre Paten und lockte sie mit der Schönheit abgeernteter Felder.

Am liebsten möchte ich alles gleichzeitig erzählen, von der Bretagne, dem Geschlecht der Britschs, dem ich großmütterlicherseits angehöre, von Tancredi, dem sich revolutionär gebärdenden Neffen des Fürsten von Salina. 

La cathédrale Notre-Dame de Rouen

Tancredi, diese Kreuzung zwischen einem gerissenen, skrupellos opportunistischen Penetrationsexperten (er umarmt den Feind auch da, wo er sich über Klassenschranken hinwegsetzt, um neben volkstümlicher Schönheit ein Vermögen zu gewinnen) und einem empfindsamen jungen Mann, der, wie jeder große Künstler, so sagt es Britsch, berühmte Zeilen zitierend, „das Neue im Erdkreis zu benennen“ sucht.   

Tancredi heißt wie eine Oper von Gioachino Rossini. Das wurde gewiss bedacht von seinem Schöpfer Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Tancredis Onkel, der alte Fürst, verliert den blinden Gehorsam seiner Untertanen. Politische Veränderungen dynamisieren die Verhältnisse aufstrebender Sizilianer, die sich bereits ihrem Herkunftsmilieu entfremdet haben, aber in einer intakten feudalen Gesellschaft von freier Entfaltung weit entfernt blieben. Nun vergrößert Garibaldi mit großer historischer Verspätung das Spielfeld der plebejischen Oberschicht (auch) auf Sizilien.

Der Fürst nennt die Tüchtigen Liberale. Das Abschätzige seines Urteils versteht sich von selbst.

Die Verschiebungen im Gefüge, das Nachlassen der alten Ordnung, dieses Klirren der Gläser im Vertiko einer Erbfolge, die man lange für göttlich dekretiert gehalten hat, beunruhigt den Fürsten. Mehr noch als beunruhigt erscheint er verstimmt von dem Verlust der Selbstverständlichkeit seiner Herrschaft.

Es geht nicht um den Verlust von Privilegien.

Es geht um die Lust an der Willkür; um anmaßende Herrschaft als absolute Selbstbestätigung.

Tomasi umkreist das Thema. Das fürstliche Begehren richtet sich auf die Unterwürfigkeit der Gattin und einer Tochter. Es wirkt gleichermaßen als Motor und als Treibstoff und es verfängt sich in der milchigen Brühe einer idiosynkratischen Geschichtswahrnehmung. Der Fürst beneidet seine Ahnen um die Unverfrorenheit, mit der sie sich an den Töchtern ihrer Dörfer vergreifen konnten, ohne in die Not von „Eiertänzen“ zu geraten.

Tomasi unterstellt seinem Helden einen „Anfall von atavistischer Wollust“ in einer Landschaft, deren Resilienz einer mörderisch herrschsüchtigen Sonne nicht zuletzt geschuldet ist. In der Gegend des Geschehens kommt das Anthropozän nicht zum Zug. Seit Sizilien als „Amerika der Antike“ wahrgenommen wurde, konnte kein Mensch durchgreifende Kultivierung erzwingen.

Die Landschaft gibt dem Fürsten recht, während die Zeit beide auslacht. Salina fühlt sich als Gefangener, da er nun, wie Jedermann gezwungen ist, seine Lage zu erwägen. Außerdem muss er mit dem Trotz des Volkes rechnen.

Dies geschieht diesem Mann:

Don Fabrizio Corbera ist nur zur Hälfte Sizilianer. Seiner deutschen Mutter verdankt er jenen teutonischen Gutteil, der den Italienern immer schon aufgefallen ist, auch als sie noch Römer waren.

Wir haben also einen Mordskerl vor uns. Tomasi macht ihn so kolossal, dass er „im adamitischen Zustand“ (in „titanischer Nacktheit“) Verwirrung auslöst. Dem „farnesischen Herkules“ schießt Badewasser in die Täler seines Leibes „wie die Rhône, der Rhein und die Etsch sich aus den Höhen der Alpen ergießen“. 

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Zu den exquisiten Verstörungen, die der „Leopard“ bei seinen Lesern auslöst, zählt die undemokratische Parteinahme des Autors für einen Autokraten. Giuseppe Tomasi di Lampedusa schildert den Fürsten von Salina als liebenswerten Dinosaurier. Er findet ihn erhabener als den mediokren Rest. Selbst der allseits beliebte Tancredi schneidet schlechter ab als der Italo-Deutsche Kammerherr eines gestürzten Königs.    

Bald mehr.   

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