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14.12.2019, Jamal Tuschick

Jan Böhmermann spricht mit Bruch in der Stimme vom Mitgefühl: als im Ernst dilettierender Satiriker. Zwei Tage später kommt Deniz Yücel frei. Er soll auf der Stelle die Türkei verlassen, die Bundesregierung „schickt ein Flugzeug“. Yücel sträubt sich. Er hat zwei Jahre in Istanbul gelebt und will da nicht einfach alles stehen und liegen lassen, um halbwegs präsidial zwischen grata und non grata als zum Symbol gewordene Person sowie als Staatsgefangener in (temporärer) Freiheit nach dem Willen von Staatsleuten zu fluktuieren. Er will sein Privatleben zurück – den Zivilistenstatus des Kulturpartisanen.

Das verlorene Dosenbierglück von Istanbul

Eingebetteter Medieninhalt

Am 14. Februar 2017 wird Deniz Yücel (als türkischer Staatsbürger) in Polizeigewahrsam genommen. Die Staatsanwaltschaft Istanbul wirft ihm auch Terrorpropaganda vor. Der Vorwurf stützt sich auf ein Interview mit Cemil Bayik. Die türkische Regierung sieht in Bayik das Übel als Kurde, dem Yücel in einem aufwertenden Zusammenhang Raum gab. Für die Behörden ist der Journalist ein verkappter Parteigänger, viel mehr Aktivist als Journalist.

Rechts: Deniz Yücel wird im Festsaal gefeiert. Links: Yücels Kollege Can Dündar im Gespräch mit Deniz Utlu. Dünbar war in Barcelona, als in seiner Heimat ein Putschversuch fehlschlug und der Staatspräsident die Gunst der Stunde nutzte. Hinter dem eisernen Vorhang des Ausnahmezustands regierte er mit der Vollmacht eines Diktators per Dekret. Dündar wuste, dass ihn ein Festnahmekomitee auf jedem türkischen Flughafen erwartete. Er erwog, sich von Erdoğan zum Staatsgefangenen machen zu lassen.Zweimal lebenslänglich steht immer noch auf der Wunschliste seiner Feinde und ihres Führers.

In Yücels Nachbarschaft entbehrt Hüseyin Avni Mutlu die Freiheit. Als Gouverneur der Provinz Istanbul war Mutlu auch Chef der Schließer im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9. Nun untersteht er ihrer Aufsicht. Recep Tayyip Erdoğan wirft ihm vor, an dem gescheiterten Putsch von 2016 beteiligt gewesen zu sein. Mutlu balancierte bei der Bekämpfung der Gezi-Proteste zwar auf der Hard Line, als Erdoğan-Gegner erscheint er jedoch kaum der Rede wert.

Deniz Yücel, „Agentterrorist - Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“, Kiepenheuer & Witsch, 394 Seiten, 22,-

Während Deniz Yücel zum Fluidum verdichteter Intellektualität und oppositioneller Prominenz beiträgt, bemühen sich in Deutschland viele um seine Freilassung. In Berlin begeht ein befreiungsaktivistischer Freundeskreis den ersten Jahrestag der Verhaftung am 14. Februar 2018 öffentlichkeitswirksam auch mit „roten Ballonherzen“. Einem FreeDeniz-Autocorso folgt ein Solidaritätsabend im Festsaal Kreuzberg.

Nie habe sich ein Termin schneller fixen lassen, meldet Mely Kiyak. Alle wollen dabei sein. Auf sich aufmerksam machen die Jungle World, Welt, taz, Edition Nautilus und der Verbrecher Verlag. Auf der Bühne ergänzen sich Michel Friedmann, Imran Ayata, Daniel-Dylan Böhmer, Doris Akrap, Maxim Biller, Matthias Lilienthal, Jens Friebe, Oliver Polak, Sven Regener, Andreas Rüttenauer, Margarete Stokowski und Özlem Topcu. Jan Böhmermann und Robert Stadlober beteiligten sich im Zuschaltmodus.

Deniz‘ Familienname wird gerade vom Volksmund geschluckt. Der taz-Linke bei der „Welt“ ist bereits unser ¡No-pasarán!-Deniz, Deniz der Pressefreiheit und sowieso der Deniz diverser deutsch/kurdisch/türkischer Freundschaften. Yücel fungiert als Deniz für Nachweise repressiver Toleranz in tückisch mutierenden Demokratien, die sich querstellen wie Tanker in verhangenen Hochseemanövern. Niemand hat damit gerechnet, dass Recep Tayyip Erdoğan so ungebremst vorankommt bei seiner Umwandlung der laizistischen Türkei in eine gleichgeschaltete Gesellschaft.

Friedman ermahnt den türkischen Staatschef in direkter Ansprache. Er stellt fest:

„Einige zahlen einen hohen Preis für die Freiheit des Gedankens.“

Jan Böhmermann spricht mit Bruch in der Stimme vom Mitgefühl: als im Ernst dilettierender Satiriker. Zwei Tage später kommt Deniz Yücel frei. Er soll auf der Stelle die Türkei verlassen, die Bundesregierung „schickt ein Flugzeug“.

Yücel sträubt sich. Er hat zwei Jahre in Istanbul gelebt und will da nicht einfach alles stehen und liegen lassen, um halbwegs präsidial zwischen grata und non grata als zum Symbol gewordene Person sowie als Staatsgefangener in (temporärer) Freiheit nach dem Willen von Staatsleuten zu fluktuieren.   

Er will sein Privatleben zurück – den Zivilistenstatus des Kulturpartisanen.

„Ich habe meine Wohnung hier, meine Arbeit, meine Katze, meine Freunde.“

Die Gezi-Proteste haben Yücel ein neues Istanbulgefühl gegeben. Doch das Dosenbierglück in den Stadtparks ist sowieso eine Angelegenheit von temps perdu.

„Es geht nicht um drei Bäume in einem verwahrlosten Park“, sagte ein Delegierter der Initiative #direngeziparki damals im Ballhaus Naunynstraße vor zweihundert Leuten. Die Anspannung war mit Händen zu greifen. Das war eine Szene wie von Sergej Eisenstein.

„Es geht gegen die repressive AKP-Regierung und um mit Füßen getretene Menschenrechte“, führte der Delegierte aus.

„Das ist erst der Anfang unseres Widerstands.“

Voicing Resistance

Ich denke an Mely Kiyaks „Aufstand“. Das füllt eine ausgesparte Stelle in Yücels Bericht.  

Ein Mann steht im Nebel und erzählt von Tränengasattacken auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park. Er weiß, Wasser hilft nicht gegen Gas. Er hält Zitronen in Reserve, in Istanbul hielt er es nicht lange aus. Seine Heimat liegt am Tigris, Dicle sagt man in Diyarbakır zu einem Fluss im Zweistromland. Der Mann ist türkischer Lehrer bis halbeins und kurdischer Künstler am Nachmittag. Wären seine Urgroßeltern Armenier gewesen, würde ihn Frankreich als Künstler vielleicht feiern. Er kann sich aber nicht schick machen in der Diaspora. In Diyarbakır ist für eine kurdische Identität noch alles da.

Mehmet Yılmaz spielte den wütenden Künstler. Seine Mittel lieferte ihm die Repression, das war der Witz. „Voicing Resistance“ heißt die Reihe in der Mely Kiyaks „Aufstand“ über die Bühne ging … Mely Kiyak schickt in dieser Konstellation Konflikte durch Filter eines an sich laborierenden Ichs. Ja, Bênav war im Gezi-Park, doch passte ihm da kein Wir. Er hätte nur bei Leuten mitmachen können, die ihn schon einmal mit einer ethnischen Begründung ausgeschlossen haben. Das wäre nicht das Richtige gewesen – mit den Falschen gemeinsam Angst zu haben. Bênav exponiert die Angst: „Du gehst raus und hast Angst.” Er fürchtet: „Rümbrüllen, das sieht doch nicht aus.”

Bênav sagt: „Erinnern ist Widerstand.“

Die Macht der Täter äußert sich im Schweigen ihrer Opfer.  

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